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Der Konsument als medientechnisches Phantom

Zahlenmagie prägt die Medien. Sekundenschnell verfügbare Messresultate entscheiden heute darüber, was die Redaktionen dem Publikum vorsetzen. Ist das marktkonform?

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Der Chefredaktor von «20 Minuten», Gaudenz Looser, empfiehlt seine Redaktion als Leitstern. Die Konkurrenz solle sich etwas mehr an seinem Organ orientieren, schrieb er vor einer Woche in einem Meinungsbeitrag für die «NZZ am Sonntag». Immer noch würden viele Journalisten die eigene Leserschaft geringschätzen. Ihre Texte verstünden sie als Kunstwerk statt als Produkt, das sich an der Nachfrage zu orientieren habe.

Der Chef des Pendlerblatts sollte die Newsrooms anderer Medienhäuser besuchen. Künstler würde er dort kaum antreffen. Die Anbieter von aktuellen Informationen haben ihre Produktion im vergangenen Jahrzehnt radikal umgestellt. Messdienste, welche den Publikumsverkehr auf den einzelnen Plattformen im Sekundentakt registrieren, prägen längst den redaktionellen Alltag. Selbstverwirklichung kann sich hier keiner leisten.

Die Zahlen zählen. Wer die Resonanz auf dem digitalen Medienmarkt zu maximieren versteht, hat einen klaren Vorteil auch im hausinternen Wettstreit um die knapper werdenden Ressourcen und Arbeitsplätze. Die in den redaktionellen Maschinenräumen ständig präsenten Nutzerdaten und das Wissen darum, dass die Kollegen und die Chefs den Erfolg oder Misserfolg der eigenen Artikel stets registrieren können, verändern fundamental die Art, wie die Journalisten Aktualitäten auswählen und aufbereiten. Themen, die erfahrungsgemäss wenige Konsumenten anzulocken versprechen, fallen schneller als früher unter den Tisch. Die Angst vor schlechten Quoten sitzt jedem im Nacken. Ältere Semester erinnern sich an die achtziger und neunziger Jahre, als die Fernbedienung den Fernsehmarkt zu prägen begann und die Zeitungsjournalisten die Sender wegen deren Quotenfetischismus kritisierten. Das war einmal.

Wenn die Medienanbieter ihr Tun erklären, betonen sie gerne, dass die «Einschaltquoten» nur ein Faktor unter anderen seien. Ebenso gehe es ihnen um inhaltliche Kriterien. Das mag von Fall zu Fall zutreffen. Die Magie der absoluten Zahlen überstrahlt jedoch im Alltagsgeschäft schnell die qualitativen Aspekte. Diese haben im diskursiven Wettbewerb mit harten Daten die Widerstandskraft eines Puddings.

Es geht hier nicht darum, einer sterbenden Kultur der schönen Nische nachzuweinen. Jeder Journalist muss daran interessiert sein, dass seine Erzeugnisse Abnehmer finden und damit wirtschaftlichen Erfolg haben. Wenn sich die Marktlage ändert, muss man sich neu ausrichten. Das ist klar.

Fraglich ist, ob dieses Ziel durch den dauernden Blick auf die medialen Börsenkurse erreichbar ist. Die Branche weiss längst, mit welchen Themen und mit welchen Darstellungsmitteln sich der Zulauf von Kunden maximieren lässt und wie welche Zielgruppen ansprechbar sind. Entsprechende Einsichten bekräftigten bereits die noch primitiveren Messdienste der analogen Ära. Inzwischen sind Analyseverfahren im Einsatz, die elaborierter sind als die Klickzähler zu Beginn des digitalen Journalismus. Gleichzeitig hat jedoch die Menge an verfügbaren Daten zugenommen, welche richtige Rückschlüsse auf das Verhalten des Publikums erschweren. Je mehr Informationen wir bekommen, umso weniger wissen wir. Der «User» wird zum Phantom. Letztlich geht es aber auch um Glaubwürdigkeit: Wie ernst nimmt das Publikum Journalisten, die ständig versuchen, ihm nach dem Mund zu reden?

Zur Person

Rainer Stadler

NZZ

Rainer Stadler

(ras.), seit 1989 bei der NZZ, hält in seiner Kolumne «In Medias Ras» der zur Selbstgerechtigkeit neigenden Medienbranche den Spiegel vor.

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