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Switzerland

Der Kanton will Imame weiterbilden

In Zürich leben rund 100'000 Menschen, die einer islamischen Gemeinschaft angehören. Zum Vergleich: 433'000 Zürcherinnen und Zürcher sind reformiert, 391'000 katholisch. Diese muslimischen Organisationen sind verfassungsrechtlich nicht anerkannt.

Das heisst, der Staat hat keine Handhabung, sich einzuschalten, wenn, über die bestehenden Gesetze hinaus, seiner Meinung nach etwas schiefläuft. Und die Gemeinschaften können auf keine Unterstützung vom Staat zählen, auch wenn sie Leistung erbringen, die der Gesamtgesellschaft zugutekommen.

Mehr Toleranz, weniger Vorurteile

Der Regierungsrat will nun das Verhältnis zu diesen nicht anerkannten Religionsgemeinschaften klären. Dazu hat die Direktion der Justiz und des Innern (JI) eine Studie in Auftrag gegeben, die die Situation dieser Religionsgemeinschaften aufzeigt, zu denen unter anderen auch die orthodoxen Kirchen, die Buddhisten und Hindus gehören.

Heute Morgen hat Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) zusammen mit den Studienleitern Martin Baumann vom Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern und Hansjörg Schmid vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg die Resultate vorgestellt.

Der Fokus lag bei den muslimischen Gemeinschaften, welche in der Öffentlichkeit am kontroversesten wahrgenommen werden. Die Studie zeigt: Die finanzielle Unterstützung durch den Staat steht nicht im Vordergrund. «Wichtig ist vor allem die gesellschaftliche Akzeptanz», stellt Baumann fest. «Die Untersuchung zeigt, dass sich die Muslime vor allem mehr Toleranz wünschen und unter Vorurteilen leiden.»

Kompetente Ansprechpartner

«Wir müssen denen den Rücken stärken, die an einer guten, verbindlichen Zusammenarbeit mit uns interessiert sind», sagte Fehr. Und dies will die Regierung in zwei Bereichen in Angriff nehmen, von denen sie sich die grösste Hebelwirkung verspricht: Die Dachverbände stärken und die Betreuungspersonen weiterbilden.

In beiden Bereichen ortet die Studie Handlungsbedarf. So kann die Vereinigung der Islamischen Organisation in Zürich (VIOZ), die achtzig Prozent der Moscheen im Kanton vertritt, sich gerade einmal eine mit zwanzig Prozent dotierte Geschäftsstelle leisten. Das reicht nicht aus, um eine präsente und kompetente Ansprechpartnerin für öffentliche und private Stelle zu sein.

«Das verursacht bei allen Beteiligten Frustrationen und Missverständnisse», ist Fehr überzeugt. Der Staat müsse hier beim Auf- und Ausbau von geeigneten Strukturen behilflich sein.

Freitagspredigt in Deutsch

Bei den Weiterbildungen stehen die muslimischen Geistlichen, die Imame, im Vordergrund. Die Studie zeigt auf, dass 45 Prozent der muslimischen Betreuungspersonen einen Hochschulabschluss haben und zwei Drittel der Imame die Freitagspredigt in Deutsch – oder auch in Deutsch – halten. «Diese hohe Zahl hat uns selbst überrascht», sagt Studienleiter Schmid.

Das Interesse an Weiterbildung sei gerade bei den Imamen gross, doch wird für sie derzeit in der Schweiz keine theologische-religiöse Weiterbildung angeboten. Hier will der Kanton aktiv werden. «Ein solides Wissen ist wichtig», sagt Fehr. Wichtig sei auch, dass die muslimischen Geistlichen dieses im Kanton erwerben können. «Damit sie in unserer Kultur zu Hause sind und diese im Sinne der Aufklärung auch akzeptieren.»

Seelsorge in Spitälern

Im Bereich der reinen Seelsorge existiert seit 2017 bereits ein Weiterbildungslehrgang, der vielversprechend gestartet ist. Getragen wird er vom Verein Qualitätssicherung der Muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen (Quams), etwa in Spitälern oder Pflegeheimen. Quams wird von der JI und der VIOZ getragen.

Laut Lorenz Egli, Religionsdelegierter der JI, ist der Bedarf grösser als erwartet. Die Absolventinnen und Absolventen sind pro Monat zwischen zwanzig- und dreissigmal im Einsatz. «Ausgegangen sind wir von zehn Einsätzen.» Quams hat seit Sommer 2018 auch die muslimische Asylseelsorge in den Zürcher Bundesasylzentren übernommen, weil der Bund dieses Angebot stoppte.

Rechte und Pflichten regeln

Das Verhältnis zu den nicht anerkannten Religionsgemeinschaften soll aber auch auf gesetzlicher Ebene geklärt werden. Die JI wird im Sommer einen entsprechenden Prozess starten. «Wir müssen die rechtlichen Grundlagen für das Zusammenleben schaffen», sagt Fehr. Daran sei vorab auch der Staat interessiert, um die eigene Autorität zu stärken.

Einen Schritt weiter sind die öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften, ein Konstrukt, das es in der heutigen Form seit 2005 gibt. Dazu gehören neben der Evangelisch-reformierten Landeskirche und der Römisch-katholischen Körperschaft die Christkatholische Kirchgemeinde sowie zwei jüdische Gemeinschaften.

Diese verfassungsrechtliche Anerkennung erlaubt zum Beispiel eine Unterstützung der Religionsgemeinschaften beim Eintreiben der Steuern oder eine finanzielle Entschädigung für Tätigkeiten mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung.

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