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Switzerland

Der HC Lugano versucht den Neuanfang, Zeit dafür hat er aber nicht

Ein neuer CEO, ein neuer Sportchef, ein neuer Trainer: Der HC Lugano hat auf diese Saison hin mit seiner Geschichte gebrochen. Doch bei Halbzeit der Qualifikation macht sich unter den Anhängern Unmut breit. Sie wollen Erfolg, und zwar subito.

Einer aus dem eigenen Nachwuchs: der 24-jährige HC-Lugano-Stürmer Luca Fazzini.

Einer aus dem eigenen Nachwuchs: der 24-jährige HC-Lugano-Stürmer Luca Fazzini.

Samuel Golay / Keystone

Man hat wieder einmal gefeiert am Samstagabend in Lugano. Man feierte einen 3:1-Sieg des Hockey Club über die ZSC Lions. Das war gut für die Moral der Mannschaft, und es war vor allem gut für die Laune der Anhänger. Noch vor dem Match hatte der harte Kern über ein Transparent mit nicht druckreifen Worten kundgetan, was er von den Spielern, vielleicht auch vom Management hält: nämlich gar nichts.

Der HC Lugano taumelt – wieder einmal. Nach gut der Hälfte der Qualifikation belegt er keinen Play-off-Platz. Im November gewann das Team nur drei Punkte. Es verlor da unter anderem gegen Langnau, Rapperswil-Jona und vor allem auch gegen den Kantonsrivalen Ambri-Piotta. Volkes Seele brodelte und forderte Opfer: den Trainer, einen Ausländer, egal wen. Irgendein Kopf muss rollen.

Die Schatten der Vergangenheit

Die Anhänger messen die Leistungen der Mannschaft immer noch an jenen der glorreichen achtziger Jahre, als sich der HC Lugano in fünf Jahren vier Meisterschaften sicherte. Doch diese Zeit ist längst vorüber. Der letzte Titel liegt 13 Jahre zurück. Zwei Finalniederlagen 2016 gegen den SCB und 2018 gegen die ZSC Lions brachten vorübergehend Licht in den trüben Alltag.

Die Konkurrenz hat aufgeholt, hat Lugano überholt. Mittlerweile gibt es in der Liga mindestens vier, wenn nicht fünf Klubs, die bessere Löhne zahlen und auch attraktivere Perspektiven bieten. Gregory Hofmann verliess Lugano Richtung Zug, Damien Brunner ging nach Biel, Philippe Furrer nach Freiburg. Fredrik Pettersson spielt nun für die ZSC Lions. Calle Andersson zog die Vertragsverlängerung in Bern der Offerte aus Lugano vor. Marco Werder sagt: «Der Klub hat vor sieben Jahren erkannt, dass er mehr Spieler aus dem eigenen Nachwuchs ins Team einbauen muss. Das war ein riesiger Schritt.»

Werder war in der Zeit des «Grande Lugano» im Klub gross geworden. Doch eine echte Chance auf einen Platz in der ersten Mannschaft erhielt er nicht. Er wechselte zuerst nach Rapperswil, dann zum EHC Chur. 2012 kehrte er als Nachwuchsverantwortlicher nach Lugano zurück.

Der HC Lugano und seine Anhänger hatten in der laufenden Saison noch wenig Grund zum Jubeln.

Der HC Lugano und seine Anhänger hatten in der laufenden Saison noch wenig Grund zum Jubeln. 

Samuel Golay / Keystone

Nun, mit 47 Jahren, ist er möglicherweise der wichtigste Mann im Konstrukt, das zum neuen HC Lugano werden soll. Im Sommer setzte ihn der Verwaltungsrat als CEO ein. Gleichzeitig ersetzte der ehemalige Spieler Hnat Domenichelli als Sportchef Roland Habisreutinger. Es war der Versuch, mit der Vergangenheit zu brechen. Doch die ist nicht so leicht abzuschütteln. Der Klub ist weiterhin durchdrungen vom elitären Zirkel um die Besitzerfamilie Mantegazza, die ihn einst gross gemacht hat. Im Hintergrund zieht die alte Riege um den Mantegazza-Vertrauten Fabio Gaggini still und leise ihre Fäden. Gaggini hat sich vor fast zwanzig Jahren offiziell aus dem Klub zurückgezogen. Doch über Sascha Schlub, der Partner in seiner Advokatur ist, pflegt er weiterhin direkten Zugang zum Verwaltungsrat. Letzte Woche wurde Gaggini in den Stiftungsrat der HC Lugano Academy gewählt.

In diesem Klima arbeitet der neue CEO. Werder soll die Abläufe im Klub verschlanken und ihn auf ein modernes Fundament stellen. Dass er gleichzeitig weiterhin in der bisherigen Funktion als Kopf der Nachwuchsabteilung tätig ist, verdeutlicht, wohin die Zukunft des HC Lugano führen soll. Am Samstag standen sieben Spieler aus dem eigenen Nachwuchs auf dem Eis – das war nur einer weniger als bei den ZSC Lions, die punkto Nachwuchsförderung landesweit als Musterorganisation gelten.

Die Arbeit, die der HC Lugano in den vergangenen Jahren in der Nachwuchsförderung geleistet hat, wird im Rest der Schweiz unterschätzt. Momentan spielen 412 Junioren auf verschiedenen Altersstufen im Klub. Das ist im Ligavergleich bestenfalls Durchschnitt. Doch wer Luganos Effort richtig einschätzen will, muss auch die Voraussetzungen kennen. Werder sagt: «Weil im Tessin neben uns und Ambri nur sechs Klubs eine Nachwuchsabteilung betreiben, müssen wir die ganze Basisarbeit selber leisten.» Anders als ihre Konkurrenten können Lugano und Ambri die besten Nachwuchsspieler nicht auf Novize- oder Elitestufe aus den umliegenden Klubs holen. 

Die Arbeit verdient Respekt. Doch sie ist sogar dem eigenen Anhang nur schwer zu vermitteln. Der Klub pflegt eine enge Bindung zu seiner Basis. Auch nach der missratenen letzten Saison zählt er immer noch 5145 Saisonkartenbesitzer. Sie halten Lugano zum Teil seit Jahrzehnten die Treue. 

Am Trainer Sami Kapanen kristallisiert sich der Ärger der Anhänger.

Am Trainer Sami Kapanen kristallisiert sich der Ärger der Anhänger. 

Peter Klaunzer / Keystone

Doch der HC Lugano leidet unter der angespannten wirtschaftlichen Stimmung in der Region. Gemäss dem Forschungsinstitut BAK Economics ist die Wirtschaft im Kanton Tessin in den vergangenen Jahren zwar stärker gewachsen als im Rest der Schweiz. Besonders stark sei das Wachstum im Grossraum Lugano, wo vor allem die Pharma- und die IT-Branche zugelegt haben. Doch die Arbeitslosigkeit liegt gemäss dem Bundesamt für Statistik über (2,6 gegen 2,2 Prozent), das Lohnniveau unter dem nationalen Schnitt (5563 gegenüber 6502 Franken). Bei 170 000 Erwerbstätigen pendeln täglich knapp 70 000 Italiener an einen Arbeitsplatz im Tessin.

Viele Tessiner fühlen sich von den italienischen Grenzgängern bedrängt und vom Rest der Schweiz links liegengelassen. Es ist das Klima, vor dem die Lega dei Ticinesi ihr politisches Programm aufgebaut hat. Die Rechtspopulisten verloren in den vergangenen Nationalratswahlen zwar fast vier Prozent. Doch sie sind hinter der FDP immer noch die zweitstärkste Kraft im Kanton.

Mark Arcobello als Signal

Werder sagt: «Man will bei uns im Stadion den Alltagsfrust hinter sich lassen und sich als Sieger fühlen.» Zusammen mit der Tessiner Emotionalität, die von einer äusserst lebhaften Medienszene zusätzlich befeuert wird, macht das ein ruhiges Arbeiten in Lugano zur fast unmöglichen Aufgabe. Man schwelgt in der Erinnerung an die vergangenen Erfolge, glorifiziert die grossen alten Spieler wie Kent Johansson, Mats Näslund, Igor Larionow, Ville Peltonen oder Glen Metropolit. Und man vergisst dabei schnell, dass die Ausländer auch in anderen Klubs nicht mehr jene überragende Rolle spielen, wie sie das zu Zeiten des «Grande Lugano» getan haben.

Der HC Lugano steckt im Umbruch – auf und neben dem Eis. Werder sagt, die Mischung der Spieler stimme nicht mehr. «Unsere alte Mannschaft war um kreative Flügel wie Damien Brunner, Luca Cunti, Gregori Hofmann oder Linus Klasen aufgebaut. Die Ausländer hatten die Aufgabe, das Team zu stabilisieren. Nun haben wir den kreativen Teil unserer Spieler verloren und sind deshalb aus der Balance geraten.»

Mit der Verpflichtung von Mark Arcobello auf die nächste Saison ist es Lugano gelungen, ein erstes, markantes Zeichen zu setzen. Der Amerikaner ist im SC Bern ein verlässlicher Leistungsträger und gehört zu den wenigen Ausländern, die auch heute noch imstande sind, die Liga zu dominieren. Doch Arcobello wird erst auf die kommende Saison nach Lugano umziehen. So lange mag sich der Anhang nicht mehr gedulden. Er will Erfolg, und zwar subito.

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