Switzerland

Der Guide zur Serie: Das sind die echten Jura-Sehenswürdigkeiten aus «Wilder»

In der engen Schlucht klebt dunkelgrünes Moos am grauen Stein. Zwischen den Silhouetten der mächtigen Tannen dringen Sonnenstrahlen in milchigem Licht. Kurz darauf wabern Nebelschwaden über grüne Wiesen. Es sind die ersten Szenen der Serie «Wilder» – und sie machen klar: Hier ist es mystisch schön.

Das Kleid des Indian Summer hat die Natur inzwischen abgelegt. Schnee ziert sie, als wir diese Woche die Drehorte aufsuchen. Dennoch ist der Weg gepflastert mit Déjà-vus: die Pferde auf den Weiden, die geschwungene Brücke und die Hügel, die sich wie Wellen durch die Landschaft schieben.

Dass man nicht breites Berndeutsch, sondern Französisch spricht: tant pis. Wir sind im Jura – und der ist zu zauberhaft, um sich mit sprachlichen Finessen herumzuschlagen. Hier gibt es Schluchten, um sich vor dem Alltag zu verkriechen und Hochebenen mit einer Weite, die Fernweh stillen.

Die zweite Staffel von «Wilder» spielt im Berner Jura, im Dorf Thallingen. Es ist Teil des Drehbuchs, nicht der Landkarte. Ein guter Ausgangspunkt, um die Region zu erkunden, ist daher die jurassische Gemeinde Saignelégier. Die Schauplätze liegen wie ein Puzzle verstreut rund herum.

Zum Beispiel das Dörfchen Undervelier, das die Kulisse für die Szenen vor dem Polizeiposten und dem Restaurant Adler bot. Der kleine Ort liegt etwas versteckt zwischen zwei Klusen. Ein Hahn krächzt, ein Schwein quietscht. Anders als in «Wilder», wo die Sägerei für Jobs sorgte, gibt es in Undervelier nur auf den Bauernhöfen Arbeitsplätze. Auch die Raiffeisenbank hat ihre Türen längst geschlossen. In deren früheren Räumlichkeiten zog der fiktive Polizeiposten von Thallingen ein. Wo einst Polizist Leo Mott seiner Chefin Susann Walter Kaffee kochte, herrscht wieder Leere: Nur die grauen Vorhänge hängen noch in den Fenstern.

Einige Meter entfernt sitzt ein junger Mann auf einem dicken Ast und schneidet Zweige. Der Baum steht vor dem Restaurant Adler, das in Echt «Hôtel des Galeries du Pichoux» heisst. Oder besser: hiess.

, sagt der Mann. Bislang habe die Serie kaum Besucher angelockt, in die Region würden sich sowieso nur wenige verirren, sagt er und zwickt einen weiteren Zweig ab.

Schnipo statt Avocado- Quinoa-Salat

Nicht nur der Tourismus ist in dieser Ecke der Schweiz spärlich, auch die Besiedlung. Es empfiehlt sich, die ÖV-Verbindungen im Voraus herauszusuchen. Und wer zu Fuss unterwegs ist und in einem der Dörfchen übernachten oder Essen will, muss wissen, ob die Gaststuben offen sind. Statt Avocado-Quinoa-Salat werden hier Fischknusperli oder Schnipo serviert. Aber am schönsten ist es im Jura sowieso unter freiem Himmel: in den ausgedehnten Wäldern, auf den ausschweifenden Wiesen und entlang der wild-romantischen Flusslandschaft des Doubs. Steile und stolz wirkende Felswände zieren die Wege – und reihen sich nicht selten wie eine Burgmauer aneinander. Selbst an Wochenenden mit bestem Wetter findet man im Jura einsame Rast- und Badeplätze abseits von Freizeittrubel.

Zeigt sich die Sonne, ist jedoch am «Etang de la Gruère» viel los. Gleich neben dem Moorsee, an dessen Ufern man sich in Schweden wähnt, liegt der Weiler Les Cerlatez. Dort, direkt am Wanderweg, wohnen Dora und Peter. Ihr wunderschön erhaltenes, altes Haus fällt auf. Auch der Szenenbildnerin von «Wilder» erging das so. An einem Samstagmorgen klopfte sie an die Tür. Monate später zog das Ehepaar zu den Nachbarn, damit sich Polizistin Susann Walter mit ihrem Mann Georg an den Küchentisch setzen konnte.

Wenn die eigenen Pferde im Fernsehen auftauchen

Draussen wirbeln Schneeflocken durch die Luft, drinnen knistert das Feuer im Kamin. Dora reicht Fotografien vom Filmset: Sie zeigen die Küche und das Wohnzimmer – eingerichtet, wie man die Räume aus dem Fernsehen kennt. Längst sind diese Möbel weggebracht worden wie auch die Falltüre im Pferdestall. Einen Keller wie in der Serie gibt es nicht. Am Fernsehen sahen Dora und Peter zu, wie sich der Dreifachmord klärte – und blickten in die Abgründe ihrer temporären Untermieterin. «Es war spannend! Doch ganz konnte ich mich nicht auf die Story einlassen. Ich war zu sehr damit beschäftigt, Details vom Filmset auszumachen», sagt Dora. Kein Wunder, wenn die eigenen Camargue-Pferde plötzlich als Statisten in «Wilder» auftauchen.

1. Die majestätischen Felsen bei St. Brais

Schroff und etwas trotzig thronen die Felsen oberhalb von St. Brais. In «Wilder» spielen sich dramatische Szenen auf ihnen ab: An diesem Ort hat Polizistin Susann Walter ihre Tochter verloren. Und auch ihr Kollege Leo Mott flieht dorthin, als sein Doppelleben auffliegt. Wer den Drehort besuchen will, sollte gutes Schuhwerk tragen, schwindelfrei sein und den Frühling abwarten, da momentan Schnee auf dem Weg zum Aussichtspunkt liegt. Am besten sieht man die Felsen aber sowieso aus Distanz. Eine besonders schöne Sicht darauf hat, wer von Saignélegier kommend in die kleine Freiberger Gemeinde St. Brais hinunterfährt. Diese liegt auf einem Jurakamm, wovon man auf andere Hochebenen blickt. Per Postauto erreicht man St. Brais direkt von Glovelier oder Saignélegier. (aba)

2. Im malerischen Hochmoor

Am Weiher «Etang de Plain de Saigne» hat Einzelgänger Manfred Kägi seinen silbrigen Camper parkiert. Dort fand der schrullige und schlecht rasierte Bundeskriminalpolizist die gesuchte Einsamkeit. Das Wasser des «Etang de Plain de Saigne» schimmert auch im realen Leben dunkel wie Tinte. Das idyllische Hochmoor ist zudem gesäumt von riesigen Tannen, in denen der Wind rauscht. Rund um den Weiher gibt es Picknick-Plätze, um in dieser Naturschönheit zu verweilen. Diese liegt nahe beim Mini-Bahnhof «Pré-Petitjean». Wer länger wandern möchte, startet in Saignelégier und geht nach Glovelier. Einzig: Wer campieren will und nicht Manfred Kägi heisst, muss auf den Zeltplatz von Saignelégier ausweichen. Der «Etang de Plain de Saigne» ist ein Naturschutzgebiet.

3. Am Ufer des zauberhaften Doubs

Das Wasser des Doubs funkelt smaragdgrün. Zwei Schwäne drehen ihre Runden darin. Die Ruhe wird einzig von den Rufen der Blesshühner durchbrochen. Hier, in Biaufond und an der Grenze der Schweiz, stellt sich rasch das Gefühl des Weitwegseins ein. Nur ein paar Häuser gruppieren sich hinter dem (nur unregelmässig geöffneten) Restaurant de Biaufond. Dieses stellte in «Wilder» die Pizzeria der kosovarischen Familie Kabashi dar. Mit dem ÖV ist der Ort mit der roten Brücke vom 19. April bis 1. November 2020 erreichbar (Bus ab La Chaux-de-Fonds, Haltestelle: Biaufond, douane). Am besten nähert man sich dem Drehort zu Fuss: Biaufond liegt an einem wunderschönen Wanderweg entlang des Doubs. Wer hier übernachten will, kann sich im Voraus im Gasthaus Maison Biaufond anmelden.

4. Dem fiktiven «Thallingen» ganz nah

Die Berner Gemeinde Thallingen, die in der Serie Wilder von mehreren Morden erschüttert wird, existiert auf der Schweizer Landkarte nicht. Die dörflichen Szenen wurden in Undervelier (JU) gedreht, wo 280 Menschen zu Hause sind. Der Ort befindet sich am Anfang der Pichoux-Schlucht, einem lohnenswerten Ausflugsziel (siehe rechts). Nur etwa einen halben Kilometer von Undervelier entfernt, befindet sich die Grotte von Sainte-Colombe. Diese kommt in «Wilder» als Friedhofskulisse vor. Seit dem 13. Jahrhundert ist die Grotte ein Wallfahrtsort, denn in Undervelier soll die spanische Heilige Columba gewohnt haben. An sie richten sich die in Stein gravierten Danksagungen in verschiedensten Sprachen. Mit dem ÖV ist Undervelier mehrmals täglich per Postauto ab Soulce oder Bassecourt erreichbar.

5. Die Schlucht mit ihrem grünen See

Eine schmale Strasse schlängelt sich durch die Pichoux-Schlucht, die bei Undervelier (siehe links) beginnt. Die Schlucht besticht durch ihre mystisch anmutende Schönheit. Fast senkrecht ragen die Felswände in den Himmel und tragen auf ihren Häuptern eine grüne Krone. Aus dem Kalkstein schiesst an Regentagen das Wasser hervor. Die Bäume in der Schlucht sind in einem samtigen Gewand aus Moos überzogen. Und dann ist da noch der «Lac vert» am Ende der Schlucht. Seinem Namen entsprechend glänzt seine Oberfläche in Grüntönen. Einen Ausflug in die Pichoux-Schlucht lohnt sich, sowohl zu Fuss als auch mit dem Velo. Ein Wanderweg führt durch die Schlucht zum «Lac vert». Wer mit dem Fahrrad die Strasse hochkeucht, kommt in Bellelay, dem Ursprungsort des Tête de Moine-Käse, raus.