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Der globale Krieg: Nicht Gandhi allein hat Indien in die Unabhängigkeit geführt

Indien hat die grösste Freiwilligenarmee der Welt gestellt und den Ausgang des Krieges mitbestimmt. Aber das Ende des Krieges hat auch Indien geprägt: 1945 haben sich die Soldaten plötzlich gegen die Kolonialherren gewendet.

Diese Mitglieder der indischen Armee landeten im Zweiten Weltkrieg in Frankreich.

Diese Mitglieder der indischen Armee landeten im Zweiten Weltkrieg in Frankreich.

Culture Club / Hulton / Getty

In der modernen Weltgeschichte bleibt der Zweite Weltkrieg das zentrale Ereignis – noch immer werden wir von seinen Auswirkungen beeinflusst. Am Ausgang dieses Krieges hatte Indien einen nicht unwesentlichen Anteil: Für den Sieg der Alliierten spielte der Subkontinent eine wichtige Rolle, sowohl das britische Empire als auch seine Verbündeten profitierten in hohem Mass von den Leistungen indischer Arbeitskräfte und den Ressourcen des Landes.

Vor allem stellte Indien auch die grösste Freiwilligenarmee der Welt – in ihr waren mehr Männer versammelt als in allen anderen britischen Kolonialtruppen zusammen. Die rund 2,7 Millionen indischen Soldaten waren überall im Einsatz, sie kämpften sowohl ganz im Osten, etwa in Hongkong, als auch im Westen, zum Beispiel in Italien. Und die Armee nahm auch innerhalb Indiens einen wichtigen Platz ein: Sie war einer der grössten Arbeitgeber und verschlang 45 Prozent der Staatseinnahmen.

Das Interesse, das die Wissenschaft, aber auch die Öffentlichkeit der Geschichte des indischen Militärs entgegenbringt, ist weit geringer als ihre Bedeutung. Der nationale Mythos besagt, dass Indien seine Unabhängigkeit den gewaltlosen Massenbewegungen verdankt, die der Indische Nationalkongress unter der Führung von Gandhi ins Leben gerufen hat. In Schulbüchern wie in akademischen Werken werden folglich die Millionen von Indern gepriesen, die sich Gandhis Bewegung «ganz spontan» angeschlossen haben.

Ein realitätsnäheres Bild ergibt sich, wenn man die 1947 erlangte Unabhängigkeit mit dem zuvor ausgetragenen Weltkrieg in Zusammenhang bringt und dabei besonders die Armee berücksichtigt. Die These der spontanen Massenbewegung wird nämlich brüchig, sobald man sich bewusstmacht, dass Millionen von Indern in den Streitkräften Britisch-Indiens gegen die Achsenmächte kämpften – obwohl diese den indischen Subkontinent nie bedroht, sondern vielmehr behauptet hatten, dass sie ihn von der britischen Kontrolle befreien wollten.

Dienst gegen Bezahlung

Dessen ungeachtet konnte die britische Kolonialregierung eine riesige Armee aufbauen, und zwar ohne eine Wehrpflicht zu verhängen. Natürlich kam den Briten dabei die Demografie zu Hilfe – mit seinen 350 Millionen Einwohnern war Indien ein riesiges Rekrutierungsreservoir. Zudem kam den Briten entgegen, dass das Söldnerwesen in der indischen Gesellschaft schon lange bestanden hatte, und auch die vorwiegend agrarische Wirtschaftsstruktur begünstigte die Rekrutierung: Die Armee bestand zu fast 80 Prozent aus Soldaten, die zuvor als Bauern gelebt hatten.

In dieser bäuerlichen Gesellschaftsschicht war der Nationalismus seinerzeit nicht sehr stark ausgeprägt. Viele Landwirte begaben sich ohne weiteres in die Kolonialarmee und waren bereit, den Krieg der Imperialisten zu fechten – weil diese sie gut und regelmässig bezahlten. Liebe zu den Briten trugen diese Soldaten nicht im Herzen, sie waren aus ökonomischen Gründen zur Armee gegangen, das hatte schon Gandhi geschrieben. Aber Tatsache bleibt, dass es zwischen 1939 und 1945 zu keinen namhaften Meutereien kam und die meisten Soldaten also einigermassen zufrieden waren mit dem Dienst.

Anders lagen die Dinge bei den höheren Graden. Einige hochrangige Angehörige der Armee waren gegen die Achse eingestellt und effektiv aus Loyalität gegenüber den Briten im Dienst. Im stetig grösser werdenden Offizierskorps der Royal Air Force und der Royal Indian Navy dagegen war die Stimmung kritisch. Die Inder der städtischen Mittelschicht mit Universitätsausbildung waren vielfach gegen die Briten eingestellt. Wegen des Kriegsdrucks war die indische Regierung jedoch gezwungen, die Kaderpositionen für diese städtischen und gebildeten Inder zu öffnen, was langfristige Auswirkungen haben sollte.

Kooperationen mit der Achse

Im Krieg hielt die Loyalität noch weitgehend – obwohl sie stark auf die Probe gestellt wurde: Ab 1942 gab es militärische Splitterkräfte, die gegen die Briten arbeiteten. Hinter ihnen stand Subhash Chandra Bose, ein Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Zwar hatte Bose als Vorsitzender des Indischen Nationalkongresses amtiert, anders als Gandhi war er aber der Überzeugung, dass die Unabhängigkeit mit militärischen Mitteln erreicht werden müsse. Gegen die Kriegsteilnahme indischer Soldaten in der Kolonialarmee organisierte er Massenproteste, landete deswegen im Gefängnis, entkam und suchte nunmehr nach Bündnispartnern, um Indien von der Kolonialherrschaft zu befreien.

Vertreter des Indischen Nationalkongresses, aufgenommen 1938: Mahatma Gandhi (l. ) Subhash Chandra Bose (Mitte) und Vallabhai Patel (r.).

Vertreter des Indischen Nationalkongresses, aufgenommen 1938: Mahatma Gandhi (l. ) Subhash Chandra Bose (Mitte) und Vallabhai Patel (r.).

Hulton / Getty

Bose trat in Kontakt mit Italien und Deutschland – den Feinden der Briten –, kam schliesslich nach Berlin und warb dort mit gemischtem Erfolg für sein Anliegen: Die Nationalsozialisten wollten weder als Basis für das Freie Indien dienen, das Bose auszurufen gedachte, noch die Bildung einer provisorischen Regierung zulassen. Doch wurde Bose gestattet, eine «Indische Legion» aufzubauen.

Aus indischen Kriegsgefangenen, welche die Achsenmächte gemacht hatten, stellte Bose rund 2500 Mann zusammen, die in Königsbrück (Sachsen) und Annaburg (Sachsen-Anhalt) als mögliche Befreiungsarmee trainiert wurden, dabei aber den Deutschen unterstanden. 1943 setzt die Wehrmacht Boses «Legion» an der Westfront ein, 1944 wurde sie der Waffen-SS unterstellt.

Soldaten der Legion «Freies Indien» warten Anfang Mai 1945 an der österreichisch-liechtensteinischen Grenze bei Schaan, Fürstentum Liechtenstein, auf ihre Internierung.

Soldaten der Legion «Freies Indien» warten Anfang Mai 1945 an der österreichisch-liechtensteinischen Grenze bei Schaan, Fürstentum Liechtenstein, auf ihre Internierung. 

Photopress / Keystone

Bose selber war zu diesem Zeitpunkt wieder in Asien. Schon 1943 hatte er den Schauplatz gewechselt: Mit einem deutschen U-Boot war er zunächst nach Tokio gereist und hatte Verhandlungen mit den Japanern geführt. Danach positionierte er sich im japanisch besetzten Singapur, wo er die «Provisorische Regierung des Freien Indien» proklamierte (Japan, Deutschland und Italien anerkannten diese Exilregierung) und eine ungefähr 40 000 Mann umfassende «Indische Nationalarmee» aufbaute. Mit ihr und zusammen mit japanischen Truppen wollte er 1944 nach Ostindien vordringen, in der Hoffnung, dass seine Ankunft einen breiten Aufstand gegen die Kolonialmacht auslösen werde.

Die Briten waren schon wegen der «Indischen Legion» stark besorgt gewesen. Zwar ist sie nie gegen die Kolonialmacht in Einsatz gekommen, aber ihre schiere Existenz verursachte Angst und stellte eine Bedrohung für die Loyalität der indischen Soldaten dar. Als diese dann aber 1944 in Burma auf Boses «Indische Nationalarmee» trafen, liefen sie nicht zu ihr über. Den Soldaten war bewusst, dass eine Desertion harte Einschnitte mit sich gebracht hätte: Sie und ihre Familien hätten ihre Renten sowie den Zugang zu knappen Gütern verloren.

Enttäuschung bei Kriegsende

Das Szenario änderte sich indessen dramatisch, als Japan am 2. September kapitulierte und der Krieg endete. Die indischen Soldaten waren davon ausgegangen, dass sich der Kriegsdienst für sie auszahlen werde, sie erwarteten Grundstücke und dauerhafte Anstellungen. Doch als die Briten die riesige Armee demobilisierten, geschah nichts dergleichen, und die Soldaten fühlten sich im Stich gelassen. Aus schierer Frustration wandten sie sich daraufhin den politischen Parteien zu.

Die indischen Politiker empfingen die arbeitslosen Ex-Soldaten mit offenen Armen und kümmerten sich auch um die Zivilbevölkerung, die damals die Auswirkungen der Kriegswirtschaft spürte. Und auch die grösste Katastrophe des Krieges wurde jetzt verstärkt zum Politikum: 1943 hatte in Bengalen eine verheerende Hungersnot gewütet, die mehr Menschenleben gekostet hat als die Kampfhandlungen des Krieges. Die indische Armee hatte 24 000 Gefallene, 64 000 Verwundete, 11 000 Vermisste und 70 000 Kriegsgefangene zu beklagen. In der Hungersnot von Bengalen waren wahrscheinlich bis zu vier Millionen Menschen gestorben.

Das Ausbleiben des Monsuns hatte zu einem Rückgang in der Reisproduktion geführt. Die Regierung ihrerseits hat Ernten aufgekauft, um die Truppen zu versorgen, und sich dann als unfähig erwiesen, Weizen und Reis aus anderen Gebieten zu importieren; es mangelte an Frachtschiffen und Lokomotiven. Das Versagen wurde zum Thema, und die Politiker betonten nun die Schuld der Briten an der verheerenden Katastrophe.

Schliesslich brachte eine Anklage der Briten gegen Offiziere der «Indischen Nationalarmee» das Fass zum Überlaufen. Als die Briten im November 1945 drei Vertretern von Boses Armee den Prozess machen wollten, schlugen sich der Nationalkongress und die ebenfalls nach Unabhängigkeit strebende «Allindische Muslimliga» auf die Seite der Befreiungsarmee. Auch die zuvor loyalen Soldaten unterstützten diese beiden politischen Kräfte nun in Massen.

Als es im Februar 1946 noch zu einer grossen Revolte in den königlichen Luftstreitkräften und der Navy kam, war endgültig klar, dass sich das Blatt gewendet hatte und sich die Armee nun gegen die britische Regierung richtete: Die indischen Streitkräfte waren ihren weissen Herren nicht mehr treu.

Eine kollektive Amnesie

Überhaupt wurde jetzt deutlich, dass die Briten Indien mit ihren herkömmlichen Mitteln nicht mehr würden halten können. Da Indien während des Krieges viele Güter und Versorgungsmittel an Grossbritannien geliefert hatte, hat sich die Sterling-Bilanz zugunsten Indiens verschoben. Zugleich hatte die britische Wirtschaft mit einer Rezession zu kämpfen, das stark verschuldete Land entging nur knapp dem Staatsbankrott.

Der steigende Bedarf an Industrieprodukten hatte überdies zum Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur in Indien geführt – und einheimischen Kapitalisten ermöglicht, eine Basis für das Leben in der Unabhängigkeit zu legen. Den indischen Industriellen war klar, dass sie das grosse Feld für sich haben würden, wenn die Briten erst einmal abgezogen wären.

Als  der Kalte Krieg einsetzte und die USA und die Sowjetunion zu den dominierenden Supermächten aufstiegen, war schliesslich auch das Ende des britischen Empire in Sicht. Aus all diesen Gründen war die Dekolonisierung Anfang 1947 deutlich absehbar und geradezu unvermeidlich. Auf vielfache Weise haben der Krieg und sein unbefriedigendes Ende für die Soldaten also die Unabhängigkeitsbewegung begünstigt. Trotzdem wird heute nicht viel über den Zweiten Weltkrieg gesprochen, die Inder ziehen es vor, ihn unter den Tisch zu kehren.

Fast könnte man von einer bewusst gepflegten kollektiven Amnesie reden. Anstatt sich unangenehmen Fragen zu stellen und die freiwillige Zusammenarbeit mit den Briten zum Thema zu machen, pflegt man lieber nationale Mythen – und ignoriert den Weltkrieg und seine Bedeutung für die Geschichte des Landes.

Kaushik Roy ist Professor für Geschichte an der Jadavpur University in Kolkata und Global Fellow am Institut für Friedensforschung in Oslo. – Aus dem Englischen von cmd.

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