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Der Frust mit dem Körper

Wenn die Tochter plötzlich nichts mehr an sich schön findet, fragt man sich schon: Sind wir immer noch nicht weiter?

Social-Media-Bashing ist zu einfach, da spiegeln sich doch auch tiefer verankerte gesellschaftliche Werte. Foto: Ismael Sanchez (Pexels)

Die Nase zu breit, die Füsse zu gross, die Beine zu kurz und eh alles zu fett: So etwa würde die Selbstbeschreibung unserer Tochter lauten. Erstmals geäussert hat sie den Frust über ihr Aussehen vor etwa einem Jahr, da war sie elf. Irgendwann kam sie heim und erzählte, dass Kolleginnen – dünner als Zahnstocher – ihre Oberschenkel verglichen und für zu dick befunden hätten. Als völlig Normalgewichtige stand sie dabei und dachte: «Was halten sie wohl von meinen?» Und ich dachte: «Oh je!»

Natürlich hätte ich postwendend Instagram verteufeln können. Oder Heidi Klum. Oder die ganze klebrige Verbindung zwischen Beauty-Branchen und Social Media. Die fast schon globale Vergleicherei, die daraus entsteht, oder die vielen, immer tolleren (und toller vermarkteten) Gadgets, die bei der perfekten Selbstpräsentation helfen. (Oder wussten Sie als Kind schon über Haarbügeleisen und Nagelföhns Bescheid? Eben.) Auch gibt mir natürlich zu denken, dass der Druck grade auf Mädchen, körperlich perfekt zu sein, heute so gross sei wie noch nie.

Sich zu dick fühlen: Ging schon früher!

Doch mehr noch als Lust auf eine kulturpessimistische Abrechnung mit neuen Zeiten hatte ich ein gestochen scharfes Déjà-vu: Oberschenkelvergleiche? Das war damals schon gängige Praxis unter den Mädchen meiner Schule. Sich zu dick fühlen: Klar doch! Als wärs gestern gewesen, erinnerte ich mich an Mitschülerinnen, die über Tage nur Ananas assen. Mit ihren Tupperdosen sassen sie mittags in der Schulkantine, beklagten brennende Gaumen und bejubelten Siege auf der Waage.

Zum Glück mochte ich keine Ananas. Doch wusste auch ich jeden Tag mein morgendliches Nüchtern-Gewicht. Und gönnte mir je nachdem das Mittagsmenü oder nur ein gut über den Tag rationiertes Päckli Cinnamon-Kaugummis.

Vielleicht hatte ja der Twiggy-Effekt bis in die Achtzigerjahre nachgehallt. Oder es waren die glamourös wirkenden Hollywood-Diät-Trends, die zu der Zeit zu uns rüberschwappten. Jedenfalls hatten wir damals schon den Salat, nicht nur auf dem Teller. Und ganz ohne Social Media.

Treten an Ort seit Jahrzehnten

Doch seither hat sich einiges getan: Kosmetikartikel-Kampagnen mit «normalen» Frauen, Barbie-Puppen mit dem Prädikat «curvy», klare Ansagen gegen «Bodyshaming» … (Auch ich hab längst gemerkt, dass es sich ohne Waage entspannter lebt. Diäten und Kalorienzählen? So «eighties»! Ein positives mütterliches Vorbild abgeben also: sicher!)

«WTF!», dachte ich daher, als ich meine Tochter so reden hörte. Dass sie kein Einzelfall ist, zeigt eine Studie von Gesundheitsförderung Schweiz: Fast 60 Prozent der Mädchen im Jugendalter finden sich zu dick. Ja, die Pubertät hält naturgemäss selten eine Zeit der Versöhnung mit dem eigenen, vielleicht unvollkommenen Aussehen bereit. Doch, auch wenn der Druck auf Jungs ebenfalls gestiegen ist, sind es noch immer die Mädchen, die ein viel kritischeres, ungesunderes Körperbild haben.

Da lastet das Schönheitsdiktat auf Frauen also auch heute noch schwer genug, um schon die Jüngsten dazu zu bringen, sich hässlich zu finden. Was ist mit «body positivity», mit all den Schritten in Richtung eines kritischen Bewusstseins? Werden sie laufend neutralisiert, dadurch dass sich Möglichkeiten der Selbstpräsentation im Netz und Schönheitsindustrie gegenseitig hochschaukeln? Falls ja, landen wir doch wieder bei Instagram und Co. Hilfreich sind diese Dinge kaum.

Doch blosses Social-Media-Bashing ist mir zu einfach, spiegeln sich da doch auch tiefer verankerte gesellschaftliche Werte. So geben mir die Zweifel der Tochter vor allem das garstige Gefühl, seit Jahrzehnten an Ort zu treten.

«Du bist toll, wie du bist!»

Oder nicht? Wie ein schmaler Schoggicremestreifen am Diäthorizont wirken Ergebnisse einer Studie, die an der Zürcher Sekundarstufe durchgeführt wurde: 2007 fühlten sich hier noch 52 Prozent der Mädchen zu dick. Zehn Jahre später sind es noch 43 Prozent. Ob wegen eines Programms der Schulgesundheitsdienste oder eines doch langsam skeptischeren Blicks auf Körperideale, bleibt offen. Vielleicht wars ja auch das Studiendesign. Zu hoffen wäre aber, dass es solche Tendenzen sind, die sich weiter entwickeln werden.

Doch was tun mit der hadernden Tochter hier und heute? Eine Waage hatten wir nie. Mein Vorbild prüfe ich konstant. Und immer mal wieder sprechen wir über das Thema, genau wie über die vielen spannenden Dinge, die es neben Äusserlichkeiten noch gibt. Noch warte ich aber auf den langfristigen Ertrag.

Nicht gut angekommen bin ich mit meinen Versicherungen: «Du bist toll, wie du bist!» Als ihre Mama kann ich damit wohl einpacken. Sicherheitshalber geb ichs trotzdem nicht auf …

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