Switzerland

Der Fall Salazar zieht immer weitere Kreise – bis in die Schweiz

Die Einladung nach Addis Abeba kam völlig überraschend, sie kam vom mehrfachen Olympiasieger und Weltmeister Mo Farah und dessen heutigem Trainer Gary Lough. Und Matt Lawton, der Sportchef der «Times», nahm sie an, Farah versprach ein Interview und Einsicht in sein Höhentraining in Sululta im Norden der äthiopischen Hauptstadt.

Die Einladung war insofern speziell, als Farahs Verhältnis zu den Medien gelinde gesagt ­gestört und bis anhin von einem PR-Unternehmen gemanagt worden ist. Der 36-Jährige reagierte vor dem Chicago Marathon im Oktober wiederholt wütend auf Fragen, welche die 4-Jahres-Sperre seines einstigen Trainers Alberto Salazar im Oregon ­Project betrafen. Damit habe er nichts zu tun, die Journalisten bezichtigte er des Rassismus, wenn sie seinen Namen im Zusammenhang mit Salazar verwendeten.

Kein kritisches Wort

Nun also wollte er sich plötzlich öffnen. Er gab zu, dass er sich seit der ersten BBC-Dokumentation 2015, in der erstmals Anschuldigungen gegen Salazar und ­dessen zweifelhafte Praktiken erhoben worden waren, oftmals wie ein «Scheisskerl» gegenüber Reportern benommen habe.

Dass aber die Einladung der «Times» in irgendeinem Zusammenhang mit der gestern Abend auf BBC ausgestrahlten zweiten Dokumentation zu Salazar steht, wiesen sowohl Farah als auch Lough von sich. Der überragende 5000- und 10000-m-Läufer der vergangenen Jahre äusserte im Interview kein kritisches Wort über seinen früheren Förderer, der sein Urteil vor dem Sport­gerichtshof anfechten will. Farah behauptete aber, dass sein (Image-)Schaden beträchtlich sei, nicht zuletzt finanziell. Auf die Frage, ob er sich früher von Salazar getrennt hätte, wenn er gewusst hätte, dass sich dieser im Graubereich bewege, sagte er, wenn er realisiert hätte, dass es ein Problem gibt, wäre er gegangen. «Als Single hätte ich das ­getan, aber ich habe vier Kinder, eine Frau, wir hatten ein Haus gekauft. Da geht das nicht.»

Dass er nicht gewusst haben soll, mit welchen Methoden Salazar arbeitet, ist nicht vorstellbar. Ed Warner, einstiger Präsident des britischen Leichtathletikverbandes, forderte ihn bereits nach der WM 2015 auf, sich von Salazar zu trennen, Farah tat es 2017. Nun hat die BBC neue ­Fragen aufgebracht, was das Verhältnis Farahs zum Trainerguru betrifft. Und welche Rolle der britische Verband im Umgang mit seinem Starathleten spielte.

Erwartungen erfüllt

Dokumente belegen, dass der Läufer gegenüber der US-Anti-Doping-Agentur Usada mehrmals bestritt, Injektionen des Supplements L-Carnitin erhalten zu haben. Nur um wenig später seine Aussage zu revidieren und zu sagen, er habe die Gabe des schnell machenden Aminosäuren-Gemisches «vergessen». Verboten sind solche Injektionen nicht, von der Wada aber geregelt: nicht mehr als 50 ml alle sechs Stunden.

Die Dokumentation zeigt, dass sich der britische Verband von den Vorgehensweisen Salazars hat beeinflussen lassen. Farah lief 2014 in London seinen ersten Marathon und wurde Achter. Drei Jahre später belegte die «Sunday Times», dass ihm in den Tagen zuvor L-Carnitin abge­geben worden war. Der damalige Chefarzt des Verbandes sagte, das sei in Absprache mit dem Langstreckentrainer geschehen.

Im E-Mail-Verkehr, welcher der BBC vorliegt, werden Bedenken geäussert, weil die Abgabe so kurz vor einem Marathon nie getestet worden war. Und der Langstreckenchef schrieb: «Obwohl Salazar und Mo erwarten, dass wir das tun, ist es nicht zu spät, uns zurückzuziehen.»

Sie taten es nicht. Und weil in England das Supplement nicht in der gewünschten Konzentration erhältlich war, vermittelte Salazar einen Kontakt in der Schweiz, wo es das Mittel zu kaufen gab. Die Recherchen zeigen auch, dass andere britische Läufer, die den Marathon ebenfalls bestritten, keine solche Behandlung erhalten hatten.

Usada-Chef Travis Tygart, der einst den Dopingskandal um Lance Armstrong aufdeckte, sagt gegenüber der BBC, dass es «keinen Zweifel» darüber gibt, dass der britische Verband in Absprache mit Salazar handelte.

Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier: