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Der dunkle Weg von der Plantage ins Regal

Ein Arbeiter erntet auf der indonesischen Insel Sumatra Palmfrüchte. Bild: EPA

Der dunkle Weg von der Plantage ins Regal

Missstände geschehen auch auf Palmölplantagen, die Nestlé beliefern. Dabei verhält sich der Konzern vergleichsweise vorbildlich.

maja briner / schweiz am wochenende

Der Anteil ist klein, die Debatte aber gross: Das Palmöl ist der Zankapfel beim Freihandelsabkommen mit Indonesien – obwohl die Schweiz nur wenig davon aus diesem Land importiert. Palmöl ist vor allem wegen der Rodung von Regenwald in Verruf geraten. Ein Rechercheteam hat nun exemplarisch die Lieferkette des Schweizer Lebensmittelkonzerns Nestlé untersucht. Das Resultat: Bei rund 60 Fällen von Missständen auf indonesischen Palmölplantagen und -mühlen konnte ein Zusammenhang zu Nestlés Lieferkette hergestellt werden. Es geht dabei vor allem um Waldrodung; in einigen Fällen auch um miserable Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit.

Bemerkenswert ist: Nestlé steht bezüglich Palmöl vergleichsweise gut da. In einer Untersuchung der Umweltorganisation WWF landete der Konzern auf Platz sechs von über 100 Herstellern. Dass das Rechercheteam trotzdem auf Dutzende Missstände stiess, zeige, dass es sich um strukturelle Probleme handle, die in der gesamten industriellen Palmölproduktion in Indonesien bestünden, auch auf RSPO-zertifizierten Plantagen, so das Fazit der Recherche. Die Lieferketten seien teils lang und undurchsichtig.

Schwierige Spurensuche

Für die Recherche wertete das deutsche Büro Careco zusammen mit einem Schweizer Politologen Berichte von Nichtregierungsorganisationen über Missstände aus, ebenso unter anderem Beschwerde-Protokolle des Nachhaltigkeitslabels RSPO. In einem zweiten Schritt versuchten sie herauszufinden, ob ein Zusammenhang zur Lieferkette von Nestlé besteht. Die Schwierigkeit dabei: Der Konzern gibt zwar bekannt, von welchen Mühlen er Palmöl bezieht – was nicht alle Firmen machen – nicht aber, von welchen Plantagen. Das weiss der Konzern selbst nicht immer: Nestlé schreibt, inzwischen seien 70Prozent seiner Palmölmengen rückverfolgbar zur Plantage.

Das Rechercheteam untersuchte daher, ob eine Plantage, auf der Missstände gemeldet wurden, zur gleichen Firma gehört wie eine Ölmühle, die Nestlé beliefert. Auch glichen sie Kartendaten ab: Wenn eine Mühle in der Nähe einer betroffenen Plantage liegt, sei eine Verbindung wahrscheinlich, so die Annahme. Die meisten der rund 60 Fälle, die das Rechercheteam so fand, datieren aus den letzten drei Jahren, einige liegen weiter zurück. Aufgeführt ist etwa eine Waldrodung von 65Hektaren in der Provinz Kalimantan, die eine NGO aufgrund von Satellitenbildern gemeldet hatte. In der Nähe befinden sich Mühlen, von denen Nestlé Palmöl bezieht. Mehrere der betroffenen Plantagen sind RSPO-zertifiziert, müssten also eigentlich höhere Standards erfüllen.

Ob es tatsächlich in allen genannten Fällen Missstände gab, lässt sich nicht belegen. Manche Daten beruhen auf RSPO-Beschwerden, die später abgewiesen wurden. Andererseits wurden auch nicht alle möglichen Quellen ausgewertet.

Methoden wie im wilden Westen

Heinzpeter Znoj, Professor für Sozialanthropologie an der Universität Bern, forscht seit 1987 in Indonesien, seit 2008 ist er zu Forschungszwecken regelmässig in Westpapua. Für ihn passt die Recherche zu Nestlé ins Bild, das er während seiner langjährigen Arbeit erhalten hat. Die Palmölindustrie in Indonesien beurteilt er sehr skeptisch, er spricht von «grausamem» Vorgehen beim Landerwerb für Plantagen – und von Methoden wie früher im Wilden Westen. «Agenten von Palmölfirmen nehmen Kontakt mit den indigenen Einheimischen auf, beschenken sie, laden die Chiefs in Hotels nach Jakarta ein. Irgendwann erwarten sie eine Gegenleistung – und die Chiefs unterschreiben mit einem Daumenabdruck, dass sie das Land ihres Stammes verkaufen», sagt Znoj. Auf diese Weise entstehe ein formal rechtmässiger Vertrag, der Investoren und Abnehmern von Palmöl vorgewiesen werde. «Kommt es danach zu Protest von Einheimischen, wird dieser vom Militär unterdrückt.»

Für Firmen, die grosse Mengen an Palmöl beziehen, sei eine Überwachung der ganzen Lieferkette kaum möglich, sagt Znoj: «Wenn man sieht, wie viel Einfluss Korruption im Land hat, ist eine wirksame Kontrolle fast ausgeschlossen.» Ein weiteres Problem: Wenn für eine Plantage vor 15 Jahren Menschen vertrieben oder Regenwald abgeholzt wurde, könne sie heute trotzdem als «sauber» gelten und das Palmöl dürfe das Label RSPO tragen, kritisiert er: «Das ist ein nachträglicher Freipass und geschichtsvergessen.»

Znoj sieht das Freihandelsabkommen aus diesem Grund kritisch. Aus seiner Sicht ist der Nachhaltigkeitsstandard, der für tiefere Zolltarife verlangt wird, viel zu tief, da er die riesigen Monokulturen nicht in Frage stelle. Aus seiner Sicht müsste Palmöl auf kleinen Mischkulturen angebaut werden, was die Preise stark steigen liesse. «Aber das wäre der Preis für echte Nachhaltigkeit», sagt er. Befürworter des Abkommens halten dagegen, die Verknüpfung von Nachhaltigkeitskriterien mit Zollerleichterungen sei ein Meilenstein, der einen Standard setze für künftige Abkommen.

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