Switzerland

Der Bon ist vor allem Papiermüll

Die Welt 2020: Die Menschheit sorgt sich um das Klima, in Deutschland wird wieder Papier bedruckt. Die Deutschen haben sich im globalen Vergleich auf die hinteren Plätze reguliert, der gesamte Kontinent reist langsam hinterher.

Viel, aber noch nicht zu viel über den digitalen Wandel sinniert: der Bon als Pièce de Resistance.

Viel, aber noch nicht zu viel über den digitalen Wandel sinniert: der Bon als Pièce de Resistance.

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«Ein Kirschlutscher, 20 Cent, bitte, danke, hier noch der Bon.» Seit diesem Jahr ist alles ganz anders an deutschen Kiosken, Bäckereien und Bratwurstbuden. Die Bonpflicht nötigt den Händlern von Kleinwaren eine Nachweispflicht ab. Die Angst im Bundeskanzleramt ist gross, dass beim Bäcker morgens um 6 Uhr nicht nur Brötchen und Croissants über die Theke wandern, sondern dass hier und da auch noch kräftig an der Steuer vorbei kassiert wird.

Eine Regierung, die ihren Bürgern misstraut, das ist erst einmal keine gute Ausgangslage für eine offene und freiheitliche Gesellschaft, in der die Verantwortung des Einzelnen als Naturzustand verstanden werden kann. Das ist Sippenhaft; das ist der Generalverdacht, ein Betrüger zu sein. Das alles druckt ein jeder Bon gleich mit aus, der Familienvätern nun zum Eis im Schwimmbad überreicht wird.

Richtige Prioritäten?

Nun ist das Leben nicht schwarz oder weiss, und Absichten sind nicht immer edel. 

In Deutschland entgehen dem Fiskus durch die kleinen Betrügereien laut dem Bundesrechnungshof rund 10 Milliarden Euro. Eine stattliche Summe. Doch anstatt dass wir das Problem digital lösen, etwa durch eine Blockchain-Lösung, um Finanzströme transparent zu machen, behelfen wir uns mit einem Papierausdruck, einem behandelten Papierstück. Der Bon wurde bis vor kurzem noch mit Bisphenol A beschichtet. Jetzt ist das verboten, er wird nun mit Bisphenol S beschichtet. Experten glauben: Die Stoffe stören den Hormonhaushalt, sie verschlechtern die Spermienqualität, können Fehlgeburten auslösen, Fettleibigkeit, Herzleiden und Prostatakrebs begünstigen.

Dazu sind die Bons vor allem eines: Müll! Die allein in Deutschland zusätzlich ausgedruckten Bons in deutschen Backstuben ergäben eine Papierrolle, die sich 25-mal um die Erde wickeln liesse. Das alles, obwohl wir uns doch alle vorgenommen haben, weniger Müll zu machen.

Sind die Prioritäten da richtig gesetzt? In Deutschland hat noch nie eine Bundesregierung über alle Ressorts hinweg so viel über den digitalen Wandel sinniert, noch nie hat eine Bundesregierung nach so viel Ankündigung so wenig geliefert. Gibt es keinen Sachverstand in den Ministerien, ist der Ressortzuschnitt falsch gewählt? Immerhin gibt es noch kein Digitalministerium, das den ganzen Wildwuchs im Kabinett zurechtstutzt, damit die Digitalia, ein bisher noch zartes Pflänzchen, gedeihen kann.

Im alltäglichen Klein-Klein

Ähnlich ist das Bild in anderen europäischen Ländern. Portugal bekam die Bonpflicht im Zuge des Euro-Rettungsschirms aufgedrückt. In Italien wird schon seit den späten achtziger Jahren zu Espresso und Co. gedruckt. In der Schweiz verabschieden sich einige Detailhändler nach und nach vom Bon. Natürlich gäbe es auch schon papierlose Lösungen, die den Zettel als E-Mail oder SMS verschicken. Automatisierte Kassenprüfsysteme könnten zudem für mehr Transparenz sorgen. Doch auch das Handschlaggeschäft wird dadurch nicht ein Stück mehr transparent.

Im Spannungsfeld von technologisch Möglichem und gesellschaftlicher Kritik verlieren wir uns in Europa oft im Klein-Klein des Alltäglichen. Millionen Europäer berichten täglich auf Instagram, was sie gerade zum Mittag hatten, wo sie gerade Ferien machen, oder zeigen, wie das Zimmer der eigenen Kinder aussieht. Auf der anderen Seite sind ein wirkungsvoller Datenschutz und das Recht auf Anonymität – übrigens nicht nur im Internet – Bürgerrechte.

Christoph Meyer ist Landesvorsitzender der FDP Berlin.