Switzerland

Der Bauer ohne Hof

Die schlechten Schlagzeilen: ungezählt. Bauern vergiften das Trinkwasser mit Pestiziden. Sie ruinieren die Böden, sperren die Tiere in kleine Käfige, werden mit Milliarden von Franken subventioniert, geben ihre Höfe trotzdem auf - und dann bringen sie sich auch noch um. Was läuft falsch mit dem aktuellen Image unserer Bauern?

Jacques Bourgeois zeigt keine Regung, still hat er dem Schlagzeilenschwall zugehört. Jetzt sagt er nüchtern: «Dieses Bild ist falsch. Ich spüre grosse Sympathien in der Bevölkerung für die Bauern.» Schliesslich produzierten sie nach wie vor die Hälfte der Nahrungsmittel, die auf Schweizer Teller kämen.

Bereits zwei Tage bevor Jacques Bourgeois sein Büro geräumt haben will, sind alle Regale leer, die Wände blank, das Pult annähernd. Bourgeois ist organisiert. Er könnte schon jetzt den letzten Aktenstapel unter den Arm nehmen, die muntere Gummikuh auf seinem Pult in den Sack stecken und den Sitz des Bauernverbands für immer verlassen. 22 Jahre war Bourgeois beim Verband, die letzten 18 Jahre als dessen Direktor. Offiziell wird er es noch bis Ende März sein. Da er aber viele Ferientage noch nicht bezogen hat, hat er bereits am Freitag das Büro geräumt.

Bourgeois ist auf dem Sprung: Bald muss er weiter zu den Eierproduzenten, die er über die Folgen zwei drohender Volksinitiativen aufklären will. Davor hat er mit seiner Sekretärin die Dossiers für die nächste Session besprochen; Bourgeois vertritt die Bauern seit 2007 auch im Nationalrat. Zwischen diesen Terminen bleibt keine ganze Stunde für 22 Jahre Bauernverband.

Als die Bauern umdenken mussten

Als der Freiburger Jacques Bourgeois 1998 zum Verband stiess, waren die Butterberge in bisher nie gekannte Höhen gewachsen, die Milchseen hatten sich maximal ausgedehnt. Der Bund wechselte das System. Er wollte die Bauern künftig direkt unterstützen, statt ihnen die Milch zu einem festen Preis abzunehmen. Die Bauern mussten ihre Erzeugnisse fortan selber vermarkten, der Verband musste komplett umdenken. Jacques Bourgeois schuf darauf Swissgranum, die Branchenorganisation für Getreide.

Die Probleme von damals wirken nichtig im Vergleich zu den heutigen. «Das grosse Damoklesschwert über den Köpfen der Bauernfamilien sind die zwei Volksinitiativen», sagt Bourgeois. Die Trinkwasser- und die Pestizidinitiative. Diese wären brutal für sie.

Wenn die Bauern ihre Tiere nur noch mit selber angebautem Futter versorgen und gar keine Pestizide mehr verwenden dürften, würde ihre Produktion um bis zu 40 Prozent einbrechen, sagt der Direktor. Entsprechend müsste mehr importiert werden. Nur: Das würde der Initiative für Ernährungssicherheit zuwiderlaufen, welche die Stimmberechtigten 2017 unterstützt haben.

Als Jacques Bourgeois 1998 zum Bauernverband stiess, diskutierte die Schweiz noch über Butterberge und Milchseen.

Was Direktor Bourgeois vor allem Sorge bereitet, ist der Name der Trinkwasserinitiative: «Wer kann gegen sauberes Wasser sein?», fragt er und schaut besorgt. Da hilft es auch nicht viel, dass der Präsident des Bauernverbands der «SonntagsZeitung» sagte, er würde, ohne zu zögern, Wasser mit zu hohen Pestizidwerten trinken. Weil sich nur der Grenzwert verändert hat, nicht das Wasser.

Bourgeois ist von schmaler Statur, hat eine hohe Stirn und trägt die Brille randlos. Es ist schwer vorzustellen, dass er in Gummistiefeln im Stall steht und mistet. Doch die Erscheinung täuscht: «Auch ich habe Erde an den Schuhen», sagt er. Bourgeois ist ein Waadtländer Bauernsohn, und das ist auch das Stichwort, bei dem seine welsche Redefreude nur noch schwer einzudämmen ist. Ursprünglich habe er den Hof seines Vaters übernehmen und eine Lehre als Landwirt machen wollen, erzählt er. Dann aber stürzte er so unglücklich, dass seine Schulter kaputt ging. An harte körperliche Arbeit war nicht mehr zu denken. Bourgeois wurde Agraringenieur.

Ingenieur, Funktionär, Volksvertreter. Es ist ein Phänomen: Der Bauernstand schrumpft langsam weg, jeden Tag geben vier Bauern ihren Hof auf, aber ihre politische Vertretung bleibt stark wie eh und je. Auch nach den letzten Wahlen im Herbst zählt der Verband noch dreissig Ratsmitglieder zu seinen Unterstützern, zudem etliche, die «ein Herz für die Bauern haben».

Auf der Strasse

Der Verband hat eine Strategie: Er achtet darauf, dass sich seine Exponenten auf alle bürgerlichen Parteien verteilen und dort Einfluss nehmen. Wobei Bourgeois die schwierigste Partei für einen Bauernvertreter gewählt hat: die FDP. Während diese Subventionen abschaffen und Handelshemmnisse beseitigen will, stemmen sich die Bauern von jeher dagegen. «Seine Partei hat ihn nicht im Griff – der Bauernverband aber auch nicht», sagt ein Kommissionskollege. Bourgeois müsse dauernd den Spagat machen, und dadurch werde er mitunter unberechenbar. Dieser sieht seine Rolle weniger akrobatisch: «Meine Partei weiss, welches Amt ich innehabe. Und sie weiss, dass für mich erst die Bauern kommen, dann die Partei.»

Wenn es nötig wird, unterstützt Bourgeois seine Bauern nicht nur im Bundeshaus – sondern auch auf der Strasse. Wie 2015, als sich über 10000 Bäuerinnen und Bauern zusammenfanden, um zu verhindern, dass ihnen die Direktzahlungen gekürzt werden. Sie rückten mit ihren grössten Treicheln an und zogen in Sennenkutten durch die Berner Altstadt bis vor die Türen des Bundeshauses. Der dumpfe, scheppernde Klang der Glocken hallte in den engen Gassen wider. Er wirkte wie eine Drohung. Auf den Transparenten stand: «Kei Burre, kei Esse».

«Es war ein schönes Erlebnis, zu sehen, wie die Bauernfamilien aus allen Landesteilen zusammenhalten», sagt Bourgeois am Besprechungstisch. Er sagt es so nüchtern, als wäre er an jenem Tag nur aufgeboten worden, um das Protokoll zu schreiben.

«Das grosse Damoklesschwert über den Köpfen der Bauernfamilien sind die Trinkwasser- und die Pestizidinitiative.»Jacques Bourgeois, ehemaliger Direktor des Bauernverbands

Bourgeois spricht stets von Bauernfamilien, nie von Bauern. Das ist konsequent, weil ein Bauernhof in der Regel ein Familienbetrieb ist. Es ergibt aber auch taktisch Sinn. Wer möchte einer hart arbeitenden Familie das Budget kürzen? Die Eidgenössische Finanzkontrolle kritisierte kürzlich, dass Bauernfamilien mehr Geld bekommen als andere; neben den Kinderzulagen erhalten sie eine Haushaltungszulage von 100 Franken. Und daran wird sich nicht so schnell etwas ändern.

Wie hat sich die Arbeit der Bauern in den letzten Jahrzehnten geändert? Die Anforderungen, so sagt Bourgeois, seien mit jeder bundesrätlichen Botschaft zur Agrarpolitik komplexer geworden. Früher mussten die Bauernfamilien nur dafür sorgen, dass die Bevölkerung genug zu essen auf dem Teller hat, dann sollten sie noch die Landschaft verschönern, und heute sind sie immer mehr Umweltschützer. Sie müssen Bodenproben nehmen und sich mit Pflanzenschutzmitteln auskennen und Läuse mit Marienkäfern statt mit Chemikalien tilgen.

Der Bundesrat hat letzte Woche in seiner neusten Botschaft zur Agrarpolitik aufgezeigt, wie er die Landwirtschaft noch grüner machen will. Der Bauerndirektor ist damit im Grundsatz einverstanden; Bourgeois ist ein Freisinniger welschen Zuschnitts und gegenüber ökologischen und auch sozialen Themen offener als Parteikollegen aus der Deutschschweiz. Er kritisiert aber, dass die Bauern künftig noch mehr Zeit im Büro und weniger im Stall verbringen werden.

Ein ständiger Abwehrkampf

Bourgeois wird im März 62, er hätte noch ein paar Jahre bis zur Pensionierung. Im Parlament gibt es Stimmen, die sagen, er möge nicht mehr mit dem sturen Verbandspräsidenten zusammenarbeiten und gehe vorzeitig. Bourgeois sagt, in der Verbandsspitze stünden gleich mehrere Mitglieder kurz vor der Pensionierung, deshalb gingen sie gestaffelt. «Natürlich sind ich und Markus Ritter nicht immer einer Meinung. Aber am Ende kämpfen wir für dasselbe.»

Was bleibt? Bourgeois hat als Bauerndirektor nicht den einen grossen politischen Wurf gelandet, der für immer mit seinem Namen verbunden bleiben würde. Seine Arbeit war mehr ein zähes Ringen und ein ständiger Abwehrkampf – er hat 5 Wirtschaftsminister erlebt, und er hat 13 Bundesbudgets und 4 Botschaften zur Agrarpolitik mitgeprägt – «zusammen mit meiner Equipe». Sie waren erfolgreich: Vor ein paar Tagen hat der Bundesrat beschlossen, dass die Subventionen auch für die nächsten vier Jahre nicht gekürzt werden.