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Switzerland

Der Abgesang auf den Jetstream war verfrüht

Die Arktis erwärmt sich rascher als der Rest der Erde. Manche Forscher vermuten einen paradoxen kühlenden Effekt auf die Winter der mittleren Breiten. Doch dieser Effekt scheint sehr schwach zu sein.

Wie hier in der Barentssee ist das arktische Meereis seit vielen Jahren auf dem Rückzug.

Wie hier in der Barentssee ist das arktische Meereis seit vielen Jahren auf dem Rückzug. 

Imago

Am 9. Februar sauste eine Boeing 747 in weniger als fünf Stunden von New York nach London. Das war ein neuer Rekord – jedenfalls für Flugzeuge, die nicht mit Überschallgeschwindigkeit unterwegs sind. Die Piloten machten sich zunutze, dass der Jetstream extrem stark ausgeprägt war. Dieses Windband existiert zwar auch sonst über den Atlantik in rund zehn Kilometern Höhe, doch am Sonntag war es aussergewöhnlich kräftig: Die Luft wurde auf eine Geschwindigkeit von ungefähr 400 Kilometer pro Stunde beschleunigt. Mit Unterstützung des Jetstreams erreichte das Flugzeug sein Ziel geschlagene zwei Stunden früher als geplant; mit Rückenwind gewissermassen.

Genau solche Wetterlagen aber – mit einem kräftigen Jetstream, der sich in gerader Linie von Neuengland bis Grossbritannien erstreckt – könnten in Zukunft seltener werden. Das vermuten jedenfalls einige Forscher, die dem arktischen Meereis einen starken Einfluss auf das winterliche Wetter und Klima der mittleren Breiten zuschreiben. Doch die Kritik an dieser These wird immer lauter.

Der erwärmte Norden

Die Nordpolarregion erwärmt sich bekanntermassen viel stärker als der Rest der Erde, man spricht von der «arktischen Verstärkung». Sie zeigt sich besonders deutlich im dramatischen Rückgang des Meereises. Gemäss einer viel diskutierten These wird der Jetstream in der Folge schwächer und entwickelt stärkere Kurven. Statt feuchtmilder Luft vom Atlantik strömt dann vermehrt trockene und kalte Luft aus dem Osten nach Europa. Das führt dann öfter zu Wintereinbrüchen bis weit in den Süden. Manche Forscher haben darum die in den letzten Jahrzehnten teilweise sehr kalten Winter in Eurasien auf die Fernwirkung des arktischen Meereises zurückgeführt.

Diese These ist allerdings unter Klimaforschern in hohem Masse umstritten. Denn was den Zusammenhang zwischen dem Meereis und dem Wetter in den mittleren Breiten angeht, lassen Beobachtungen und Rechenmodelle sehr unterschiedliche Schlüsse zu.

Die Messdaten erlauben die Interpretation, dass sich vor allem das Meereis in der Barentssee und der Karasee (beide nördlich vor der russischen Küste gelegen) auf das Winterwetter in den mittleren Breiten auswirken. Sind diese Meeresgebiete eisfrei, dringt häufiger arktische Kaltluft in die mittleren Breiten vor. Doch ist das schon der Nachweis eines Mechanismus? Wissenschaftern ist selbstverständlich klar, dass eine blosse Korrelation noch lange nicht eine Kausalität belegt. Darüber hinaus lässt sich der Zusammenhang auch mit Rechenmodellen des Wetters oft nicht nachvollziehen.

Der Jetstream-Test

In diese Kerbe schlagen jetzt erneut Aiguo Dai von der State University of New York und Mirong Song von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking. Sie überprüften die Wirkung des Meereises mithilfe von Modellen. Dabei liessen sie die arktische Verstärkung einmal «eingeschaltet» und einmal «ausgeschaltet». Ihr Resultat ist jetzt im Fachjournal «Nature Climate Change» nachzulesen.

Gemäss Dai und Song führt die Zunahme der Treibhausgase alleine – also ohne arktische Verstärkung – in den mittleren Breiten sogar zu einer Intensivierung der Westwinde um ein paar Prozent, und das gilt auch für den Jetstream. Die «zugeschaltete» arktische Verstärkung reduziert die Westwinde dann wieder ein klein wenig. Aber diese klimatische Wirkung ist im Vergleich sehr gering.

Ursache im Atlantik

Warum sind dann andere Forscher so sehr vom Einfluss des Meereises überzeugt? Dai und Song haben eine Vermutung. Demnach ist die Korrelation zwischen Meereisschwund und Jetstream-Schwäche nicht auf einen direkten ursächlichen Zusammenhang zurückzuführen, sondern auf eine gemeinsame Ursache. Das arktische Meereis geht nämlich immer dann besonders schnell zurück, wenn der Nordatlantik im Zuge einer langfristigen klimatischen Oszillation besonders warm ist. In solchen «positiven» Phasen bremst die Oszillation womöglich ausserdem die Westwinde (inklusive Jetstream). 

Die Ungewissheit bei solchen Studien ist notorisch gross – die beiden Studienautoren haben zum Beispiel nur ein einziges Klimamodell verwendet. Doch mehrere andere Studien der letzten Jahre deuten in die gleiche Richtung. Demnach bleibt der meteorologische Einfluss des Meereisschwunds bis auf weiteres auf die direkte Umgebung der Arktis beschränkt.

Der jetzige Winter ist zwar nur eine Momentaufnahme, aber er stützt die frühere Meereis-Hypothese auch nicht gerade: Obwohl die Meereisfläche Mitte Dezember den zweitniedrigsten Wert seit Messbeginn aufwies, erreichte der Jetstream Anfang Februar fast Rekordstärke. Die Wintertemperatur in Russland dürfte am Ende bis zu sieben Grad Celsius über dem klimatischen Mittel liegen. Und der kräftige Jetstream nimmt gerade wieder einen neuen Anlauf.

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