Switzerland

DDR, Nordkorea oder Russland: Neues Buch zeigt das aufregende Leben eines Schweizer Superspions

Er steht auf dem Roten Platz in Moskau, in einem Kampfanzug der Schweizer Armee. An James Bond erinnert Melchior Roth nicht; doch er erhielt 1993 und 1994 bei seinen Besuchen in Russland Zutritt zu Orten, die Ausländer damals kaum zu sehen bekamen. Seinen Schweizer Kampfanzug tauschte er bald gegen eine russische Polizeiuniform und bewegte sich in Moskauer Sicherheitseinheiten, wie wenn er dazugehört hätte.

Von seinen Missionen habe er dem Schweizer Nachrichtendienst Informationen über die damalige Neuorganisation der russischen Armee zugespielt, sagt der heute 70-jährige Roth. Zudem habe er sich kundig gemacht, wie das Kommando für Nuklearwaffeneinsätze umstrukturiert worden sei. Er gibt zu:

Neben brisanten Informationen habe er auch viele belanglose Angaben aus Russland weitergegeben. Etwa dazu, wie sich die Menschen in den U-Bahnen verhielten oder wie die Militär- und Polizeiuniformen aussahen.

Mit seinem Kampfanzug habe er sich Respekt verschafft, doch weil er damit zu sehr aufgefallen sei, hätten die Russen ihn mit der Polizeikleidung eines Majors eingedeckt. Von Roth wollten russische Sicherheitskräfte und Militärs dafür einiges wissen. Er erteilte beispielsweise Auskunft über das Funktionieren von Sondereinheiten der Schweizer Polizeikorps.

Mitten im Golfkrieg, in einer US-Uniform

Schon 1991 hatte sich Roth in Zonen bewegt, in denen man keinen Schweizer vermutet hätte. Mitten im Golfkrieg hielt er sich auf dem Luftwaffenstützpunkt der US-Truppen in Bahrain auf. Drei Wochen lang war er laut eigenen Angaben bei der Operation Desert Storm dabei, in den Reihen der Amerikaner, in ihrer Uniform.

Wie es dazu gekommen war? Das in Frankfurt stationierte 5. US-Korps, das in den Zweiten Golfkrieg geschickt wurde, bot Roth als Zivilperson auf. Zur Führung dieser Truppen hatte Roth seit Jahren gute Kontakte gepflegt. Vom Vertreter eines neutralen Landes versprachen sich die Amerikaner Vermittlungsdienste und Zugang zu gegnerischen Truppen.

Unter dem Codenamen Jonathan war Roth in Bahrain unterwegs.

Als das eidgenössische Aussendepartement Kenntnis von seiner Mission erhielt, wurde er angeblich über einen Mittelsmann damit betraut, Bodenproben für das AC-Labor in Spiez zu nehmen.

Wie ein Geheimagent sieht Melchior Roth nicht aus. Eher würde man in ihm einen Zeughausmitarbeiter vermuten. Militärberater steht im Telefonbuch. Der gelernte Büchsenmacher und Metallbauschlosser, der sich später zum handwerklichen Allrounder entwickelte, wurde militärisch bei Truppen der USA in Deutschland und in einer Eliteeinheit im Bundesstaat Alabama geschult. Die Amerikaner konnten den Waffenmechaniker in Zeiten des Vietnamkriegs gebrauchen.

Seit früher Jugend hatte sich Roth für alles Militärische interessiert und gesammelt, was von Armeen und Polizeikorps zu erhalten war. Schon als Teenager fuhr er Wochenende für Wochenende nach Deutschland und suchte die dortigen Stützpunkte der US-Truppen auf.

In der Schweizer Armee wurde man auf Roths Ausbildung im Ausland aufmerksam und machte sich seine Kenntnisse zunutze. Obwohl er wegen eines Gehörschadens dienstuntauglich war, erhielt er eines Tages sogar den Grad eines Hauptmanns zugesprochen. In militärischen Übungen erhielt er erste Aufträge und liess sich für sogenannte Diversionseinsätze einspannen – er gab zum Beispiel einen US-Fallschirmspringer, der versehentlich in der Schweiz gelandet war, und testete so die hiesigen Truppen.

In Diensten des damaligen Schweizerischen Katastrophenhilfekorps reiste Melchior Roth 1989 für den Bau eines Spitals nach Sri Lanka. Nebenbei sollte er dem Nachrichtendienst Informationen liefern. Er erhielt etwa den Auftrag, in Städten, aus denen Anfang der Achtzigerjahre grosse Flüchtlingsströme in die Schweiz eingewandert waren, die Farbe der Taxis zu eruieren. Roth erzählt:

Gibt es Probleme? «Wir kennen den nicht»

In den Achtzigerjahren war Roth mehrmals auch in die DDR geschickt worden, um über «militärische Belange» zu rapportieren. Er klärte etwa noch Anfang 1989 – wenige Monate vor dem Fall der Mauer – ab, wie die sowjetischen Stationierungen organisiert waren, wie Truppenverschiebungen liefen und wo es Raketenwerfer hatte.

An solchen Informationen hätten die Amerikaner grosses Interesse gezeigt – und sie seien damit bedient worden. Seine Erkenntnisse habe er jeweils in Berichten festgehalten. Den Lohn hat Roth nach eigenen Angaben über das diplomatische Korps der Schweiz erhalten, bar wurden ihm sogenannte Vertrauensspesen ausbezahlt. Er erzählt:

Weil es die Missionen offiziell nie gab, sei die Antwort auf Probleme stets ein «wir kennen den nicht» gewesen. So habe er sich nach einer Verhaftung in der DDR selbst aus der misslichen Lage herausschwätzen müssen.

Auf eine delikate Mission liess sich Melchior Roth Anfang 1992 ein, als er für einen Materialtransport der Schweizer Delegation in Korea in die entmilitarisierte Zone auf dem 38. Breitengrad geschickt wurde. Bei dieser Gelegenheit unternahm Roth einen Abstecher in das eigentlich unzugängliche Nordkorea. Er fotografierte versteckt aus einem Taschentuch heraus und machte sich kundig, wie es um den technischen Stand im Land bestellt war. Die Fotos übergab er einem Vorgesetzten in der entmilitarisierten Zone.

Würde Melchior Roth seine Erzählungen nicht dokumentieren, glaubte man ihm vieles nicht. Er sei oft als Kauz oder sogar Spinner angesehen worden, sagt er selbst. Und fügt an:

Denn Einzelkämpfer nehme man wenig ernst, und sie würden kaum als Gefahr angesehen.

Häufig war der gewiefte Handwerker in Afrika. Für die UNO weilte er in Kenia und in Togo, und das Katastrophenhilfekorps delegierte Roth nach Angola.

Zu den unglaublichsten Geschichten gehört ein privater Auftrag im ehemaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Dort installierte Roth 1986 eine Notstromanlage in der Privatresidenz von Diktator Mobutu Sese Seko. Weil er eine US-Uniform trug, verhafteten die Leibwächter den Monteur vorübergehend, was Roth zu einer unwillkommenen Schlagzeile im «Blick» verhalf.

Als US-Sergeant narrte er die Schweizer Armee

In amerikanischer Uniform präsentierte sich Melchior Roth nicht nur im Ausland. Als der amerikanische Oberbefehlshaber Colin Powell 1992 in Belp bei Bern vom damaligen Korpskommandanten Heinz Häsler empfangen wurde, stand Roth vor der Ehrengarde und konnte das Geschehen aus nächster Nähe mitverfolgen. Der damals 42-Jährige hatte es geschafft, sich trotz grossen Sicherheitsvorkehrungen in die geschützte Zone einzuschleichen.

Noch unverfrorener agierte der Provokateur an einer Übung der Schweizer Armee mit ausländischen Militärattachés in Aarwangen im Kanton Bern. In der Uniform eines US-Sergeant vor die Offiziere tretend, narrte er sie, und sie gaben den Panzerfahrern das Startsignal. Als die hohen Gäste eintrafen, war die Schau vorbei und liess sich nicht wiederholen.

Bis letztes Jahr agierte Melchior Roth von Bützberg bei Langenthal aus, dann verkaufte er seine Wohn- und Geschäftsräume. Trotzdem arbeitet der 70-Jährige weiter, wie wenn es keine Pensionierung gäbe. Er demontiert vor allem ausrangierte Anlagen von Firmen und Militärstellen – und ist immer noch stets in Uniform anzutreffen. Roth sagt:

Seine mehrfach verkündete Absicht, nach Kuba auszuwandern und sich seinem dortigen 1999 gegründeten Hilfswerk zu widmen, wird er nicht so schnell in die Tat umsetzen.

«Codename Jonathan – Ein Schweizer Spion im Kalten Krieg» NZZ Libro 2020 168 Seiten Fr. 34.–.

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