Switzerland

Das Wallis, der Tourismus und der Tod

Das Wallis hat die höchsten Fallzahlen und die strengsten Massnahmen der Schweiz. Ein Kanton hat Angst vor dem Virus – und Angst vor einer schlechten Wintersaison.

Bild von der «Sunnetreellata» in der Walliser Gemeinde Grengiols. Beim Brauch rollen die Dorfbewohner ein grosses Sonnenrad die Dorfstrasse hinunter.

Bild von der «Sunnetreellata» in der Walliser Gemeinde Grengiols. Beim Brauch rollen die Dorfbewohner ein grosses Sonnenrad die Dorfstrasse hinunter.

Simon Tanner

Noch am Mittwoch spielten auf dem Sportplatz im Walliser Touristenort Saas-Fee russische, italienische, japanische Gruppen Fussball, Volleyball oder Unihockey. Frohgemute, fitte junge Menschen in Bewegung, keuchend, schwitzend, lachend, mit Körperkontakt. Seit Donnerstag ist der Sportplatz leer.

Das Wallis hat – gemessen an der Bevölkerung – die mit Abstand höchsten Infektionszahlen der Schweiz. Der Kanton ist zu einem Corona-Hotspot Europas geworden. Am Dienstag verkündete die Walliser Regierung die strengsten Corona-Schutzmassnahmen der Schweiz: Maskenpflicht am Arbeitsplatz, Versammlungsverbot für mehr als 10 Personen, Verbot von Kontaktsport, Schliessung von Bars und Nachtklubs, Sperrstunde in den Restaurants ab 22 Uhr, Schliessung von Kultur- und Freizeiteinrichtungen. Es ist ein «Lockdown in Anführungszeichen», wie der «Walliser Bote» schrieb. Es ist einer der grössten Einschnitte in der Geschichte des Kantons.

Nun werden an Allerheiligen, dem wohl wichtigsten Feiertag im tiefkatholischen Wallis, die Kirchen leer bleiben, werden Eishallen geschlossen, Altersheime verriegelt, Firmenfeste abgesagt, Lesungen verschoben, Spielplätze gesperrt. Und das Wallis fragt sich in stiller Ungläubigkeit: Wie konnte es so weit kommen? Und was kommt noch?

Die Zahlen sind horrend

Am Mittwoch wurden 597 neue Ansteckungen vermeldet, am Donnerstag 563, am Freitag 679. Mehr als 30 Prozent aller Getesteten sind positiv. Das Spital Wallis hat die dritte von vier Stufen im Notfallplan eingeleitet, schafft neue Kapazitäten. 70 Prozent der Akutbetten sind belegt. Das Personal ist überlastet. In den vergangenen drei Tagen wurden 45 Personen in die Spitäler eingewiesen, 22 starben mit Corona. Es sind horrende Zahlen für einen Kanton mit 344 000 Menschen.

Herold Bieler, Chefpublizist beim «Walliser Boten» und bei Radio Rottu, sagt: «Die Massnahmen der Regierung sind richtig. Aber sie kommen viel zu spät.»

Die Walliser Regierung hatte über Tage und Wochen Massnahmen angekündigt, warnte sanft, mahnte halbbatzig. In der Kalenderwoche 41 vervierfachten sich die Infektionszahlen, in der darauffolgenden Woche vervierfachten sie sich erneut. Das Contact-Tracing des Kantons funktioniert nicht mehr. Die ersten Altersheime sind verseucht. Die Städte Brig, Sitten, Martigny und Monthey leeren sich. Die Teams des FC Sion, des EHC Visp und des HC Sierre sind in Quarantäne. Das Virus wütet in allen Seitentälern des Kantons.

Die dichter besiedelten Unterwalliser Bezirke Conthey, Martigny, Sitten und Siders mit ihren Städten wurden am stärksten getroffen. Für viele Politiker und Expertinnen ist klar, dass die Regierung dort viel früher Massnahmen hätte verordnen müssen. Doch sie unterliess es. Sie wartete. Sie schwieg. Und jetzt geht ein Graben durch den Kanton.

Anachronistische Fröhlichkeit

Das Wallis besteht im Grunde aus zwei Halbkantonen, dem Oberwallis und dem Unterwallis. Das Oberwallis spricht Deutsch, richtet sich nach Bern und Zürich aus. Das Unterwallis ist frankofon und blickt in die Westschweiz. Jetzt büsse das konservative Oberwallis für die Nachlässigkeit des Unterwallis, sagen die Leute. Für die sozialen Auswüchse der mediterranen Kultur, der welschen Körperlichkeit, die den Oberwallisern so fremd ist.

Am Sonntag waren Gemeinderatswahlen, eine spannende Zeit des sozialen Austausches. Aufmüpfige Einzelkämpferinnen ringen gegen die grossen Clans, verfeindete Familien gegeneinander, die mächtige CVP gegen die wachsende SVP. Bald kursierten Fotos von den Wahlfeiern der FDP in Martigny und der Grünen in Siders im Internet. Menschen sassen eng beieinander, lachten, tranken Wein. Sie zeigten eine arrogante, selbstvergessene, anachronistische Fröhlichkeit.

Der ehemalige SP-Präsident und Briger Peter Bodenmann sagt, die Regierung habe sich – in einer Mischung aus Selbstüberschätzung und fehlender Ernsthaftigkeit – wochenlang in ihr U-Boot zurückgezogen. Die sozialdemokratische Gesundheitsministerin Esther Waeber-Kalbermatten sagt, man wisse nicht, weshalb die Situation ausgeartet sei. Wie das Virus ins Wallis kam.

Sie kommen zurück

Das Wallis, die hochalpine Wildnis der Schweiz, ist nur an einer Stelle über die Talebene erreichbar, am Genfersee. Alle anderen Eingänge sind hohe Pässe oder lange Tunnels. Das Wallis ist abgeschieden – und definiert sich seit je über die Abgrenzung. Über die Abgrenzung zu Bundesbern und zu den urbanen Zentren. Und doch ist das Wallis ein Durchgangsland, ein Pendlerland, ein Tourismusland.

Die Walliser waren immer mit der Welt verbunden. Napoleon durchritt das Tal. Später kamen die italienischen Arbeiter für den Bau der Strassentunnels und Staumauern – und dann die Touristen und Saisonniers in Massen. In diesem Sommer, in der ersten Freiheit nach dem grossen Lockdown, strömten die Besucher ins Wallis. Die Buchungszahlen waren so gut wie seit Jahren nicht. «Chum wie dü bisch», lautete der Slogan des Walliser Tourismusverbands. Und natürlich kam auch das Virus. So, wie es ist.

Viele Walliserinnen studieren in Bern und Zürich, Tausende Walliser arbeiten in Lausanne oder Genf. Und am Wochenende werden sie vom Heimweh nach Hause geholt und bringen das Virus mit.

Stéphanie Germanier, die stellvertretende Chefredaktorin des «Nouvelliste», schreibt in einem Kommentar zu den Massnahmen: «Niemand weiss genau, warum es so schlimm ist. Aber ein bisschen wissen wir es schon.»

Mit dem Herrgott

Im Herbst wurden die opulenten katholischen Hochzeiten nachgeholt, die im Frühjahr und Sommer verschoben wurden. In den Kirchen und auf der Tanzfläche standen Hunderte Leute dicht beisammen, enthemmt vom Alkohol. Die Walliser sassen im Herbst gemeinsam in der Fussball-Garderobe, in der Jagdhütte, beim Brisolée, in der Gondelbahn, in der Beiz. Es war ein Leben, als sei nichts gewesen. «Wir tragen keine Schuld», schreibt Germanier, «aber wir sind verantwortlich.»

Das Wallis wurde zuletzt ähnlich aufgewühlt, als im Jahr 2000 ein Erdrutsch Teile des Dorfes Gondo wegriss und 13 Menschen verschüttete und tötete. Jetzt herrscht wieder eine durchsichtige, latente Bedrohung wie in den Zeiten, als die Leute im harten Rhythmus der Jahreszeiten lebten, in Armut und Rückständigkeit. Als sie bedroht wurden von Lawinen, Felsstürzen, Erdrutschen. Sie lebten damals mit der Allgegenwärtigkeit des Todes. Für eine Familie war es schlimmer, wenn die Kuh im Stall starb als ein Kind. Die Kuh ernährte die gesamte Familie. Ein Kind würde der Herrgott bald wiederum schenken.

Und jetzt? In den Kommentarspalten der Online-Portale rechnen manche den Tod von ein paar vulnerablen, älteren Leuten gegen den Tod der Wintersaison auf.

Die Maschine muss laufen

Das Wallis ist in eine Situation geschlittert, bei der offen ist, ob sie zur Katastrophe wird. Der geächtete Walliser Schriftsteller Maurice Chappaz selig prophezeite stets, dass sich die Natur rächen würde, wenn die Touristiker, Bauherren und Politiker, diese «Zuhälter des ewigen Schnees», die Natur weiter zubetonierten, verschandelten, mit Touristen vollstopften. Und nun fordern die ersten grünen Politiker ein Umdenken im Tourismus. Weniger volle Bergbahnen, mehr Entschleunigung, mehr Abstand, mehr Platz.

Es ist paradox: Das Wallis ist bisher gut davongekommen. Der grosse Teil des Lockdowns im Frühjahr fiel auf die Zwischensaison. Dann wären die meisten Bergbahnen und Geschäfte sowieso geschlossen gewesen. Und jetzt ist wieder Zwischensaison. Bis Weihnachten. Aber dann muss die Tourismus-Maschine wieder laufen, da ist man sich einig.

Der Tourismus ist von immenser Bedeutung für den Kanton. Mehr als 20 Millionen Gäste kommen jedes Jahr. Jeder fünfte Walliser arbeitet im Tourismus. Doch nun hat Deutschland die Schweiz auf die Risikoliste gesetzt. Andere Länder werden folgen. Viele Touristen werden ihre Skiferien stornieren, Arbeitskräfte für ihre Stellen absagen, Investoren ihre Zahlungen stoppen.

Die Walliser Regierung gründete Ende Sommer eine Task-Force, um ein Winter-Schutzkonzept zu erstellen. Wochenlang geschah nichts, die Touristiker und Hoteliers wurden zornig. Vor einer Woche verschickte die Regierung plötzlich ein Communiqué, und seither herrscht Chaos: Soll es tatsächlich Après-Ski bis 1 Uhr geben? Wie funktioniert das Tracing für die Restaurants? Was ist mit den Heizpilzen? Und als schmerzliche Konsequenz von allem: Ist eine Wintersaison überhaupt möglich?

Das Gebäude der Hoffnung

Inmitten all der Konfusion, Unsicherheit und Angst stehen am nordöstlichen Rand von Visp die Gebäude der Hoffnung. Der Chemiekonzern Lonza errichtet Produktionsstätten für den US-Konzern Moderna, sogar in der Nacht brennt dort das Licht. Moderna forscht an einem Impfstoff gegen das Coronavirus, es ist der Impfstoff des Präsidenten Donald Trump. Moderna befindet sich in der entscheidenden Phase und verkündet hoffnungsvolle Botschaften. In Visp sollen 300 Millionen Dosen Impfstoff pro Jahr produziert werden. Schon jetzt arbeiten 4000 Menschen für Lonza. Hunderte hochqualifizierte Mitarbeitende werden in den nächsten Jahren dazukommen.

Das Oberwallis hat eine helle Zukunft, wird eine blühende Konjunktur erleben. Doch zuerst muss es den Winter überstehen.

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