Switzerland

Das Virus in unseren Köpfen

Der Antiheld

Die Ruhe. Die Gelassenheit. Und diese tiefe Stimme. Daniel Koch sitzt, wie Daniel Koch diese Woche immer sitzt: leicht nach vorne gebeugt, die Unterarme auf den Tisch aufgelegt. Es ist Freitag, und wieder einmal muss der Leiter der Sektion Übertragbare Krankheiten an eine Pressekonferenz, wieder einmal hockt er auf dem Podest und wird Teil von schlechten Nachrichten.

Koch hat es in dieser Woche zu nationaler Bekanntheit gebracht. Er ist das Gesicht der Corona-­Krise. Wo es brennt, ist er – der Mann mit Glatze vom Bundesamt für Gesundheit (BAG).

BAG-Sprecher Daniel Koch wird landesweit bekannt. Foto: Keystone

Die Tage haben Spuren hinterlassen. Müdigkeit schaut aus seinen Augen. Seit zwei Tagen trägt er den gleichen, zu grossen «Tschoope». Dazu eine Krawatte, breit und aus bereits vergessenen Zeiten. Als wolle er sagen: alles nebensächlich, die Menschen zählen. Journalisten gehen ihn aggressiv an, Koch bleibt stoisch. Bürger beschuldigen ihn der Untätigkeit, Koch bleibt besonnen. Für ihn muss das alles Pipifax sein. Bevor er 2002 beim BAG anfing, half er für das Rote Kreuz Menschen in afrikanischen Bürgerkriegen und sah schlimme Dinge. Viel schlimmere, als dieses Virus auslösen könnte.

Corona ist sein letztes Hurra, im April soll er pensioniert werden. Bis dann beantwortet er Fragen und sagt, ganz Wissenschaftler, wie es ist: «Weltweit sieht die Situation nicht gut aus.»

Die Medien, rastlos

New Yorker Wallstreet meldet Rekordverlust. Stop. Corona-Alarm im Aargauer Knast. Stop. Migros reagiert auf Corona-Hamsterkäufe. Stop. Es könnte drei Millionen Infizierte in der Schweiz geben. Stop.

Liest man nur die Push-Nachrichten, scheint es, als stehe die Welt in Flammen. Wo haben die Medien all diese Geschichten her? Welche Welt ist das? Sicher nicht unsere. Apotheken leer kaufen, Atemschutzmasken horten, Konserven bunkern – wer tut ­so was? Und was denken die, kommt da auf uns zu? Unsereiner reicht immer noch die Hand zum Grusse und gibt Küsschen links-rechts-links und weiss sogar noch einen flotten Spruch. Corona-Hahaha.

Arme Basler Kinder

In den Skiferien reden die Leute plötzlich wieder miteinander, fremde Leute. Sie reden über Übertragungsketten und letzte News und über ausverkaufte ­Pelati beim Heimlieferservice des Grossverteilers. Es hat viele ­Baslerinnen und Basler auf der Piste. Es ist die Woche vor der Fasnacht, die Ski-Woche, das Kostüm liegt zu Hause parat, die Larve. Zu Beginn der Woche sind es noch Scherze. Die werden doch nicht, die werden ganz sicher nicht. Alte Inserate werden auf sozialen Medien herumgereicht – aus dem Jahre 1920, als die Behörden die Fasnacht wegen der Spanischen Grippe für vier Wochen verschoben. Als ein Trommelverbot erlassen wurde, um das «Gässle» zu unterbinden. Mit den Tagen verlieren die Scherze ihre Leichtigkeit. Die werden vielleicht doch. Werden sie? Müssen sie? Bitte nicht!

Nichts mit Morgenstreich dieses Jahr in Basel: Die Fasnacht ist abgeblasen. Foto: Nicole Pont

Als es dann am Freitag plötzlich Gewissheit wird, wollen es viele zuerst nur halb glauben. Sie malen sich eine Fasnacht im Kleinen aus, gemütliches Sitzen im Cliquenkeller, Umzug mit den Kleinen im selber gebauten ­Wagen durch die eigene Strasse. «Alles unter 1000 geht!» Vielleicht wird das ja eine schöne ­Erfahrung, so eine Fasnacht im Kleinen. Die Selbsttäuschung dauert knappe zwei Stunden. Dann verkündet die Basler Regierung, dass es ernst sei. Die Polizei auf den Strassen. Keine Bewilligung für den Cliquenkeller. Sämtliche «an die Fasnacht gemahnenden» Aktivitäten verboten. Auf der Skipiste fragen die Kinder (sind ja auch viele kleine Basler da): Stimmt das wirklich? So ein blödes Coronavirus!

Die Schweiz am Abgrund

Die Schweiz ist ein Land der klaren Zuständigkeiten. Gemeinde, Kanton, Bund, alles penibel aufeinander abgestimmt, seit 1848, alle haben ihre Aufgaben, alle wissen um Verantwortlichkeiten und Austauschgefässe, so nennen sie das tatsächlich. Das Coronavirus aber ist unverschämt unbürokratisch. Innert drei Tagen hat es Abläufe und Prozesse über den Haufen geworfen und die Frage aufgeworfen: Schafft die Schweiz diesen Stresstest?

Das System hat Risse erlitten. Da ist der Bundesrat. Er tue zu wenig, heisst es. Es gehe zu langsam! Er unterschätze die Krise! Da sind die Kantonsvertreter, die erst mäkeln über den Bund, schon bald aber selbst um Hilfe rufen. Da ist das BAG, das nicht immer glücklich kommuniziert (die Austauschgefässe!), aber sich stets bemüht. Zum Beispiel mit der Telefon-Hotline, die förmlich überrannt wird. Um den Ansturm zu bewältigen, kündigt ein ­nervöser BAG-Direktor Pascal Strupler am Donnerstag an, dass man von Bürozeiten auf 24-Stunden-Service umstellen werde. Ab wann, will eine Journalistin wissen. «So früh wie möglich», sagt Strupler und ruft ein lautes «Jetzt!» hintennach.

Es macht nervös

Da! War da nicht etwas? Kaum spürbar? Weit hinten im Rachen? Ein Kitzeln? Ein Kratzen?

Atembeschwerden und Husten zählten zu den häufigsten Symptomen, hat das Bundesamt für Gesundheit gesagt. Am Dienstag, als die erste Infektion in der Schweiz bestätigt wurde, war das Virus lange schon da. Es hat sich in den letzten vier Wochen eingenistet. Da oben. In unseren Köpfen. Es macht nicht krank. Es macht noch nicht mal Angst. Aber es macht nervös. Wenn der Büronachbar seine Taschentücher nicht entsorgt. Wenn das Kind fiebert. Wenn ­gehustet wird im Tram. Wenn die Arbeitskollegin sich krankmeldet. Wenn es – äächhh – so seltsam kratzt im Hals.

Wo ist das Notfallkonzept?

Die wirtschaftlichen Konsequenzen – wir wollen gar nicht dran denken. Unterbrochene Lieferketten. Absenzen. Unsicherheit. Doch während an den Börsen ­Panik herrscht, regiert in der Realwirtschaft immer noch gutschweizerischer Pragmatismus. In einem KMU im Mittelland fragte Anfang Woche der HR-­Verantwortliche den Chef, ob es schon so etwas wie ein Notfallkonzept gebe. Der Chef schaute ihn an und sagte: «Wer sich zuerst bewegt, der muss.» Der HR-Verantwortliche musste.

Die Wirtschaft wurde von ­Corona überrascht, es traf selbst die Grossen. Coop berief eine Taskforce ein. Ziel: Die Büchsenproduktion ankurbeln – um der gesteigerten Nachfrage nach Büchsenravioli und Büchsenpelati gerecht zu werden. Und weil es allen gleich geht, hilft man ­einander. Auf der Jobplattform Linkedin fragen Manager andere Manager, wie sie mit dem Virus in ihrer Firma umgehen und liefern Anschauungsbeispiele. Corona verbindet.