Switzerland

«Das Tempo der Erholung wird nicht so hoch sein»: Nationalbank-Vizepräsident erklärt, warum der Weg aus der Krise steinig ist

Auch die Nationalbank-Direktoren arbeiten von zu Hause aus, doch für das Interview mit der «Schweiz am Wochenende» ist Fritz Zurbrügg mit dem Velo ins Büro gefahren, an die exklusive Adresse: Bundesplatz 1 in Bern.

Wenn Sie zurzeit Zeitung lesen, finden Sie fast täglich neue Ideen, wohin die Nationalbank-Milliarden fliessen sollen. In die AHV, in die Arbeitslosenversicherung, in die Pensionskassen... Haben Sie den Überblick noch?

Fritz Zurbrügg: : Ich verfolge die Nachrichtenlage immer intensiv, und jetzt noch etwas intensiver. Es ist nicht das erste Mal, dass politische Forderungen an die Nationalbank gestellt werden. Einst hätte aus den Devisenreserven ein Staatsfonds gespeist werden sollen, und auch die AHV war schon wiederholt ein Thema.

Sie haben den Forderungen stets eine Absage erteilt. Auch jetzt, in dieser beispiellosen Krise, wo der Bund bis zu 40 Milliarden Franken Defizit machen wird?

Wir haben ein sehr gutes System der Gewinnverteilung. Es ist weltweit einzigartig: Das Gesetz schreibt uns eine Verstetigung der Gewinnverteilung vor. Im Normalfall schütten wir also jedes Jahr gleich viel Geld aus. Das macht die Budgetierung für Bund und Kantone einfacher und erhöht deren Planungssicherheit: Die Höhe der Gewinnausschüttung wird in einer fünfjährigen Vereinbarung mit dem Bund festgelegt. Massgebend ist das Ertragspotenzial und die vorhandene Ausschüttungsreserve.

Bund und Kantone bekommen gemäss der neuen Vereinbarung bis zu 4 Milliarden Franken im Jahr. In normalen Zeiten ist das schön, aber jetzt wären der Staatshaushalt und die Sozialversicherungen um zusätzliche, einmalige Milliardenzuschüsse froh!

Wer garantiert, dass eine einmalige Zusatzzahlung tatsächlich einmalig bliebe? In dem Moment, wo man auf solche Begehrlichkeiten eingeht, stellt man die Unabhängigkeit der Geldpolitik in Frage.

Was wäre das Problem, wenn die Nationalbank eine Zahlung leisten würde von einigen Milliarden? Inflationsgefahr besteht keine!

Dadurch würde ein Präzedenzfall geschaffen und die SNB wäre dauernd politischem Druck ausgesetzt. Sie könnte ihre Geldpolitik nicht mehr nach den Zielen ausrichten, die ihr von Verfassung und Gesetz vorgeschrieben sind. Die Devisenreserven und somit die Bilanz sind in den vergangenen Jahren angeschwollen...

... auf rund 800 Milliarden Franken.

Ja, nämlich aus geldpolitischen Gründen, insbesondere um dem wiederholten Aufwertungsdruck des Frankens entgegenzuwirken. Wenn wir nun diese Reserven für andere Zwecke bräuchten – für die AHV oder für was auch immer –, wäre das gefährlich.

Aber würden Sie zustimmen, dass selbst zusätzliche Milliardenausschüttungen keine Inflationsgefahr mit sich brächte?

Es ist richtig, dass wir eine expansive Geldpolitik betreiben und dass wir zurzeit kein Inflationsrisiko sehen. Aber wir müssen unsere Geldpolitik immer unabhängig von politischen Forderungen führen.

Wie gross ist die Gefahr, dass die Schweiz in eine Deflation hinein läuft, also sinkende Preise hat?

Im April war die Teuerung negativ, das Preisniveau war 1,1 Prozent tiefer als im Vorjahresmonat. Die Gründe dafür waren unter anderem der Rückgang des Erdölpreises sowie sinkende Preise im Tourismusbereich und in anderen Branchen infolge der ausserordentlichen Situation und des Konjunktureinbruchs. Schauen wir weiter voraus, gehen wir aber noch immer von einer tiefen Inflation aus, allerdings nicht von einer Deflation.

Die Konjunktur können Sie mit den tiefen Zinsen nicht ankurbeln. Stattdessen fliesst das Geld in die Immobilien- und Aktienmärkte.

Die Zinssätze sind schon seit Jahren sehr tief, und zwar weltweit. Das hat zum Teil strukturelle Gründe: Unsere alternde Gesellschaft spart mehr, die Produktivität sinkt, was zu tieferen Investitionen führt. Die aktuelle Krise bringt zusätzlichen Druck auf die Zinsen. Sie haben recht: Tiefe Zinsen haben Nebenwirkungen. Die Nachfrage nach Immobilien war deswegen in den vergangenen Jahren vergleichsweise hoch. Wir sind uns dieser Nebenwirkungen bewusst und haben wiederholt auf mögliche Risiken am Immobilienmarkt hingewiesen und auch Massnahmen ergriffen. Dass die Covid-Krise die Risiken am Immobilienmarkt weiter erhöht, erwarten wir unmittelbar nicht.

Fritz Zurbrügg beim Interview im ehrwürdigen und frisch renovierten Sitzungszimmer der SNB am Berner Bundesplatz.

Die Schweiz kennt seit längerem Negativzinsen, nun könnte es bald auch in den USA so weit sein. Müsste die SNB dann den Satz von Minus 0,75 Prozent nochmals senken?

Allfällige Entwicklungen im Ausland fliessen natürlich in unsere Lagebeurteilung ein; die nächste steht Mitte Juni an. Wenn andere Zentralbanken die Sätze senken, stellt sich die Frage: Was bedeutet das für die Schweiz? Grundsätzlich haben wir noch Spielraum sowohl bei der Bilanz als auch bei den Zinssätzen.

Bislang interpretierte man solche Aussagen dahingehend, dass die Negativzinsen vielleicht wieder schwächer werden. Nun, in der Coronakrise, könnten es statt minus 0,75 vielleicht auch minus 1,0 Prozent werden?

Wir warten schon lange auf die Normalisierung bei den Zinssätzen. Eine rasche Normalisierung ist durch die Pandemie noch unrealistischer geworden. Aber wie gesagt haben wir grundsätzlich noch Spielraum.

Was ist mit der zweiten Nebenwirkung, den steigenden Aktienkurse? Haben wir angesichts der seit März stark anziehenden Börsen wieder eine «irrationale Übertreibung», wie Alan Greenspan einst sagte?

Es handelt sich um Marktpreise, sie widerspiegeln Erwartungen von Investoren. Die Frage ist, unterschätzen die Märkte die Risiken, die aufgrund der Pandemie immer noch vorhanden sind? Dazu äussert sich die Nationalbank nicht.

Die Aktienmärkte erwarten offensichtlich bei der Konjunktur eine V-Kurve: Nach dem steilen Einbruch geht’s bald wieder steil aufwärts. Womit rechnet die SNB?

Offensichtlich ist, dass der Einbruch sehr rasch und heftig war – die Politik musste zum Schutz der Bevölkerung weite Teile der Wirtschaft gewissermassen per Knopfdruck abstellen. Das Tempo bei der Erholung wird aber nicht so hoch sein, das wird mehr Zeit brauchen. Man kann den Knopf nicht einfach wieder drücken und alles ist wieder wie vorher. Kurzum, der aufwärtsgerichtete Teil des «V» wird wohl weniger steil sein. Der Nachfrageeinbruch, Lieferprobleme, die Arbeitslosigkeit sowie die Verunsicherung der Unternehmen und Konsumenten verzögern den Aufschwung. Und eine grosse Unbekannte bleibt: jene einer möglichen zweiten Ansteckungswelle und damit verbundener neuer Restriktionen als Schutzmassnahmen.

Wagt die Nationalbank eine Wachstumsprognose? Bislang hat die SNB keine Zahlen genannt.

Inzwischen liegen uns mehr Informationen vor. Zu den Wachstumsaussichten werden wir uns nach der Lagebeurteilung im Juni äussern.

Viele Prognoseinstitute sagen für dieses Jahr ein Schrumpfen des Bruttoinlandprodukts von 5 bis 7 Prozent voraus, nächstes Jahr soll es dann um 5 Prozent aufwärtsgehen. Entspricht das auch Ihren Erwartungen?

Diese Grössenordnungen scheinen aus heutiger Sicht realistisch zu sein. Allerdings ist die Unsicherheit sehr hoch.

Das Führungstrio der Nationalbank: Fritz Zurbrügg, Vizepräsident, Thomas Jordan, Präsident, und Andrea Maechler.

In Ihren Zuständigkeitsbereich als Chef des II. Departements fällt das Bargeld. Überall wird dazu aufgerufen, mit Karte zu zahlen. Nutzen Sie selber noch Bargeld?

Wenn ich mein Brot beim Bäcker hier auf dem Markt kaufe, zahle ich immer bar. In anderen Situationen kann bargeldloses Bezahlen bequemer sein. Die SNB hat keine Präferenz für die eine oder andere Zahlungsart: Wir sorgen für hervorragende, fälschungssichere Noten und sichern zugleich die Infrastruktur, die für den bargeldlosen Zahlungsverkehr nötig ist. Die Bevölkerung hat die Wahl.

Hat die Pandemie den Bargeldverkehr reduziert?

Im Lockdown ja, vor allem bei kleineren Notenstückelungen, also 10er- und 20er-Noten. Jetzt nimmt der Verkehr wieder zu. Bei den grossen Notenstückelungen gab es keinen Rückgang.

Weil die Leute in der Unsicherheit Bargeld horten?

Es gibt sicher Leute, die gern eine Bargeldreserve zu Hause haben, gerade in solchen Zeiten. Die SNB hat aber keine Anzeichen, dass aufgrund der Coronapandemie Banknoten verstärkt gehortet werden.

Trifft es zu, dass die Banken bei der SNB melden müssen, wenn ein Kunde einen grösseren Barbetrag abhebt, um ihn ins Tresorfach zu legen?

Die Nationalbank gibt nach den Bedürfnissen des Zahlungsverkehrs Banknoten aus. Bei ausserordentlicher Bargeld-Nachfrage fragen wir bei den Banken nach: Für welchen Zweck braucht ihr es? Das ergibt dann eine zusätzliche Abklärung und es sendet ein Signal. Unsere Botschaft dabei ist: Wir haben den Negativzins nicht ohne Grund eingeführt – sondern weil er geldpolitisch notwendig ist. Hortung von Bargeld zur Umgehung der Negativzinsen sehen wir deshalb nicht gern.

Wenn ich 100 Millionen Franken auf dem Konto hätte und nun 10 Millionen davon bar abheben möchte, um Negativzinsen zu vermeiden: Wird mir das verunmöglicht?

Natürlich könnten Sie die Auszahlung verlangen. Vergessen wir nicht, dass Bargeldhortung im grösseren Stil Sicherheits- und Kostenfragen aufwirft. Bislang haben wir trotz Negativzinsen nicht festgestellt, dass im grösseren Mass Bargeld abgehoben wird – vielleicht gerade wegen solcher Sicherheits- und Kostenbedenken.

Eine Sofortmassnahme für notleidende Firmen sind die Corona-Überbrückungskredite. Wie läuft die Versorgung?

Das funktioniert sehr gut, die Kredite werden stark genutzt. Bund, Banken und der Nationalbank gelang es, für Unternehmen mit Liquiditätsengpässen ein neues Programm zu schaffen, das es vorher nicht gab. Und das sehr schnell und pragmatisch in der Umsetzung. Dadurch konnten bleibende Schäden für die Volkswirtschaft abgewendet werden, die eine Welle von Insolvenzen mit sich gebracht hätte.

Die Finanzkrise 2008 war eine Krise der Grossen, Corona ist eine Krise der Kleinen. In Genf sah man Menschen Schlange stehen, als Esswaren abgegeben wurden. Inwiefern hilft die Nationalbank den Schwächsten unserer Gesellschaft?

Erstens, indem wir die Liquiditätsversorgung sicherstellen und somit einen Beitrag leisten, dass weniger Firmen Konkurs und Arbeitsplätze verloren gehen. Zweitens stützen die expansive Geldpolitik und die damit verbundenen tiefen Zinsen die Wirtschaft, sodass sie rasch wieder wachsen und Arbeitsplätze schaffen kann. Vor allem aber sorgen wir schon seit längerer Zeit für Preisstabilität im Land – und das hilft den tieferen Einkommensgruppen in besonderem Mass.

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