Switzerland

Das süsse Nichts-Tun

Da durfte es sogar ein Bierchen sein. Die Gästegarderobe im St. Jakob-Park ist nicht als Inbegriff der Ausgelassenheit bekannt, auch wenn die Bedingungen dazu gerade sehr günstig sind und der einstige Serienmeister Basel arg kriselt. Am späten Samstagabend aber ist die Umkleide ein lauter, fröhlicher Ort der Glückseligkeit. Der FC Thun hat gerade 1:0 beim FCB gewonnen, ja, jenes Thun, das noch in der Winterpause mit nur zwei Siegen überhaupt schwer angeschlagen und aussichtslos abgeschlagen schien. Am Samstag aber klirren hinten die Bierflaschen, vorne steht Thuns Präsident Markus Lüthi und verkündet strahlend: «Das ist ein grosser Sieg. Und der Lohn für unseren Mut.»

Tatsächlich liegt über dem ganzen Basler Auftritt nie die Zuversicht aus früheren, noch nicht so fernen Zeiten. Die nur 20'600 Zuschauer lassen sich nie so recht mitreissen, Führungsspieler wie Valentin Stocker oder Fabian Frei, welche die Basler zuletzt in Zürich zu einem 4:0 geführt hatten, vergeben zu viele Chancen oder hadern mit Schiedsrichterentscheidungen. Stocker moniert bei einer Grätsche von Thuns Chris Kablan an der Strafraumgrenze einen Penalty – Kablan berührt hauchzart den Ball, die Aktion ist ausserhalb des Strafraums. Frei vergibt gleich zwei ausgezeichnete Chancen und meint hinterher: «Wir haben schon schlechter gespielt. Aber der Ball muss halt ins Tor.»

Am Ende ist es also Ridge Munsy und sein Tor des Abends, das die Partie entscheidet. Der mustergültig herausgespielte Konter sorgt nicht nur für den grossen Jubel in der Thuner Garderobe, sondern auch für eine interessante Ausgangslage in den nächsten Runden. Xamax gewinnt am Samstag ebenso, 2:1 in Sion, und so beträgt der Rückstand der punktgleichen Oberländer und Neuenburger auf Sion nur noch 4 Punkte. Und mit Luzern und Thun messen sich nächsten Samstag plötzlich die zwei formstärksten Teams der Liga. Dazu darf es gern ein Bierchen sein.

Das kann als Lohn durchgehen für den phasenweise durchaus mutigen Auftritt der Thuner in Basel. Mit Mut aber meint Lüthi vor allem das, was hinter dem Club liegt: Eine Winterpause mit Analysen, mit «teilweise schmerzhafter Reflexion», wie Lüthi sagt. Und an deren Ende Personalentscheide standen, nämlich die, am aktuellen Personal festzuhalten. «Auch das sind Personalentscheide», sagt Lüthi, «auch wenn das in der Öffentlichkeit zuweilen so nicht wahrgenommen wird.»

2 Siege in 34 Spielen

Es läuft alles etwas anders in Thun, das ist mittlerweile bekannt. Und deshalb ist etwa Marc Schneider ein Trainer, der nach der schlechten Vorrunde in jedem anderen Club hätte gehen müssen, plötzlich aber am Samstag als Sieger in Basel und zuversichtlicher Kämpfer um den Ligaerhalt Auskunft geben kann. «Heute bin ich einfach mal stolz auf diese Mannschaft», sagt er. «Wir können das gut einordnen.»

Damit mag Schneider vor allem andeuten, dass die Partie vor einem verhaltenen Basler Publikum durchaus auch anders hätte laufen können. Dass einer der 28 Abschlüsse des FCB seinen Weg ins Tor hätte finden können, dass ein gut aufgelegter Guillaume Faivre im Tor und etwas Glück sowie viel Basler Unvermögen das aber verhindert haben.

Einzuordnen aber gilt es den Thuner Coup auch historisch. 34 Mal sind die Oberländer seit dem Aufstieg und dem Aufbruch aus der Anonymität des NLB-Fussballs 2002 mit dem damaligen Trainer Hanspeter Latour bis dato in Basel angetreten. 32 Mal gab es eine Niederlage oder ein Unentschieden, es war auch mal ein 1:6 oder ein 3:3 dabei. Und nur zweimal gewann Thun: Der Sieg am Samstag war der zweite nach dem 13. November 2010, als Thun mit Trainer Murat Yakin und Spielmacher Oscar Scarione beim FCB 3:1 gewann.

Glarner, damals wie heute

Das Führungstor fiel damals auf Penalty, gefoult wurde Stefan Glarner, der wenige Wochen später zum FC Sion, später nach Zürich wechselte. Am Samstag muss er lachen, «acht, neun Jahre dürften das sein, ach nein, es sind ja schon zehn», sagt Glarner. Längst ist er zurück beim FC Thun und als Captain gerade besonders froh, mit dem dritten Sieg im vierten Rückrundenspiel endgültig aus der Negativspirale gefunden zu haben. «Wir haben in der Pause zueinander gesagt: heute ist hier etwas zu holen!» Eine gewisse Unsicherheit sei beim Gegner zu spüren gewesen.