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Das Schlechte am Glück: Es ist relativ. Das Gute daran: dass es relativ ist. Wer soll sich da auskennen?

Die Philosophen konnten es auch nicht hinreichend erklären. Am Ende ist es ganz banal: Das Glück ist das, was uns immer bevorsteht.

Alles Gelbe ist verheissungsvoll: die Telefonzelle wie der Sportwagen. Etwas ramponiert aber sehen beide aus. Auch das gehört vielleicht zum Glück.

Alles Gelbe ist verheissungsvoll: die Telefonzelle wie der Sportwagen. Etwas ramponiert aber sehen beide aus. Auch das gehört vielleicht zum Glück.

Imago

Es gibt einen Witz mit zwei jüdischen Emigranten, die sich in New York auf der Strasse treffen. Der eine sagt zum anderen: «Und? Bist du glücklich?» Dieser andere antwortet nicht, also versucht es der erste noch einmal: «Bist du glücklich?» Es kommt wieder keine Antwort, und er fragt: «Bist du happy?» Da sagt wiederum der andere: «Happy ja, aber glücklich . . .?» Wer happy ist, muss nicht glücklich sein. Das ist etwas, das wir sofort verstehen, aber nicht unbedingt erklären können. Dass es Nuancen des Glücklichseins gibt, ist Teil unserer Erfahrung. Aus unserer Erfahrung wissen wir aber auch, dass wir Glück gar nicht wirklich definieren können.

Wer kennt es nicht, das Glück? Wer es sieht, der ist sich sicher: das ist es. Aber manchmal schaut es auch nur so aus wie ein Glück. Wir haben uns getäuscht, und das macht uns dann noch unglücklicher, als wir ohne dieses hinterhältige Glück gewesen wären. Es geht auch umgekehrt. Manchmal schaut etwas so aus, als wäre es gar kein Glück, und am Ende stellt sich heraus: es war doch eines. Viele Jahre später stellt es sich heraus. Zu spät.

Der Philosoph Kant hat über das Ungefähre des Glücks auch nachgedacht. Richtig weit ist er damit nicht gekommen: «Allein es ist ein Unglück, dass der Begriff der Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff ist, dass obgleich jeder Mensch zu dieser zu gelangen wünscht, er doch niemals bestimmt und mit sich selbst einstimmig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle.»

Die Zimmerfrage

Das Schlechte am Glück: Es ist relativ. Das Gute am Glück: dass es relativ ist. Wer soll sich da auskennen? Eine meiner frühen Ideen vom Glück hat mit zwei Niederländerinnen zu tun. Wahrscheinlich waren es Freundinnen meiner Grossmutter, jedenfalls waren sie plötzlich bei uns zu Besuch. Sie hiessen Nell und Wib, sassen einen Sonntagnachmittag lang auf unserem Sofa und sprachen mit jenem niederländischen Akzent, der Rudi Carrell im Humorgeschäft zum Durchbruch verholfen hat. Die beiden Damen, deren Verhältnis zueinander mir als Kind nicht ganz klar war, erzählten und lachten. Sie erzählten eigentlich nur, um lachen zu können. Es wäre lächerlich gewesen, hätten sie nur gelacht. Aber so! Die beiden Frauen waren ein Ausbund an Glück, wie man damals vielleicht noch gesagt hätte.

Unser Verhältnis zum Glück hat damit zu tun, welche Verhältnisse wir untereinander haben. Wir müssen den anderen aushalten, aber auch uns selbst. Das ist nicht leicht, und manchmal kann es auch eine schöne Gewohnheit der Liebe sein, das Alleinsein zu ertragen. Man geht auseinander, ohne dass das gleich bedeuten würde, dass man sich auseinandergelebt hat. Zur Freude aller Glücksexperten hat der Philosoph Pascal bekanntlich einen berühmten Satz gesagt. Dass nämlich das Unglück der Menschen daher kommt, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.

Ich glaube, dass das Glück der Liebe auch so eine Zimmerfrage ist. Metaphorisch und ganz praktisch. Hält man es aus, mit dem anderen in einem Zimmer zu sein, und wenn ja, wie lange? Hält man es aus, mit dem anderen nicht in einem Zimmer zu sein? Ich neige nicht zum Türenknallen, allerdings kann ich mir vorstellen, dass es unter den Akten des häuslichen Missvergnügens einer der symbolischsten ist. Das Türenknallen verpflichtet zu nichts, ist rhetorisch aber kaum zu überbieten.

Doch zurück zum Glück. Weil dem Menschen zur Komplexität von Beziehungen oft nichts anderes einfällt, greift er gerne zu Bildern aus der Physik. Die Anziehung, dieser prototypische Magnetismus der Liebe, kann im Laufe der Jahre etwas ausleiern. Dann wird der Mensch nervös und folgt Fliehkräften, in denen vielleicht eher ein langsames Fliehen als eine wirkliche Kraft steckt. Das Unschöne an der Materialität der Liebe ist ja, dass sie ganz banalen Gesetzen der Abnützung folgen kann. Am Ende sagt man dann: Wir haben uns auseinandergelebt. Ich halte diese Formel für einen Trick. Oder einen Selbstbetrug, der wiederum mit unserem Verständnis vom Glück zu tun hat.

Rationalisiertes Liebesglück

Wer an glückliche Fügungen glaubt, der fragt sich: Wo, wenn nicht in der Liebe, soll sich bitteschön etwas glücklich fügen? Deshalb gehen unsere Erzählungen von der Liebe so: Am Anfang ist das Glück da, aber später verdünnt es sich oft. Es verdünnisiert sich. Am Ende ist es ganz weg. Vielleicht ist es in Wahrheit aber auch umgekehrt, und es geht in der Liebe darum, dass man sich zusammenlebt. Es geht darum zu sagen: Das Glück, es liegt noch vor uns!

Seit seinen altmodischen, geradezu vormodernen Zeiten hat sich am Anbahnungsmarkt einiges verändert. Er hat sich aus der blossen und sicher manchmal auch bedenklichen Romantik herausgearbeitet und ist zu einem Ort des Kalküls geworden. Der Algorithmus einschlägiger Anstalten im Internet weist uns einander zu und arbeitet an der Rationalisierung des Liebesglücks. Dass es dabei oft zuerst um Körperliches geht, muss nicht tragisch sein. Der Körper ist ja immer noch die einzige Sache in der Liebe, die man mit Händen greifen kann. Wenn man es richtig macht, kann man sich weiter vorantasten.

Ich glaube, dass die neuen Formen zur Etablierung von Beziehungen oder von etwas Beziehungsähnlichem genau so gedacht sind. Sie rechnen mit dem Schlimmsten, also fangen sie mit dem Basalen an. Das Glück ist dann das, was nach Abzug des Aufwands übrigbleibt. Diese Spesen sind heute geringer denn je. Man riskiert also nicht viel. Andererseits ist die Sache ausbaufähig. Wenn man einmal Sex hatte, kann man sich ja immer noch zusammenleben.

Es ist ein paar Jahre her, dass ich mich in Wien für irgendwelche Gelddinge bei einem Bankschalter anstellen musste. Die Schlange war lang, und ganz vorne war nach einigem Geruckel ein älterer Herr dran, der von seinem Sparbuch etwas beheben wollte. Die Frau am Schalter fragte ihn nach dem Geheimwort des Sparbuchs, aber der alte Mann hörte schlecht. Es brauchte mehrere Versuche, bis er so leise wie möglich, aber immer noch so laut, dass es die ganze Schalterhalle verstand, das Losungswort sagte. Es hiess: Luise. So wie dieser ältere Herr «Luise» sagte, konnte man davon ausgehen, dass es irgendetwas mit Liebe zu tun hat.

Eine ganze Geschichte lag plötzlich in der Luft der Kassenhalle und über Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen in diesen Dingen haben. Die ihre eigenen Geschichten haben. Kann sein, dass manchen aus der Reihe vor dem Bankschalter bisher ein geradezu schlagerhaftes Glück gelacht hat. Oder opernhafte Dramen. Viele leben ihre Liebe ja wie auf einer Bühne aus. Sie brauchen dann Statisten und Souffleusen. «Externe Berater», wie man in Politik und Wirtschaft sagt, und irgendwie sind Beziehungen ja wie Politik und Wirtschaft zugleich. Der ältere Herr und seine Luise haben auf solche Dramen vielleicht verzichtet. Und der ältere Herr hat auch nicht geahnt, dass es für seine Liebe ganz am Ende auch noch eine Bühne geben wird.

Die Wünsche und der Hund

Unsere Wünsche in den Händen anderer in Erfüllung gehen zu sehen, ist eine Zumutung, die gar nicht so selten vorkommt. Die Bandbreite der Wünsche kann ja ziemlich gross sein. Ausserdem weiss man nie, was den Wünschen gerade wieder einfällt. Mit ihnen ist es wie mit einem Hund, den man an der Leine zu führen meint, aber in Wahrheit ist er es, hinter dem wir herlaufen. Er entdeckt auch noch die seltsamsten Winkel. An diesen Orten, die irgendwo in uns drinnen sind, gibt es «geheime Wünsche». Ein Leben lang glaubt man, dass man eigentlich alles hat, und dann stellt sich doch heraus, dass etwas fehlt.

Männer in ihrer Midlife-Krise kaufen sich gelbe schnelle Autos oder verlassen ihre Frauen zugunsten von Frauen, die auch glauben, dass sie geheime Wünsche haben. Vielleicht war alles aber nur ein Irrtum, und die Erfüllung unserer Wünsche ist nicht einmal halb so interessant, wie wir dachten. Dass unser Wunsch-Ich in Wahrheit vielleicht gar nicht interessanter ist als unser ohnehin vorhandenes, also tägliches Ich, ist eine Kränkung, mit der wir zu leben lernen müssen. Mit ihr leben zu können, ist ein grosses Glück.

Beim vorliegenden Text handelt es sich um Auszüge aus dem Buch «Gedankenspiele über das Glück», das am 2. Oktober im Droschl-Verlag in Graz erscheint.

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