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«Das Leben ist ein Schlund, den nur der Tod stopft.» Die Lebenserinnerungen des Jean-Henri Fabre

Der Insektenforscher Jean-Henri Fabre war als Wissenschafter vielleicht gerade darum so genial, weil er ein ebenso begnadeter Schriftsteller war.

Wissen hiess für Jean-Henri Fabre (1823–1915) zunächst einmal: genau hinschauen. Der Insektenforscher in seinem Atelier, undatierte Aufnahme.

Wissen hiess für Jean-Henri Fabre (1823–1915) zunächst einmal: genau hinschauen. Der Insektenforscher in seinem Atelier, undatierte Aufnahme.

Imago

Wie viel Platz braucht es, um ein Werk zu schaffen, das jeden Rahmen sprengt? Vielleicht nur einen Quadratmeter. Nicht grösser war der Schreibtisch des französischen Insektenforschers Jean-Henri Fabre. Hier hat er seine ausufernden Forschungen getrieben, es als Aquarellist zur Meisterschaft gebracht und Bücher verfasst, für die ihm beinahe der Literaturnobelpreis überreicht worden wäre. Fabre war ein autodidaktischer Querkopf, der von der Illusion besessen war, dass in der Wissenschaft lauter Illusionisten sitzen. Ausser ihm.

Ganz falsch ist das nicht. Denn der 1823 geborene und 1915 verstorbene Entomologe hat die Wahrheit nicht nur auf dem Gebiet des Wissens gesucht, sondern auch in der Beschreibung der Dinge. Die Sprache war ihm kein nachgeordnetes Instrument des Erkennens, sondern Teil davon. So ist die Arbeit des Jean-Henri Fabre bis heute grosse Literatur geblieben, die auch dadurch nicht entwertet werden kann, dass manche naturwissenschaftliche Fakten jetzt anders ausschauen.

Fabre ist Forscher und Poet, Mythologe und Pädagoge. Er spannt einen Kosmos auf, der bei Homer beginnt und im Verdauungstrakt des Glühwürmchens endet. Wie gross dieser Kosmos ist, was sich alles darin bewegt, inklusive des Autors selbst, kann man in Fabres «Erinnerungen eines Insektenforschers» nachlesen, diesem viertausendseitigen Monument aus Beobachtung, Wissen und Schreiben, das jetzt in der deutschsprachigen Ausgabe mit der Übersetzung des zehnten Bandes auf grandiose Weise abgeschlossen wird.

Wo die Welt im Kleinen beschrieben wird, geht sie erst wirklich auf. Sie öffnet sich, und das Wahrhaftigste, das bei der Lektüre Jean-Henri Fabres nachhallt, ist die exakte Schönheit seiner Beschreibungen.

Der Triumph über das Mikroskop

Fabre hat eine andere Idee von den Möglichkeiten, zur Wahrheit zu gelangen, als die Wissenschaft. Das hat auch damit zu tun, dass er Theoriegebäuden ganz prinzipiell misstraut. «Vergebens tauchen wir, im Rätsel des Lebens, die Sonde ein, wir erreichen nie die reine Wahrheit. Die Krücke der Theorien bringt nichts als Illusionen, die man heute als letzte Weisheit bejubelt und morgen durch andere ersetzt, die früher oder später auch für falsch erklärt werden.»

Für Fabre ist der Fortschritt der Erkenntnis, der aus der Falsifizierung von bisherigen Annahmen kommt, gar kein solcher, sondern Stillstand. Der Zweifler, der seine Kenntnisse eher auf autodidaktischem Weg erworben hat als im regulären Wissenschaftsbetrieb seiner Zeit, zweifelt nicht daran, dass es so etwas wie Wahrheit am Ende gar nicht geben kann. «Der Vollbesitz der Wahrheit entgeht uns», schreibt Jean-Henri Fabre, um dann umstandslos seine Notizen fortzusetzen: «Jedenfalls beobachten wir beim Stierkäferpaar einen bemerkenswerten Eifer für die Brut.»

Diese Stelle in den «Erinnerungen» zeigt den Forscher, wie er sich kurz vom Material löst, um eine seiner Tiraden loszuwerden, aber gleich wieder ganz bei den Dingen ist. Dort, wo es kreucht und fleucht. Dort, wo das freie Auge über die Mikroskope triumphiert und über alle anderen unbeseelten Geräte, die das positivistische Weltbild der Wissenschaft erfunden hat. Dass er nicht an toter Materie forscht, sondern am Leben selbst, hat Jean-Henri Fabre in einem seiner berühmtesten Ausbrüche gegen die Gelehrtenwelt festgehalten.

Wer sein Werk liest, der weiss, wie nah das Leben in jeder Zeile ist. In der Landschaft der Provence, wo Fabre bis zu seinem Tod über dreissig Jahre sein Haus hatte, musste er nur durch den «Harmas» streifen. Durch die unbestellten, steinigen Flächen, wo über dem Thymian und den Disteln die Hautflügler schweben. Es gibt Eichen und Pinien, Schafe und Esel. Dazu gibt es auch einen ganzen Mikrokosmos an Insekten, die der Forscher auf seinen Wegen beobachten kann oder nach Hause mitnimmt.

Über eine mit Sand gefüllte Schüssel wird ein engmaschiges Küchensieb gestülpt. Das ist das Laboratorium des Jean-Henri Fabre. Die Arena der Larven und Käfer, in der es buchstäblich um Leben und Tod geht. Das manchmal nur wenige Tage dauernde Leben der Insekten wird in Fabres Beobachtung gedehnt. Manchmal braucht es dafür auch spezielle Konstruktionen. Glasröhren, in denen sich wie bei einer Tiefbohrung der Höhlenschacht des Stierkäfers sehen lässt. In Zeitlupe beschreibt Fabre, wie der Stierkäfer den Schutt aus seinem Bau stemmt oder die Schafsköttel in den steilen Gängen verkantet, damit er sie Schritt für Schritt nach unten bringen kann und nicht seine Frau erschlägt.

In den Beschreibungen Fabres werden die oft nur millimetergrossen Tiere Teil einer Natur, die sich zwischen Instinkt und Psychologie abspielt. Der Forscher fragt nach den Ursachen der Routinen, und je beseelter ihm dabei die Käfer werden, umso fragwürdiger erscheint ihm das Verhalten der Menschen. Dass der Naturliebhaber Fabre auf sanfte Art misanthropisch war, nobilitiert das eine, ohne dem anderen wirklich zu schaden.

Die rätselhafte Gewalt

Die Fürsorglichkeit vieler Insekten ist erstaunlich, und wenn manche Arten überhaupt nur dafür leben, Nachwuchs zu zeugen und ihn über die Runden zu bringen, dann gebietet das Respekt. Der Stierkäfer, das zu den Mistkäfern zählende Wappentier des zehnten Bandes der «Erinnerungen eines Insektenforschers», hat ein Leben lang gearbeitet, um seine Art zu erhalten. Sein Leben ist auf Mist gebaut, aber bevor er stirbt, schleppt er sich noch aus seiner Höhle, damit sie sauber bleibt.

Die Natur, «diese wilde Nährmutter», hat ihre Rätsel, und am rätselhaftesten ist sie in ihrer Gewalt. Ebenfalls wie in Zeitlupe beschreibt Jean-Henri Fabre das Gemetzel, wenn sich der Goldlaufkäfer über die Raupen des Pinienprozessionsspinners hermacht. Die Hiebe der Mandibeln und die scharfen Schnitte erinnern Fabre an die Schlachthöfe von Chicago. «Der Darm regiert die Welt», heisst es in den «Erinnerungen», und: «Das Leben ist ein Schlund, den nur der Tod stopft.»

Zwischen Geburt und Sterben tastet sich Jean-Henri Fabre voran. Beobachtend und schreibend. Sein Emblem ist das Fragezeichen, und ginge es nach ihm, müsste es das Emblem von Wissenschaft schlechthin sein. Unten die Weltkugel als Punkt, darüber der Krummstab der Seher.

Jean-Henri Fabre: Erinnerungen eines Insektenforschers. Band 10. Aus dem Französischen von Friedrich Koch und Ulrich Kunzmann. Mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 354 S., Fr. 49.90.

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