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Das Leben im Bergdorf Mitholz ist berechenbar – dann ändert eine Ankündigung der Armee alles

Das Leben im Bergdorf Mitholz ist berechenbar – dann ändert eine Ankündigung der Armee alles

In unmittelbarer Nähe des Dorfes liegen Tausende Tonnen Munition verschüttet. Sie ist viel gefährlicher als gedacht. Für die Mitholzer und die Armee beginnt eine Reise ins Ungewisse.

Roman Lanz ist auf dem Weg in die Männerriege, als er vom Bundesrat einbestellt wird. Es ist ein Sommerabend im Juni 2018. Die Männerriege will Minigolf spielen. Lanz fährt im Auto durch das Kandertal im Berner Oberland, vorbei an Holzchalets, Wäldern, Wandertouristen. Auf halbem Weg hört er das Handy klingeln. Die Nummer: unterdrückt.

Der Anrufer stellt sich als enger Mitarbeiter von Bundesrat Guy Parmelin vor. Er bittet Lanz, am übernächsten Tag im Bundeshaus zu erscheinen. Der Verteidigungsminister Parmelin erwarte ihn. Er habe Informationen, welche ihn, Roman Lanz, Gemeindepräsident von Kandergrund und Mitholz, beträfen. Für Lanz ist klar: Der Anruf muss ein Streich sein. Er lacht und sagt zum Mitarbeiter des Bundesrats: «Du bist ein schönes Kalb!»

Zwei Tage später steigt Lanz in einen Zug nach Bern. Er kann nicht fassen, was mit ihm geschieht. Er trägt Sakko und Hemd, in der Tasche hat er eine Krawatte. Lanz ist gelernter Autolackierer. Er weiss nicht, ob sie im Bundeshaus Krawatte tragen. Er weiss nur: In zwei Stunden wird er dem Verteidigungsminister Parmelin gegenübersitzen.

Als der Zug aus dem Bahnhof rollt, beginnt für Lanz eine Reise ins Ungewisse. Sie wird ihn an die Seite von Mächtigen und seine Gemeinde in die Hauptausgabe der «Tagesschau» bringen. Und sie wird das Leben der Bürger von Mitholz auf den Kopf stellen, ihre Zukunftspläne, ihre Hoffnungen. Der Grund dafür liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.

Roman Lanz, der Gemeindepräsident von Kandergrund und Mitholz.

Roman Lanz, der Gemeindepräsident von Kandergrund und Mitholz.

Das Bahnhöfli von Mitholz verbindet das Kandertal mit der Hauptstadt.

Das Bahnhöfli von Mitholz verbindet das Kandertal mit der Hauptstadt.

1947 explodierte unmittelbar neben dem Dorf ein Munitionslager, das im Zweiten Weltkrieg in den Berg gebaut worden war. Die Detonation schleuderte Trümmer und Bomben auf das Dorf. Ein Teil des Felses brach ab, das Feuer loderte tagelang. Neun Menschen starben. Nach dem Inferno blieb Munition im Berg: Granaten, Fliegerbomben, Patronen. 3500 Tonnen. Die Fracht von 350 Eisenbahnwagen. Der Bund liess sie einfach zwischen Geröll und Fels liegen. Damals sagten Experten, die Gefahr sei gering. Sie irrten gewaltig, wie der Gemeindepräsident Lanz erfahren sollte.

Im Bundeshaus trifft Lanz auf Bundesrat Parmelin. Dieser erklärt ihm, dass die Armee ein Rechenzentrum in den Berg habe bauen wollen und dafür die Munition in Mitholz habe untersuchen lassen. Ein Bericht habe nun gezeigt, dass der Bau zu gefährlich sei. Wie gross die Gefahr ist, weiss Lanz zu diesem Zeitpunkt nicht. Trotzdem wird ihm «absolutes Totschweigen» verordnet.

Eine Woche später steht Verteidigungsminister Parmelin in der Turnhalle von Mitholz. Er sagt, das Risiko, das von der Munition ausgehe, sei «nicht akzeptabel». Die Armee, die jahrzehntelang Truppen im Bunker untergebracht hat, zieht sofort ab. Die Mitholzer bleiben.

Es wird nochmals zwei Jahre dauern, bis klar ist: Die Bomben sollen heraus aus dem Berg – und die Bevölkerung soll weg aus Mitholz. Das Verteidigungsdepartement will die meisten der 165 Einwohner evakuieren, nicht für ein Jahr oder zwei, sondern für ein ganzes Jahrzehnt. Diesen Herbst wird der Bundesrat endgültig über die Pläne entscheiden: Wird wirklich geräumt? Wer muss weg? Und wann?

Seit die Gefahr publik ist, ist Mitholz ein anderer Ort. Eine alte Frau wird in die Schreckensnacht von 1947 zurückversetzt, die sie als Kind erlebte. Eine junge Familie fürchtet, dass ihr die Heimat entrissen wird. Der ehemalige Anlagenwart des Munitionslagers fühlt sich von seinen Oberen hintergangen. Ein Berufsoffizier, der in Mitholz nun aufräumen soll, hadert mit der Verantwortung, die ihm auferlegt wird. Und alle fragen sich: Was, wenn die Munition explodiert und die Leute noch im Dorf sind?

Die Wucht der Explosion im Jahr 1947 zerriss den Fels, im ganzen Dorf lagen Trümmer.

Die Wucht der Explosion im Jahr 1947 zerriss den Fels, im ganzen Dorf lagen Trümmer.

Robert Reichen

Zerstörte Häuser in Mitholz nach der Explosion von 1947.

Zerstörte Häuser in Mitholz nach der Explosion von 1947.

Robert Reichen

Spuren der Katastrophe

Am Dorfrand von Mitholz, an der Strasse Richtung Kandergrund, steht der Hof der Familie von Känel: zwei Wohnhäuser und ein Stall, gelegen am Fuss eines bewaldeten Hangs. An der Stallwand verkünden zwei farbige Geburtstafeln Familienglück. Davor steht David von Känel, ein Mitholzer bis auf die Knochen. Nur ein einziges Mal verliess er das Tal für mehrere Wochen: für die Rekrutenschule. Seine Frau Erika ist vor zwölf Jahren für ihn aus dem Kanton Uri nach Mitholz gezogen. Wenige Tage später hörte sie zum ersten Mal die Geschichte von der Munition im Bergstollen.

Als 1947 Tausende Tonnen Munition explodierten, sass David von Känels Grossmutter, damals eine junge Frau, im oberen Stock des Hauses. Sie hörte Geknalle, erschrak, rannte mit ihrem Baby im Arm die Treppe hinunter. Dann brach ein Geschoss durchs Dach. Es blieb wenige Meter über ihrem Kopf in einer Stufe der massigen Treppe stecken. Man könnte es ein Wunder nennen. David von Känel, gelernter Zimmermann, nennt es Eichenholz. «Hätten sie die Treppe aus Fichte gebaut, wäre ich jetzt nicht hier.»

David und Erika von Känel leben am Dorfrand von Mitholz auf einem Bauernhof.

David und Erika von Känel leben am Dorfrand von Mitholz auf einem Bauernhof.

Familienglück, Heimat, Beruf: Das Leben der von Känels spielt sich auf ihrem Hof in Mitholz ab.

Familienglück, Heimat, Beruf: Das Leben der von Känels spielt sich auf ihrem Hof in Mitholz ab.

Die Explosion hinterlässt Spuren, mit denen David aufwächst. Als Teenager fährt er mit Freunden in einem Waldstück vor dem Stollen Töffli-Rennen. Sie weichen rot-weissen Schildern aus, die vor Blindgängern warnen. «Man hat sich nicht gross Gedanken gemacht», sagt David von Känel. Wenn heute um Mitholz gebaut wird, kommen beim Aushub oft Munitionsteile hervor. «Dann telefonieren sie runter nach Bern. Die schicken jemanden, der das Zeug abholt.»

Vor kurzem hat David von Känel ein paar Bäume gefällt. Nachdem er das Holz in die Sägerei gebracht hatte, wurde er vom Sägmeister angerufen, der fluchte. Munitionsreste im Holz hätten ihm das Sägblatt kaputtgemacht. Schon wieder. Die Splitter stecken immer gleich tief in den Stämmen. Sie erlauben es, die Jahresringe bis zur Explosion zu zählen. Derzeit sind es 73. Von Känel lächelt, wenn er diese Geschichten erzählt. Als wolle er die Gefahr, die hier im Boden und im Berg verborgen ist, einfach weglächeln.

Jahrzehntelang glaubten die Mitholzer, dass all diese Spuren von etwas längst Vergangenem zeugten – bis zu Bundesrat Parmelins Besuch im Jahr 2018. Die Worte, mit denen er erklärte, wie gefährlich das Material im Berg immer noch sei, hallen nach. David von Känel sagt: «Es könnte uns jederzeit um die Ohren fliegen.»

Damals, 2018, hofft von Känel, dass sich das Problem schnell lösen lässt. Er glaubt, die Armee werde den Stollen ausräumen, fertig. Viele Mitholzer denken dasselbe. Dann meldet im Februar 2020 Bundesrätin Viola Amherd einen Besuch an. Als die Mitholzer das hören, machen sie sich Sorgen. Sie wissen: Kommt ein Bundesrat in ihr Dorf, verheisst das nichts Gutes.

Endlich aufräumen

Am 25. Februar 2020 sitzen David und Erika von Känel in der Turnhalle von Kandergrund und bangen. Viola Amherd will den Mitholzern persönlich erklären, wie es mit ihrem Dorf weitergeht. Die Veranstaltung hat noch nicht begonnen, da piepsen und vibrieren in der ganzen Halle Smartphones. David nimmt von der Push-Meldung des «Blicks» zuerst nur einzelne Schlagworte wahr: Mitholz, räumen, Anwohner, zehn Jahre weg. Er schaut zu Erika, fühlt Leere. Sie hat es auch gesehen. Ihr Herz rast.

Vorne, neben der Bühne, steht Hanspeter Aellig in Uniform. Er war selten so nervös. Aellig, 56 Jahre alt, Berufsoffizier, ist bekannt dafür, dass er «nicht nur Schönwetterkommunikation kann». Aber Mitholz ist ein anderes Kaliber. Aellig tritt in Kampfstiefeln auf die Bühne, er zögert, setzt sich auf seinen Platz. Der Gemeindepräsident Roman Lanz begrüsst die Leute, die Bundesrätin Viola Amherd spricht, dann überbringt Hanspeter Aellig die Schreckensnachricht.

Aellig sagt: «Wir müssen alles daransetzen, dass keine Menschen zu Schaden kommen.» Die Munition solle geborgen werden. Das sei voraussichtlich gefährlicher und komplizierter als bisher angenommen. Die Vorbereitung brauche Zeit. Die Spezialisten könnten nach aktueller Planung erst 2031 mit der Bergung der Munition beginnen. Einige Leute schnauben, andere lachen ungläubig.

Dann bestätigt Aellig die Push-Meldungen: Für zehn Jahre müssen die Anwohner aus Mitholz wegziehen. Aellig rattert die Alternativen zur Räumung herunter: Das Munitionsdepot könnte mit 50 Metern Gestein überdeckt werden. Oder: Man könnte Beton-Schutzhüllen über jedes Haus bauen. «Das ist aber nicht unser Ziel.» Das Ziel des Verteidigungsdepartements sei es, in Mitholz endlich aufzuräumen.

Hanspeter Aellig ist das Gesicht der Armee in Mitholz. Er muss im Dorf das Behördendeutsch aus der Hauptstadt übersetzen und im Verteidigungsdepartement aufzeigen, wie die Munition aus dem Berg geholt werden kann. Manchmal tut er sich schwer mit der Verantwortung. Aellig sagt: «Ich fühle mich wie ein Freerider.» Es sei, als habe sich an diesem Februarabend in Mitholz ein Schneebrett gelöst. «Seither jagt die Lawine ständig 20 oder 30 Meter hinter mir her.»

Berufsoffizier Hanspeter Aellig ist das Gesicht der Armee in Mitholz.

Berufsoffizier Hanspeter Aellig ist das Gesicht der Armee in Mitholz.

Das Dorf Mitholz: Die Einwohner und Einwohnerinnen müssen ihre Häuser voraussichtlich für 10 Jahre verlassen.

Das Dorf Mitholz: Die Einwohner und Einwohnerinnen müssen ihre Häuser voraussichtlich für 10 Jahre verlassen.

«Es sah aus wie im Krieg»

Am 19. Dezember 1947 stob Schnee um die Häuser von Mitholz. Kurz vor Mitternacht durchbrach ein Knall die Stille. Der Strom fiel aus, Fenster zerbarsten. Die zwölfjährige Ida sah Feuer. Flammen schlugen aus dem Munitionsdepot im Berg, erhellten die Nacht. «Furt!», rief die Mutter. Ida rannte aus dem Haus, die Mutter hinterher, sie trug die Grossmutter auf dem Rücken. Ida stapfte durch den Schnee, Geschosse und Gestein prasselten vom Himmel, überall war Feuer. Ida und die Mutter flohen hinauf Richtung Kandersteg. Staub und Asche färbten den Schnee grau. «Es war schrecklich», erinnert sich Ida Steiner. Sie ist heute 85 Jahre alt, hat graue Haare, trägt eine Brille. «Es sah aus wie im Krieg.»

Trümmer und Schnee: Mitholz nach der Explosion im Dezember 1947.

Trümmer und Schnee: Mitholz nach der Explosion im Dezember 1947.

Robert Reichen

Bilder wie aus dem Krieg: eine Munitionskammer im Berg nach der Explosion.

Bilder wie aus dem Krieg: eine Munitionskammer im Berg nach der Explosion.

Robert Reichen

Ida Steiner sitzt in ihrer Stube. An der Wand hängen Hochzeitsfotos der Kinder, auf einem Sekretär stehen Geburtsanzeigen von Urenkeln. Eine Wanduhr tickt. Viel Zeit ist vergangen seit dem Inferno vom Dezember 1947. Die Bilder waren in Steiners Erinnerung verblichen. Sie wurden von der Ankündigung, dass eine neue Explosion möglich ist, zurückgeholt. Steiner ist eine von wenigen Zeitzeuginnen der Katastrophe. Sie tut sich schwer mit dem Erzählen. «Es macht Angst. Wenn man es erlebt hat und nicht weiss, ob es noch einmal losgeht.»

Nach der Explosion lebten Ida, die Mutter und die Grossmutter bei einer Tante. Im März 1948 kehrten sie zurück nach Mitholz. Ihr Haus war zerstört. Zimmerleute aus dem Kandertal bauten es im Heimatstil neu auf. Sie schnitzten einen Spruch in das dunkle Holz der Fassade: «Auch auf Trümmern kann es grünen.»

Von Ida Steiners Balkon blickt man auf den Fels. Er erinnert die alte Frau jeden Tag an die Katastrophe.

Von Ida Steiners Balkon blickt man auf den Fels. Er erinnert die alte Frau jeden Tag an die Katastrophe.

Der Fels (mit der hellen Färbung) ist in Mitholz allgegenwärtig.

Der Fels (mit der hellen Färbung) ist in Mitholz allgegenwärtig.

Auf Ida Steiners Balkon blühen rote Geranien. Sie ist nach dem Wiederaufbau immer im Haus geblieben. Sie lernte Damenschneiderin, heiratete, bekam vier Kinder. Der Mann starb jung. Wenn Ida Steiner am Esstisch sitzt, sieht sie den Fels, aus dem die Flammen schlugen. Er liegt wenige hundert Meter entfernt. Für Steiner ist die Katastrophe unmittelbar. Für junge Familien wie die von Känels ist sie eine abstrakte Eventualität.

Und doch fürchtet auch Steiner den Wegzug fast mehr als eine Explosion. «Ich begreife, dass sie räumen wollen. Damit es dann sicher wird. Aber was wird dann aus dem Dorf?» Die alte Frau würde das Haus einem Enkel vererben, aber sie fürchtet, dass es nach zehn Jahren Evakuation verfallen sein wird. Das Dorf Mitholz könnte dann sicher sein. Sicher wird es anders sein.

Ida Steiner versucht die Tränen zurückzuhalten. Sie sagt: «Ich will nicht mehr da sein, wenn ich wegmuss.»

In den Nachbardörfern heisst es über die Mitholzer: «Die sind so verdreht, dass man sie am Lebensende einfach in den Boden schrauben kann.» Viele haben ihr Tal kaum je verlassen. Was übermorgen sein wird, war hier oben immer berechenbarer als in den Städten. Das einzig Unberechenbare war die Natur. Mitholz erlebte viele Naturkatastrophen. Zuletzt wurden im Jahr 2011 Häuser von Schlamm und Wasser überflutet. Die Menschen leben mit dieser natürlichen Gefahr und haben gelernt, sie einzuschätzen. Mit der Munition im Berg ist es anders. Dieses Risiko ist von Menschen gemacht.

Das Büro neben dem Lachgas

Urs Kallen wäre das erste Opfer gewesen, wenn die Munition in den vergangenen dreissig Jahren explodiert wäre. Kallen arbeitete dreissig Jahre lang in der Militäranlage Mitholz, verrichtete die Aufgaben eines Abwarts. Rückblickend betrachtet, hatte er einen der gefährlichsten Jobs der Schweizer Armee.

Überall im Stollen lag Munition. Doch damit nicht genug: Die Armee hatte in den 1980er Jahren in den Stollen eine Apotheke bauen lassen, um Lachgas zu produzieren. Dafür lagerte sie im Berg Ammoniumnitrat – direkt neben Kallens Büro. Eine Ammoniumnitrat-Explosion hat diesen Sommer den Hafen von Beirut zerstört. Die Anlage war streng geheim. Urs Kallen, von 1980 bis 2010 Betriebsleiter der Anlage, musste seine Aufgaben im Beruf vor allen verschweigen.

Kallen sagt, der Bergstollen von Mitholz sei ein Irrgarten. Im Sommer 2018 liest er in der Lokalzeitung darüber, wie explosiv die Munition noch sei. Seither irrt Kallen gedanklich im Stollen umher. Was wäre gewesen, wenn? Hätte sein Team überlebt? Wer wäre verantwortlich gewesen? Er, der Chef vor Ort?

Urs Kallen vor dem Eingang zur Militäranlage. Er hatte einen der gefährlichsten Jobs der Armee – ohne es zu wissen.

Urs Kallen vor dem Eingang zur Militäranlage. Er hatte einen der gefährlichsten Jobs der Armee – ohne es zu wissen.

Urs Kallen hat ein Privatarchiv mit Bildern der Katastrophe. Der Stollen lässt ihn nicht los.

Urs Kallen hat ein Privatarchiv mit Bildern der Katastrophe. Der Stollen lässt ihn nicht los.

Robert Reichen

Urs Kallen, 64, lebt in Frutigen, zehn Autominuten von Mitholz entfernt. Im Flur seines Hauses hängen eingerahmte Fotos von der Explosion von 1947. Kallen holt einen dicken, schwarzen Ordner aus dem Büro. Es ist sein Privatarchiv. Ein Archiv zu dem, was in Mitholz vorgefallen ist. Und zu dem, was unterlassen wurde.

Kallen war für den Unterhalt angestellt. Er hat in der Militäranlage Produktionsmaschinen und Wasserreservoirs kontrolliert, Dieselmotoren laufen lassen, Steuerklappen geprüft. Die Wartungsliste war lang, und wenn Kallen fertig war, fing er von vorn an. Alles hat die Armee in der Anlage prüfen lassen – nur nicht die Munition.

Der Bund befand es selbst beim Bau der Armeeapotheke in den achtziger Jahren für unnötig, die Gefahr neu zu prüfen. Die Verantwortlichen stützen sich auf den Schlussbericht zum Unglück von 1947. Schon damals war klar, dass mehrere tausend Tonnen Munition im Berg verblieben waren. Die Armee glaubte, dass eine Explosion nur einen kleinen Schaden anrichten würde. Sie lud ausländische Armee-Liebhaber zur Besichtigung der Anlage. Urs Kallen führte sie wie Touristen zu den Fliegerbomben im Stollen.

«Ich hatte immer ein ungutes Gefühl», sagt Urs Kallen. Schon im Jahr 1986 hatte er Bern darauf aufmerksam gemacht und nach dem Risiko einer Explosion gefragt. Eine Fachstelle des Militärdepartements antwortete: «Eine Beeinträchtigung oder gar Gefährdung durch liegengebliebene Munition besteht für Ihre Anlage nicht.»

Dennoch beschäftigte die Munition die Leute. Einmal kamen Experten vom Bund zur Inspektion. Sie interessierten sich für ein Geschoss aus Kallens Büro. Er hatte es im Stollen gefunden, für ungefährlich gehalten, poliert und zur Dekoration aufgestellt. Die Experten konfiszierten das Geschoss. Die restlichen 3500 Tonnen Munition liessen sie liegen. Kallen fragt heute: «Warum? Warum hat niemand genau hingeschaut?» Er ist überzeugt: «Es gab Leute, die wussten von der Gefahr. Wir wurden verarscht.»

Nicht schuldig, aber verantwortlich

Als der Berufsoffizier Hanspeter Aellig 2018 zum ersten Mal von der neu entdeckten Gefahr in Mitholz hörte, arbeitete er noch im engen Zirkel des Armeechefs. Über das ehemalige Munitionslager dachte er: «Gott sei Dank habe ich damit nichts zu tun.» Dann brauchte die Armee Personal für Mitholz, und Aellig wurde verantwortlich für die Räumung. In seinem Büro in der Berner Innenstadt ist der Stollen heute nur einige Klicks entfernt.

Auf seinem Bildschirm sieht Aellig Bilder von Überwachungskameras im Berginneren, daneben Daten von Sensoren. Sie schlagen Alarm, wenn es im Berg Erschütterungen gibt oder sich die Temperatur verändert. Dann droht eine Explosion. Dann muss Aellig die Bevölkerung so schnell wie möglich evakuieren.

Eines der Häuser in der Gefahrenzone. Droht eine Explosion, muss Hanspeter Aellig dafür sorgen, dass alle Mitholzerinnen und Mitholzer sich schnell in Sicherheit bringen können.

Eines der Häuser in der Gefahrenzone. Droht eine Explosion, muss Hanspeter Aellig dafür sorgen, dass alle Mitholzerinnen und Mitholzer sich schnell in Sicherheit bringen können.

Menschengemachte Gefahr: Hier lieferte die Armee die Munition an.

Menschengemachte Gefahr: Hier lieferte die Armee die Munition an.

Aellig weiss, wie die Mitholzer denken, fühlen, sich fürchten. Er stammt aus Adelboden im Tal nebenan. Er hat den Mitholzern sofort das Du angeboten. Im Dorf sagen sie: «Er isch eine vo üs.» Das VBS hat eine gute Wahl getroffen, vielleicht war es Kalkül: Wenn einer schlechte Nachrichten überbringen muss, soll es wenigstens kein Fremder sein. Aellig sagt: «Ich lege mich ja nicht meinetwegen so ins Zeug. Sondern wegen der Menschen im Kandertal.» Er hat eine Schlüsselposition in einem Milliardenprojekt. Und er weiss, welche Verantwortung auf ihm lastet. Ein Bekannter aus Mitholz hat einmal zu ihm gesagt: «Hanspeter, du bist zwar nicht schuld an dem, was hier passiert. Aber du bist verantwortlich.»

Aellig schläft seit Monaten unruhig. Er lässt sein Telefon nachts an. Wenn es in Mitholz einen «Vorfall» gibt, muss er erreichbar sein. Ein Vorfall kann sein: ein kaputter Sensor. Ein Stein, der sich von einer Felswand löst. Im schlimmsten Fall: eine Explosion. Wenn Aellig im Bett liegt, grübelt er: Hast du es im Griff? Machst du es richtig?

Aellig sitzt im Büro und skizziert ein Szenario auf einen Notizblock. «Hier explodiert ein kleines Geschoss, und daneben liegt eine 50-Kilogramm-Fliegerbombe.» Aellig und seine Leute wollen wissen, ob es zu einer Kettenreaktion kommen kann und alles in die Luft geht. Dazu haben sie unzählige Tests gemacht. Auf Aelligs Schreibtisch liegen zwei Stempel. «Streng geheim» steht auf dem einen, «Bullshit» auf dem anderen. Als der Berufsoffizier noch Rekruten ausbildete, benutzte er den Bullshit-Stempel oft. Jetzt dreht er ihn in der Hand hin und her. Dann haut er ihn auf sein Notizblatt, gleich neben die Zeichnung der Fliegerbombe. «Bullshit».

Am Dorfrand von Mitholz wird Erika von Känel laut. «Wir müssen jetzt den Scheissdreck ausbaden. Nur weil es die Verantwortlichen beim Militär vor siebzig Jahren versaut haben.» Sie sitzt am Küchentisch, daneben ihr Mann David. Über ihren Köpfen hängt eine grosse Kuhglocke. Der Sohn Leo klettert auf die Sitzbank, schnappt sich einen Zuckerwürfel und wirft ihn in eine Kaffeetasse. Erika sagt: «Bisher haben wir den Kindern nichts vom möglichen Umzug gesagt. Wir wollen ihnen keine Angst machen.»

Die Mitholzer sind sich einig: Schuld am Ganzen sind die Verantwortlichen von früher. Diejenigen, die nicht aufgeräumt haben nach dem Unglück von 1947. Und diejenigen, die das Versäumnis in den Jahren danach hingenommen haben. Im Dorf hinterfragen wenige offen, wer was hätte tun sollen oder wer was gewusst hat. Erika von Känel sagt: «Es gibt niemanden, auf den ich wütend sein könnte. Die Leute, die heute unten in Bern sitzen, können ja nichts dafür. Die machen nur ihren Job.»

Die Wege der Mitholzer führen ins Ungewisse.

Die Wege der Mitholzer führen ins Ungewisse.

Liegt neu in der Gefahrenzone: das Gebiet um den Hof von David und Erika von Känel.

Liegt neu in der Gefahrenzone: das Gebiet um den Hof von David und Erika von Känel.

Als im Jahr 2018 zum ersten Mal ein Risikoplan von Mitholz veröffentlicht wurde, lag der Bauernhof der Familie von Känel in der weissen Zone. Weiss heisst: keine Gefahr. Keine Evakuation. Später kam eine neue Einschätzung. Da lag der Hof plötzlich in der roten Zone. Rot heisst: Wegzug für zehn Jahre.

Die Familie von Känel hofft, dass die rote Zone wieder verkleinert wird. «Man ist zwischen Stuhl und Bank», sagt David von Känel. Er sagt oft «man», wenn er von sich und seiner Familie spricht. Als würde die ungewisse Zukunft auf jemand anderen warten.

Im Frühling hat das VBS einen Fragebogen an alle Anwohner verschickt. In der Hauptstadt wollten sie wissen, wo die Mitholzer hinziehen wollen. Nach Kandergrund? Nach Frutigen? Oder noch weiter weg? Von Känels haben Kandergrund angekreuzt. Wenn sie gehen, wollen sie möglichst nah an Mitholz bleiben. Sie möchten im Nachbardorf Bauernland bekommen. Doch es gibt noch sechs andere Landwirte in Mitholz.

Die von Känels haben viel investiert in den vergangenen Jahren: den Stall ausgebaut, eine Melkanlage gekauft, das Wohnhaus renoviert. Wenn sie wegmüssen, wird das VBS den Verlust entschädigen. Erika von Känel sagt: «Wir verlieren trotzdem unser Zuhause.»

Das grosse Bürgermeisterli

Der Gemeindepräsident Roman Lanz lebt mehr als sein halbes Leben in Kandergrund. Trotzdem ist er im Dorf «ein Zugezogener» geblieben. Als er vor 36 Jahren hinzog, im Auto mit Aargauer Nummernschild, fragten die Kollegen aus dem Aargau, was er dort oben wolle. Die Kandertaler fragten bald dasselbe. Sie seien einfach in die Wohnung gelaufen, ohne anzuklopfen, und hätten gefragt, erzählt Lanz. Er mochte die direkte Art der Oberländer.

Lanz war für einen Job als Abteilungsleiter in einer Autogarage nach Mitholz gekommen. Er blieb, heiratete, gründete eine Familie, trat der Männerriege bei, liess sich in den Gemeinderat wählen. Die grösste Sorge damals war die Abwanderung. Lanz liess einen neuen Kindergarten bauen, obwohl da kaum Kinder waren. Er wollte junge Familien im Dorf behalten und neue ins Dorf holen. Beides gelang ihm. Jetzt muss er die Familien wieder fortschicken.

Lanz ist noch immer Abteilungsleiter in der Autogarage. Er ist zu 100 Prozent angestellt. Das VBS bezahlt die Fehlstunden, die er wegen des Stollens anhäuft, doch die zusätzliche Verantwortung bezahlt keiner. Mit der Neubeurteilung der Gefahr wurde Lanz vom Gemeindepräsidenten, der sich um Kindergärten, Abfall und die 1.-August-Rede kümmerte, zum Sprachrohr eines geplagten Ortes. Jetzt beschäftigen ihn Fragen wie: Ist Sprengstoff krebserregend? Und was tun, wenn jemand den Wegzug verweigert?

Lanz erzählt, dass der Berner Stadtpräsident ihn einmal gefragt habe, wie er mit diesem «Höllendings» zurechtkomme. Doch die Munition im Stollen ist für Lanz kein «Höllendings». Es ist die Chance seines Lebens.

Die Munition hat den Dorfpolitiker Lanz ins Fernsehen, ins Radio und in die Zeitungen gebracht, Seite an Seite mit Mächtigen aus Bern. Wegen der Munition sass Lanz an einem Tisch mit Regierungs- und Bundesräten. Er hat Parmelin und Amherd kennengelernt, auch Ueli Maurer. Der Alt-Bundesrat Adolf Ogi ist bei ihm vorstellig geworden und hat ihm Unterstützung zugesichert. «Wenn ich daran denke, was für Leuten ich begegnet bin . . .», sagt Lanz. «So ein kleines Bürgermeisterli wie ich.»

Der Stollen hat das Netzwerk und den Horizont von Roman Lanz erweitert. Im engen Kandertal ist das ein Grund, dass schlecht über ihn gesprochen wird. Der zweite Grund ist die Aargauer Herkunft. Der dritte Lanz’ Drängen darauf, dass die Munition geborgen werden muss.

Lanz war der Erste, der öffentlich eine Räumung forderte. Die «Interessengemeinschaft Mitholz» unterstützte die Forderung und sammelte 100 Unterschriften. Doch als klarwurde, dass Räumen nur mit Evakuieren geht, überlegten es sich viele Leute im Dorf anders. Den Schrecken im Berg unter 50 Metern Gestein zu begraben, erscheint seither vielen als das kleinere Übel.

Roman Lanz wohnt in Kandergrund, weit ausserhalb der Zone, die evakuiert werden muss. Von dort aus sei es einfach, die Räumung zu fordern, sagen einige im Dorf. Lanz hat zwei erwachsene Töchter. Er sagt: «Durch Kinder wirst du geprägt. Dann ist dir nicht einfach egal, was morgen oder übermorgen ist.»

Was übermorgen sein wird, ist im Bergdorf Mitholz unberechenbar geworden. Erst im Jahr 2031 will das Verteidigungsdepartement mit der Bergung der Munition beginnen. Bis dahin müssen die Behörden eine Umfahrungsstrasse bauen und die Mitholzer neue Häuser. Roman Lanz wird beim Start der Räumung nicht mehr Präsident der Gemeinde sein. Wird er Politiker bleiben und im Bundeshaus wandeln?

Der Berufsoffizier Hanspeter Aellig wird 2031 viele schlaflose Nächte hinter sich haben. Er wird in vier Jahren pensioniert, aber wird er die Verantwortung je loswerden? Wird er dem Schneebrett davonfahren?

Urs Kallen wird sein Archiv zum Fall Mitholz laufend erweitern. Wird er je akzeptieren können, dass er jahrelang unter Gefahr gearbeitet hat, ohne es zu wissen?

Die Kinder der Familie von Känel werden 2031 Teenager sein. Werden sie wie ihre Eltern Mitholzer sein?

Ida Steiner wäre beim Start der Räumung 95 Jahre alt. Wird ihr Wunsch, dann «nicht mehr da zu sein», in Erfüllung gehen?

Sicher ist eins. Wenn die Bombenspezialisten der Armee nach zehn Jahren Räumung, im Jahr 2041, wieder abziehen, werden sie ein Geisterdorf zurücklassen. Aber Mitholz hat schon einmal bewiesen: Auch auf Trümmern kann es grünen.

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