Switzerland

Das Idyll der Turnfamilie bröckelt

In keinem anderen Sport wird der Begriff der Familie so oft bemüht wie im Turnen. Auch Beni Fluck, der langjährige und höchst erfolgreiche Cheftrainer der Schweizer Kunstturner, zitiert am Dienstag das familiäre Miteinander im nationalen Trainingszentrum Magglingen. Notabene nur einen Steinwurf entfernt von jener Turnhalle, in welcher die jungen Athletinnen der Rhythmischen Sportgymnastik gemäss Medienberichten in der Vergangenheit von ihren Trainerinnen grenzwertig behandelt wurden.

Und nun steht hier also ein Trainer, der selbst anklagt. Auf der Anklagebank sitzen seine Vorgesetzten, Spitzensportchef Felix Stingelin und Geschäftsführer Ruedi Hediger. Fluck wirft ihnen fehlende Wertschätzung vor. Er fühlt sich ausgenutzt, respektlos behandelt. Der 64-Jährige hadert damit, dass sein am 31. Dezember auslaufender Arbeitsvertrag nicht um acht Monate bis nach den Olympischen Spielen in Tokio verlängert wird. Wie man das Angebot, über das Pensionsalter hinaus für «seinen» Sport alles zu geben, derart schroff ablehnen konnte. Und dass sich Leistungssportchef Stingelin für Tokio zum zweiten Mal nach Rio 2016 innerhalb der limitierten Betreuerdelegation vordrängt und deswegen von den drei Männertrainern einer zuhause bleiben muss. In Rio biss Fluck widerwillig in den sauren Apfel und dies stand – hätte Tokio wie vorgesehen in zwei Wochen begonnen – erneut zur Diskussion.

Schon vor vier Jahren überlegte sich der frustrierte Beni Fluck den Gang an die Öffentlichkeit. Er tat es der Turnfamilie zuliebe nicht. Auch jetzt spürt man seine innere Zerrissenheit. Er greift die Vorgesetzten, mit denen gemeinsam er Jahrzehnte seiner turnerischen Laufbahn zurückgelegt hat, nur punktuell an. Es ist nicht alles schlecht im Hause des Turnsports. Aber es ist auch nicht das Idyll, welches der «Welcome to the Family Türvorleger» verspricht. Der Sport befindet sich generell im Umbruch. Die Parallelwelt mit eigenen Strukturen, eigenen Gesetzen und eigenen Richtern wird immer öfter in Frage gestellt – von aussen wie von innen.

Etwa mit dem Aufbegehren eines verdienstvollen Cheftrainers. Nach 45 Jahren Arbeit für den Turnsport ist der Abschied schwierig. Vielleicht schwingt auch das in seiner «Abrechnung» mit. Vielleicht hat der Zeitpunkt damit zu tun, dass die Adressaten seiner Kritik durch den Skandal um die Sportgymnastik ohnehin angezählt sind. Fluck wünscht sich von den Vorgesetzten die Einsicht, sich verändern zu müssen, das eigene Ego in den Hintergrund zu stellen. Es brauche zum Wohle der Sportlerinnen und Sportler ein anderes Klima im Verband. Eines, in welchem Wertschätzung gelebt wird. Und nicht Hierarchiedenken obsiegt.

Ob die zwei Armee-erprobten operativen Chefs im Schweizerischen Turnverband, Ruedi Hediger und Felix Stingelin, zeitgemäss führen, darüber sind die Meinungen geteilt. Dass es dem STV gerade in schwierigen Zeiten an einem gewissen Drive fehlt, ist hingegen offensichtlich. Obwohl man wusste, dass die Situation mit Beni Fluck nicht zufriedenstellend geklärt ist, schob man die Klärung aufgrund der aktuellen Krise auf die lange Bank. Gemäss STV-Führung hätte es in Kürze nochmals eine Sitzung mit ihm geben sollen, um doch noch eine Möglichkeit zu finden, Beni Fluck das Abschiedsgeschenk Tokio möglich zu machen.

Beim STV weiss man, dass ein Trainerwechsel acht Monate vor dem wichtigsten Wettkampf nicht optimal ist. Neben dem Wunschszenario von Fluck gibt es aber offensichtlich auch ein solches von Flucks potentiellem Nachfolger. Und dieser will unbedingt am 1. Januar übernehmen. Dass der STV nicht auf den Wunsch des langjährigen Cheftrainers eingeht, mag ungerecht und schmerzvoll sein. Ein Eklat ist es nicht.

Trotzdem kann es jetzt zu einem solchen kommen. Beni Fluck rechnet nach seinem Alleingang mit der fristlosen Kündigung. Wird er schon heute aus der Turnfamilie ausgestossen? Für Hediger und Stingelin auch eine Chance zu beweisen, dass sie gerade in der Krise mehr können als hierarchisch führen.

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