Switzerland

Das Fussballgeschäft stemmt sich gegen den Verzicht

Das deutliche Ja der Schweizer Klubs zu Geisterspielen hat ab dem 19. Juni ungewöhnlich dichte Fussballwochen zur Folge. Terminkollisionen? Unvermeidbar. Die Corona-Krise legt offen, dass ein Cup-Final ohne Publikum kein Unfall ist.

Im August wird der FC Basel wahrscheinlich im Europacup im Einsatz stehen — zur gleichen Zeit sollte auch der Cup-Viertelfinal gegen Lausanne-Sport stattfinden.

Im August wird der FC Basel wahrscheinlich im Europacup im Einsatz stehen — zur gleichen Zeit sollte auch der Cup-Viertelfinal gegen Lausanne-Sport stattfinden.

Armando Babani / EPA

Der Fussball kann auf nichts verzichten. Das Milliardengeschäft EM-Endrunde ist nicht aufgehoben, aber ins Jahr 2021 verschoben. Natürlich, viel zu viele Batzen stehen auf dem Spiel. An diesem Samstagabend wäre der Champions-League-Final in Istanbul gewesen. Der soll jetzt irgendwann im Herbst stattfinden. Absage undenkbar. Bis jetzt sind nur in den Niederlanden, in Belgien, Schottland und Frankreich die Meisterschaften abgebrochen. Andernorts stehen die Signale auf Orange oder Grün. Seit Freitag steht fest, dass die Swiss Football League die Saison 2019/20 zu Ende bringen will. Mit insgesamt 130 Geisterspielen. Die Super und die Challenge League werden ab dem 19. Juni wochenlang im Akkord arbeiten. In leeren Stadien, dafür zumindest in der obersten Liga vor TV-Kameras.

Die Saison 2020/21 soll im September beginnen. Weil die Zeit davonläuft, wird den ganzen Dezember durchgespielt, Altjahrswoche und 2. Januar inklusive. Lauter Premieren. 

Kaum ist das öffentlich, verbreitet der Schweizerische Fussballverband SFV ein Communiqué. Auch der vor den Viertelfinals steckengebliebene Schweizer Cup soll fortgesetzt werden. Einfach im Anschluss an die Meisterschaft, Anfang August. Das ergibt allein in der Schweiz in der Summe ungefähr zwei Monate, die ausschliesslich mit englischen Wochen bepackt sind. Spielen, spielen und nochmals spielen. Und dies nach einer viermonatigen Pause. Doch noch immer ist die Rechnung nicht ganz gemacht, weil der europäische Fussballverband Uefa im August die Fortführung der Europacup-Saison ins Auge fasst. Oder besser: fassen muss.

Das Basler Cup-Spiel findet kaum Anfang August statt

Das Beispiel des FC Basel legt offen, wie unmöglich der Kalender ohne Verzicht wird. Basel hat in der Europa League im März das Achtelfinal-Hinspiel in Frankfurt 3:0 gewonnen und wird demzufolge Anfang August wahrscheinlich noch länger im Europacup unterwegs sein – und nicht im Viertelfinal des Schweizer Cups gegen den FC Lausanne-Sport. In der Not wird Terrain besetzt. Der Schnellere ist der Geschwindere. Terminkollisionen werden unvermeidlich sein. Oder will Basel heute in Lausanne und morgen um einen siebenstelligen Euro-Betrag gegen Frankfurt spielen? Basel kann viel, aber das nicht.

Man kann sich viel fragen dieser Corona-Tage. So hält der SFV am Schweizer Cup fest, seinem 94-jährigen Wettbewerb, der sogar vor dem Zweiten Weltkrieg nicht in die Knie ging. Der SFV tut das vor allem aus traditionellen und emotionalen Gründen, wenngleich 2020 ein Geisterspiel-Final in Aussicht steht. Paradox ist, dass die Rechnung des Cup-Finals wegen ständig wachsender Sicherheitskosten in den letzten Jahren defizitär geworden ist. Ökonomisch fällt also nicht ins Gewicht, ob der Cup-Sieger ohne Publikum gekürt wird. Wo gibt’s denn so etwas? Gleichzeitig gehört der Cup zum Paket des SFV-Fernsehvertrags.

Fragen über Fragen. So hält die Swiss Football League am Millionenprojekt Videoschiedsrichter VAR fest, obschon reihum Millionen von Franken fehlen. «Die SFL ist an Verträge gebunden», sagt der Liga-CEO Claudius Schäfer dazu. Als ob es in solchen Zeiten der Not nicht möglich wäre, über bestehende Verträge zu diskutieren, weil das kostenintensiv lancierte Projekt VAR mit der Corona-Aktualität nicht mehr Schritt hält. Der andere Ansatz wäre: Mehr Geld für die Klubs, dafür vorübergehend nichts mehr für den Millionen-VAR. Zumindest bis 2021.

Die Liga hat auch berechnen lassen, was ein Meisterschafts-Abbruch im Vergleich zu Geisterspielen kosten würde und inwiefern in welchem Fall Mittel aus dem Nationalmannschafts-Fonds angezapft werden. Das ist Geld, das dank den Erfolgen des Nationalteams zurückgestellt wird und zu den Klubs fliesst. Den Medien bleibt diese Rechnung vorenthalten, obschon sie nicht unwesentlicher Teil der Entscheidfindung ist.

Allenthalben Sonderlichkeiten. So öffnet der Liga-Präsident Heinrich Schifferle am Freitag vor den Medien Ventile, indem er die Berichterstattung in Boulevardmedien ins Gebet nimmt und auf «viele Falschmeldungen» hinweist. Ausgerechnet Schifferle, der seit Monaten im Ruf steht, Inhalte von Sitzungen der Liga- und Verbandsspitze auf den medialen Boulevard zu tragen. Weshalb auch immer. Schifferle wagt sich am Freitag auch zur Aussage vor, dass «der Schweizer Fussball gesünder ist als landläufig dargestellt und gestärkt aus dem Ganzen hervorgehen wird». Nun, Gesundheit kann relativ sein, zumal im Schweizer Klubfussball.

Constantin reist gedanklich in die Formel 1

Christian Constantin, der Präsident des FC Sion, rechnet am Telefon vor, wie viele Millionen Franken dem Business flöten gehen. 20? 30? Er blieb der Generalversammlung der Liga fern und sagt ganz ruhig, dass die Führung der Liga «einen guten Job gemacht» und genug Stimmen für Geisterspiele und gegen die Zwölferliga gesammelt habe – «doch so kann man auch die Fifa-Exekutive loben, die 2010 die WM 2022 nach Katar vergab». Constantin wird gegen die Liga auf arbeitsrechtlichem Terrain klagen, weil gemäss den Corona-Regeln keine neuen Spieler verpflichtet werden können. Constantin hat schon Personal verloren, das die Kurzarbeit nicht akzeptierte und deshalb entlassen wurde (Djourou, Song, Doumbia, Kouassi). Kontrakte von teuren Spielern wie Kasami, Lenjani, Zock und Ndoye laufen Ende Juni aus. Ersatz ist keiner möglich.

Constantin reist gedanklich in die Formel 1 und sagt: «Wir organisieren ein Rennen à 36 Runden. Nach 23 Runden müssen wir stoppen. Wir verlieren unterdessen unseren Piloten, weil dessen Vertrag endet oder weil wir ihn fortschicken müssen. Wir können ihn aber wegen einer Regeländerung nicht ersetzen, wenn später weitergefahren wird.» Constantin bedient sich in Neuenburg und hat zuerst Geoffrey Serey Die sowie am Freitag dazu den Stürmer Gaëtan Karlen verpflichtet. Bis zum mutmasslichen Start der Saison 2020/21 im September können sie nicht eingesetzt werden. «Das geht doch nicht», sagt Constantin.

An der Medienkonferenz nach der Generalversammlung pries Schifferle die «Solidarität» und den «vernünftigen Umgang» in der Swiss Football League. Etwas später sagt ein Klubpräsident: «Constantin hatte nicht einmal die Courage, an die Versammlung zu kommen. Dem kann ich nichts mehr abgewinnen. Er kostet dem Schweizer Fussball nur Geld, Zehntausende Franken, auch jetzt wieder, weil man immer wieder juristische Vorkehrungen treffen muss.»

Die Lage bleibt wackelig. «Corona hat den Schweizer Fussball mit voller Wucht getroffen», sagt der Liga-CEO Schäfer. Mit der Aufnahme von Geisterspielen ist die volle Wucht nicht weg, aber etwas abgefedert. Das ist zumindest die Hoffnung.

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