Switzerland

«Das erste Opfer im Krieg ist immer die Wahrheit»: Der Warlord Kosiah äussert sich im Kriegsverbrecherprozess

Am Freitag hat das Bundesstrafgericht in Bellinzona den Prozess gegen den mutmasslichen Kriegsverbrecher Alieu Kosiah weitergeführt. Erstmals sprach der Angeklagte.

Im Bundesstrafgericht in Bellinzona erklärte Kosiah, er sei unschuldig.

Im Bundesstrafgericht in Bellinzona erklärte Kosiah, er sei unschuldig.

Pablo Gianinazzi / Keystone

Auf diesen Tag hat Alieu Kosiah lange gewartet. Seit über sechs Jahren sitzt der liberianische Staatsangehörige in der Schweiz in Untersuchungs- und Sicherheitshaft – und will sich erklären. Am Freitag war es schliesslich so weit. Der Prozess gegen ihn, den mutmasslichen Kriegsverbrecher, drehte sich am zweiten Tag nicht mehr wie zu Verhandlungsbeginn um Vorfragen, sondern um Kosiah selbst.

Die Erleichterung darüber war dem Liberianer anzumerken. Bisher kannte man vor allem eine Version der Geschichte, nämlich jene der Anklage. Und diese lastet Kosiah schwerste Verbrechen an. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 45-Jährigen vor, während des ersten liberianischen Bürgerkriegs in den 1990er Jahren Mitglied der Rebellenmiliz Ulimo gewesen zu sein und ihr als Kommandant gedient zu haben. Die Anklageschrift umfasst 25 Punkte. Er soll nicht nur Zivilisten getötet und grausam behandelt haben, sondern auch vergewaltigt, getötet, und, selber erst 18 Jahre alt, einen 12-jährigen Kindersoldaten rekrutiert und zu seinem persönlichen Leibwächter gemacht haben. Zu den Aufgaben dieses «small soldier» gehörte laut Anklageschrift nicht nur, für die Sicherheit von Kosiah zu sorgen, sondern auch, dessen Nahrung vorzukosten. Selbst vor Kannibalismus soll Kosiah nicht zurückgeschreckt sein, und gemeinsam mit seinen Mitkämpfern soll er das Herz eines zuvor getöteten Zivilisten verspeist haben.

Als würde er sich selbst verteidigen

Alles Unsinn, erklärte Kosiah am Freitag den drei Richtern des Bundesstrafgerichts in Bellinzona: Er sei unschuldig. Zwar bestritt er nicht, für die Rebellengruppe Ulimo gekämpft zu haben. Es sei Krieg gewesen, seine Volksgruppe, die Mandingos, sei von den Truppen des nachmaligen Präsidenten und später verurteilten Warlords Charles Taylor gezielt angegriffen worden. Doch die Verbrechen, die ihm die Anklage vorwerfe, habe er nicht begangen. Zum besagten Zeitpunkt sei er gar nicht vor Ort gewesen.

Vor Gericht sprach er schnell und viel, der Übersetzer, der Kosiahs liberianisches Englisch auf Französisch übersetzen musste, hatte bisweilen Mühe, Schritt zu halten. Vor dem Angeklagten auf dem Tisch lagen Ordner, Akten und Notizen, als würde er sich selbst verteidigen. Ob er während des ersten Bürgerkriegs je gesehen habe, wie Zivilisten schlecht behandelt worden seien, fragte ihn der vorsitzende Richter Jean-Luc Bacher. Nein, antwortete Kosiah. Er habe zwar gehört, dass dies vorgekommen sei, doch nie in seiner Anwesenheit. Ob er Ulimo-Soldaten gesehen habe, wie sie die Folter- und Fesselmethode Tabé angewendet hätten. Nein, sagte Kosiah. Andere hätten dies getan, vor allem Taylors Truppen der NPFL, er jedoch nie und auch niemand, der mit ihm gekämpft habe. Ob er denn einen positiven Einfluss auf andere Soldaten ausgeübt habe. Das wisse er nicht, erklärte Kosiah, erstaunt über die Frage. Für ihn sei immer klar gewesen: Hätte er etwas Schlechtes gesehen, hätte er interveniert. Doch Kosiah sagte auch Sätze wie: «Das erste Opfer im Krieg ist immer die Wahrheit.»

Befragung wird aufgezeichnet

Bis zum 11. Dezember soll die Befragung Kosiahs noch dauern, dann endet der erste Teil des Prozesses. Erst im zweiten Teil will das Bundesstrafgericht die Privatkläger und Zeugen anhören. Ursprünglich wollte man sie in die Schweiz einfliegen, damit sie vor Gericht aussagen können. Doch aufgrund der Corona-Pandemie sei dies nicht möglich, hiess es immer wieder. Zum grossen Unmut der Anwälte der Privatkläger. Diese verlangten am Prozessauftakt vom Donnerstag, dass das Verfahren, das zuvor bereits dreimal verschoben worden war, erneut vertagt wird. Oder zumindest, dass die Befragung Kosiahs per Video nach Liberia übertragen wird.

Beide Anliegen schlug das Gericht am Freitag indes aus. Es entschied stattdessen, die Befragung aufzuzeichnen. Das Videomaterial soll aber ausschliesslich am Bundesstrafgericht in Bellinzona und in den Büros der Anwälte einsehbar sein.

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