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Das Coronavirus trifft alle – aber längst nicht allen wird gleich geholfen

Hunderte Millionen Menschen können gegenwärtig wegen Covid-19 nicht wie gewohnt arbeiten. Regierungen auf der ganzen Welt versuchen, den Schaden zu begrenzen. Doch durch die Krise dürften sich die Unterschiede zwischen Stark und Schwach eher verschärfen.

Ein Tagelöhner wartet vor einem geschlossenen Markt auf Arbeit. Aufgenommen am 6. April 2020 in Peschawar, Pakistan.

Ein Tagelöhner wartet vor einem geschlossenen Markt auf Arbeit. Aufgenommen am 6. April 2020 in Peschawar, Pakistan.

Arshad Arbab / EPA

So etwas gab es in dieser Form wohl noch nie. Rund um die Welt versuchen derzeit Regierungen gleichzeitig, die Verbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, indem sie unterschiedlich starke Massnahmen des Social Distancing verordnen. Grosse Teile der Wirtschaft stehen plötzlich still oder werden heruntergefahren. Millionen von Menschen können nicht mehr normal arbeiten.

Ökonomisch geraten damit zwei Fragen in den Vordergrund: Wie sollen sich diese versorgen, wenn ihr Erwerb plötzlich ausfällt, und was ist mit all den Unternehmen, die keine Einnahmen mehr erzielen dürfen, aber laufende Kosten haben? Kann verhindert werden, dass viele von ihnen unverschuldet Konkurs anmelden müssen, selbst wenn sie eigentlich funktionierende Geschäftsmodelle haben?

Nicht nur Ältere sind besonders verletzlich

Obwohl diese Epidemie eigentlich früher oder später alle sehr ähnlich trifft und eine globale Herausforderung ist, fehlt es bis jetzt an einer multinationalen Koordination. Stattdessen agieren überall nationale und regionale politische Exekutiven weitgehend im Alleingang, rufen ihren eigenen «Krieg gegen das Virus» aus und schotten ihre Territorien voneinander ab. Die Zusammenstellung durch die NZZ-Korrespondenten am Ende dieses Artikels zeigt, wie 20 Staaten mit der Herausforderung umgehen, Betroffene mit Ersatzeinkünften zu versorgen und Firmen über Wasser zu halten.

Gemeinhin gilt, dass die rigorosen Einschränkungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens vor allem die gesundheitlich weniger robusten Älteren schützen sollen. Ökonomisch gesehen sind es allerdings nicht primär die Rentner, sondern vor allem Arme und Schwächere, die schnell in Nöte geraten, wenn wegen des Virus plötzlich das Einkommen ausbleibt. Für sie ist es deshalb besonders wichtig, dass sie Hilfe schnell erreicht.

Mit unbürokratisch an die Sondersituation angepassten Arbeitslosenversicherungen sind vor allem die sozialen Marktwirtschaften in Europa (inkl. der Schweiz) dafür institutionell recht gut gerüstet. Als besonders hilfreiches Instrument erweist sich die temporäre Kurzarbeit, dank der Erwerbstätige in ihren Firmen gehalten werden können, bis diese ihre Geschäfte wieder hochfahren.

Die angelsächsischen Länder nutzten das Instrument der Kurzarbeit bisher kaum. Grossbritannien und verschiedene Gliedstaaten in den USA versuchen dieses nun schnell nachzuahmen, haben aber die eingespielten Strukturen dafür noch nicht. Schwellenländer wie Russland, China oder Brasilien kennen Kurzarbeit als staatlich unterstützte Versicherungslösung erst recht nicht.

Auch die Arbeitslosenversicherung ist in diesen Ländern nur sehr rudimentär vorhanden; in Südafrika hängt sie davon ab, ob Firmen ihre Angestellten entsprechend versichert haben. Selbst Italien und Griechenland kennen keine am bisherigen Gehalt orientierte Arbeitslosenunterstützung, wie sie in der nördlicheren Hälfte Europas üblich ist. Hier werden nun ad hoc Hilfeleistungen versprochen, doch es ist unklar, wie schnell und effizient sie auch umgesetzt werden.

Während andere Staaten Einmalzahlungen an alle Haushalte für zu wenig zielgenau und zu teuer halten, scheinen die USA und Hongkong mangels besserer Alternativen auf solches «Helikoptergeld» zu setzen. In Russland hat der Präsident kurzerhand vier Wochen Zwangsferien verordnet, während deren die Arbeitgeber ihren Angestellten den Lohn weiter zahlen müssen. Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) dürfte dies allerdings erst recht in existenzielle Nöte bringen.

Selbständige als Sonderfall

Wo, wie in den USA, Beschäftigte nicht vom Staat im bisherigen Erwerb gehalten werden, schnellt die Arbeitslosigkeit auf traurige Rekorde. Während etwa Frankreich Saisonniers neu explizit zu den Berechtigten zählt, die mit staatlicher Unterstützung rechnen dürfen, ist vielenorts unklar, was mit Gastarbeitern geschieht, deren Tätigkeit vorzeitig beendet wurde oder die nun ihre Arbeit nicht antreten können.

Besonders schwer haben es Arbeitslose, deren Gesundheitsversicherung an den Arbeitsplatz gebunden war. Ganz ohne Hilfe und Einkommen bleiben zudem vor allem im Süden und in den Transformationsländern die vielen Beschäftigten im informellen Sektor. Oft wird ihnen nichts anderes übrig bleiben, als zu versuchen, weiter zu arbeiten und in sehr beengten Verhältnissen zu hausen. Das Coronavirus dürfte deshalb bei ihnen ideale Verhältnisse zur raschen Verbreitung vorfinden.

Je schwächer die institutionellen Strukturen in einem Land und je marginalisierter die Bevölkerungsschicht, umso härter schlägt das Virus zu. Dem entgegenwirken tun einzig eine vielenorts spürbar gesteigerte freiwillige Solidarität und traditionelle Familienstrukturen. Ganz stark auf diese setzen die asiatischen Länder China, Japan und Singapur.

KMU sind vielenorts das Rückgrat der Wirtschaft, doch selbständige Unternehmer waren bisher in der Regel nicht gegen Erwerbsausfall versichert. Wenn nun ihr Coiffeursalon, ihr Hotel, ihre Sprachschule oder auch ihre kleine Werbeagentur plötzlich keine Einkünfte mehr erzielt, sind sie ohne Ausgleichsmassnahmen gleich doppelt getroffen: Sie erhalten keine Unterstützung, und sie haben hohe weiterlaufende Kosten. In vielen Staaten gehören sie zu denjenigen, die vorerst durch den Raster der Hilfsmassnahmen fallen.

In manchen europäischen Ländern, darunter der Schweiz, wurde ihnen kurzerhand ein – meist betragsmässig eingeschränkter – Zugang zu Entschädigungen eingeräumt; in Österreich ist Hilfe allerdings nur für Härtefälle vorgesehen. In vielen Staaten wie etwa Italien finden es zudem viele sehr aufwendig und bürokratisch, an Unterstützung zu gelangen. 

China setzt auf den Erhalt der KMU

Interessant ist auch das unterschiedliche Augenmerk, das die verschiedenen Staaten auf Hilfe an ihre Unternehmen lenken. Während beispielsweise Russland sich wie gewohnt vor allem um seine «strategischen» Staatsunternehmen sorgt, hat sich China in dieser Krise mit staatlichen Zahlungen aus der Giesskanne und konjunkturstützenden Massnahmen sehr zurückgehalten. Stattdessen versucht Peking zu verhindern, dass KMU reihenweise Konkurs anmelden müssen. Dem dienen nicht nur Zahlungsaufschübe und faktische Betreibungsferien, sondern auch eine Steuerbefreiung und sogar die teilweise Rückerstattung von Sozialabgaben. Zudem sind Staatsunternehmen als Vermieter aufgefordert, Firmen Mietnachlässe zu gewähren, und die Staatsbanken sollen KMU in Schwierigkeiten zinslose Darlehen anbieten.

Ganz oder teilweise staatlich garantierte Firmenkredite zu günstigen Konditionen sind das Mittel der ersten Wahl in den meisten westlichen Ländern. Sie lassen den Firmen den Anreiz, möglichst bald wieder profitabel zu wirtschaften, geben ihnen aber die Möglichkeit, den Schaden über längere Zeit zu verteilen. Mit zusätzlicher Liquidität versuchen zudem die Zentralbanken, allen voran erneut das amerikanische Fed, die Banken dazu anzuhalten, Firmen Überbrückungskredite zu gewähren.

Je länger allerdings die Krise dauert, umso grösser wird die Gefahr, dass Firmen Kredite nicht vollständig zurückzahlen können. A-fonds-perdu-Beiträge oder Schuldenschnitte könnten hier Linderung verschaffen, kommen aber die Gläubiger schnell sehr teuer zu stehen. So ist absehbar, dass die notleidenden Kredite der Banken und die Verschuldung von Firmen, privaten Haushalten und dem Staat steigen werden.

Zur Begrenzung des längerfristigen Schadens, den die Corona-Epidemie anrichtet, wird deshalb überall entscheidend sein, dass grosse Teile der Wirtschaft möglichst schnell wieder Fahrt aufnehmen können. Sonst wird die Corona-Gesundheitskrise selbst dort, wo sie jetzt noch wirtschaftlich relativ gut abgefedert wird, schnell in eine womöglich noch schmerzhaftere Schulden- und Finanzkrise ausarten.

Mitarbeit: Ht., nbe., mbe., sco., ruh., bet., pag., pab., awy., mla., Fdr., Mue., koe., rt., mac., Bu., cb.

Am besten vorbereitet sind die sozialen Marktwirtschaften

Erwerbsersatz und Liquiditätshilfen in Corona-Zeiten

Kurzarbeit Arbeitslosengeld Beiträge an Selbständige Hilfe an Unternehmen
Schweiz stark erweiterter und erleichterter Zugang ohne Wartefrist regulär nur sofern Tätigkeit verboten, limitierter Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung, Zahlungsaufschub Liquiditätskredite bis zu 10% des Umsatzes, zinslos und vollständig vom Bund garantiert bis 0,5 Mio. Fr., danach Bürgschaft für 85% bis max. 20 Mio. Fr.
Deutschland erleichterter Zugang, erhöhte Leistungen regulär einmalige Zuschüsse für KMU mit bis 5 Mitarbeitern bis zu 9000 € für drei Monate, bei bis 10 Mitarbeitern bis zu 15 000 € bis zu 100% staatlich garantierte Liquiditätskredite, Schutzschirm für grössere Firmen
Frankreich Staat zahlt bis 4,5-mal Mindestlohn, auch für Saisonniers regulär, Krisenzeit zählt nicht als Bezugszeit 1500 € A-fonds-perdu-Soforthilfe für verbotene Tätigkeiten Liquiditätskredite für KMU in Vorbereitung
Österreich auf alle Branchen und Angestellten ausgeweitet regulär A-fonds-perdu-Zahlungen für Härtefälle Notkredite für kleinere geschlossene Firmen, wohl nur mit Abschlag rückzahlbar; staatliche Bürgschaft für 80% der Kredite, auch an grössere Firmen, bis zu 10 bis 15% des Umsatzes
Belgien mittelfristig temporär auf Saisonniers ausgeweitet Ersatzeinkommen, sofern Tätigkeit verboten, Zahlungsaufschub für Steuern Zahlungsaufschub, Kreditgarantien
Niederlande bis zu drei  Monaten regulär ausgebaut A-fonds-perdu-Beiträge in der Höhe des Mindestlohns staatliche Kredite zu Vorzugszinsen
Luxemburg mit Lohnobergrenze regulär ausgebaut Steueraufschub, kleine Kredite
Schweden augebaut für regulär versicherte Firmen Zweisäulensystem Staat/Unternehmen noch unklar erleichterter Zugang zu Krediten, Zahlungsaufschub
Grossbritannien bisher kaum existent, neu zahlt der Staat bis zu 80% der Löhne, max. 2500 £ / Monat erleichterter Zugang zu  Sozialhilfezahlung analog zur Kurzarbeit, soll aber erst ab Juni operabel sein staatlich garantierte Bankkredite
Griechenland bis Hälfte der Belegschaft, nur kurzfristig unbedeutend für 45 Tage, sofern Tätigkeit verboten Mieterleichterungen, Steueraufschub

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