Switzerland

Das Coronavirus spaltet die Anleger

Trotz Tausenden neuen Infektionsfällen pro Tag steigen die Aktienbörsen von Rekord zu Rekord. Andere Märkte senden jedoch gegenteilige Signale aus.

China befindet sich wegen des Coroavirus noch immer im Ausnahmezustand – doch die Märkte zeigen sich optimistisch.

China befindet sich wegen des Coroavirus noch immer im Ausnahmezustand – doch die Märkte zeigen sich optimistisch.

Kevin Frayer / Getty

Die Finanzmärkte geben dieser Tage einmal mehr ein grosses Rätsel auf. Während sich weltweit Menschen vor einer weiteren Ausbreitung der Coronavirus-Epidemie fürchten und beispielsweise Schutzmasken kaufen, überwiegt an den Aktienmärkten schon lange wieder der Optimismus. Die Kursdelle von Ende Januar fiel an den meisten Handelsplätzen glimpflich aus und ist dort bereits wieder ausgebügelt.

Nur in China haben sich die Kurse noch nicht erholt

Die einzige nennenswerte Ausnahme bilden die chinesischen Festlandbörsen, wo der Einbruch mit rund 10% am stärksten ausfiel und rund die Hälfte davon noch zu Buche steht. Besonders gering fiel der Rücksetzer in der Schweiz aus, wo der Swiss-Market-Index (SMI) gerade einmal 2,5% verloren hatte. Seither legte er wieder um fast 5% zu und erreichte mehrfach neue «Allzeithochs», so auch diese Woche.

Trotz den mit dem Coronavirus verbundenen Unsicherheiten und dem etwas in den Hintergrund geratenen Konflikt zwischen den USA und Iran hat das Schweizer Leitbarometer seit Jahresbeginn annähernd 5% gewonnen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Kursavancen des Vorjahres inklusive Dividenden mit rund 30% bereits sehr üppig ausgefallen waren. Und die Schweiz ist kein Einzelfall, an anderen europäischen Börsenplätzen und in den USA sieht die Situation ähnlich aus.

Aktienkurse halten sich trotz gestiegener Unsicherheit

Besonders auffällig ist dabei, dass selbst an Tagen, an denen die Unsicherheit steigt, die Kurse kaum nachgeben. So haben wegen einer neuen Zählweise in der besonders stark betroffenen Provinz Hubei die Zahlen der Erkrankungs- und Todesfälle drastisch zugenommen. Marktkommentatoren sprachen am Donnerstag zwar von beunruhigten Investoren, der amerikanische S&P-500-Index verlor jedoch gerade einmal 0,2%. In einem normalen Marktumfeld hätte man vermutlich von einem impulslosen Handel gesprochen oder bestenfalls von Gewinnmitnahmen.

Woher kommt also diese Sorglosigkeit, obwohl sich China noch immer im Ausnahmezustand befindet und dort weiterhin täglich mehrere tausend Neuinfizierte gemeldet werden? Die Antwort fällt zweiteilig aus. Erstens verweisen viele Experten auf die Entwicklung der Aktienkurse während der Sars-Epidemie im Jahr 2003. Damals setzten die Börsen bereits kurz vor jenem Zeitpunkt zur Erholung an, ab dem die Zahl der Neuinfektionen zu sinken begann. 

Sars-Epidemie als Vorlage

Für zahlreiche Anlagestrategen steht fest, dass sich die Märkte auch dieses Mal nach einem ähnlichen Muster verhalten werden. Angesichts gewisser Stimmen, die den Höhepunkt der Neuinfektionen in diesen Tagen erwarten, gehen sie davon aus, dass sich die wirtschaftlichen Folgen der Epidemie auf das erste Quartal beschränken werden. Durch eine schnelle Erholung würden die Einbussen danach wieder kompensiert werden, lautet ihre Annahme. Entsprechend raten sie, bei Kursrückschlägen Aktien zu erwerben.

Im Ergebnis scheinen die Empfehlungen bei den Investoren zu fruchten. Sie gewichten das Risiko, etwas zu verpassen, höher als jenes, in eine schmerzhafte Korrektur zu geraten. Aktien werden gekauft, obwohl es noch nicht einmal zu einer richtigen Korrektur gekommen ist. Ob diese «Schwarmintelligenz» recht behält, wird sich natürlich erst weisen. Neben optimistischen Epidemie-Experten gibt es nämlich auch solche, die keinerlei Prognose über den weiteren Verlauf der Epidemie wagen oder eine weitere Zunahme der Infektionsfälle erwarten.

Vertrauen auf die Notenbanken

Zweitens wähnen die Aktienanleger aber selbst für den Fall, dass die Epidemie gravierendere Folgen haben sollte, hohe Trümpfe in ihrer Hand. Einerseits hat US-Präsident Trump ein grosses Interesse daran, dass die Börsen im Wahljahr gut laufen, und andererseits haben die Notenbanken mehrfach demonstriert, Gewehr bei Fuss zu stehen, wenn die Konjunktur ins Stottern zu geraten droht.

Allerdings sind die Aktienmärkte nur eine Seite der Medaille. An den Anleihemärkten sind die Zinsen in den vergangenen Tagen spürbar gesunken, der Dollar und der Franken haben zugelegt, und auch Gold hat sich wieder bis auf 1580 $ pro Feinunze verteuert. Dass auch diese sicheren Häfen hoch im Kurs stehen, deutet darauf hin, dass nicht alle Anleger den weitverbreiteten Optimismus teilen. Gleiches gilt übrigens auch für manchen Anlagestrategen, der sich angesichts des Höhenflugs der Börsen ungläubig die Augen reibt. 

Rekordstände trotz Unsicherheiten

Swiss-Market-Index (SMI), in Punkten (in Tausend)

März 2019Febr. 20209,09,510,010,511,011,1288111,12881