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Switzerland

Das Coronavirus setzt die Schweizer Tourismusbranche unter Druck. Eine ungewöhnliche Reise von Luzern nach Interlaken

Auf einen Schlag fehlen die Reisegruppen aus China – und somit das Lebenselixier für viele Hotels, Juweliere, Attraktionen in der Schweiz. Doch nicht nur Besucher aus China bleiben aus.

Der Luzerner Schwanenplatz steht leer am 12. Februar. Normalerweise reiht sich hier Car an Car mit kaufwilligen Besuchern aus Fernost.

Der Luzerner Schwanenplatz steht leer am 12. Februar. Normalerweise reiht sich hier Car an Car mit kaufwilligen Besuchern aus Fernost.

Simon Tanner / NZZ

Was sich viele Luzerner insgeheim wünschen, ist pünktlich vor der Fasnacht wahr geworden: eine touristenfreie Stadt. Nicht ganz zwar. Vor dem Triumphbogen am Bahnhofsplatz posiert an diesem späten, bewölkten Februarmorgen ein junges Ehepaar aus Indien. Er blickt sie schmachtend an, sie lässt ihre saphirblauen Augen in die Kamera blitzen. Links und rechts vor der Linse erstreckt sich eine gähnende Leere. Denn die Coronakrise ist in der Schweiz angekommen. Reisegruppen aus China fehlen seit Anfang Februar und damit auch die Geschäftsgrundlage für viele Unternehmen, die vom Tourismus abhängig sind.

Doch in dem kleinen Souvenirshop auf der Luzerner Kapellbrücke will man von einer Coronakrise nichts wissen. Die sei von den Medien aufgebauscht worden, sagt die Dame hinter der Kasse, mehr wolle sie dazu nicht sagen. Dann fügt sie trotzdem hinzu: Hier laufe alles ganz normal weiter. Der Winter sei allgemein ruhig, und die Kunden kämen ja nicht nur aus China. Das stimmt: Die Chinesen buchen 9 Prozent aller Hotelbuchungen in Luzern. Damit sind sie die drittstärkste Gruppe nach den Schweizern und den Amerikanern, gemäss Luzern Tourismus.

Ganz anders tönt es bei Lion Souvenir GmbH an der Alpenstrasse auf dem Weg zum Löwendenkmal, einem der Hotspots für Chinesen. Die Besitzerin Feng Jiang sitzt in einem Stuhl hinter der Ladentheke. Es scheint, sie schlafe. Als die Ladentüre beim Öffnen klingelt, erhebt sie sich rasch, rückt die randlose Brille zurecht. Feng ist seit dreissig Jahren in der Schweiz. Doch dieser Winter sei schwierig. In der Nebensaison habe sie normalerweise nur Kunden aus China, sagt sie. «Wir warten alle, dass die Epidemie vorübergeht.» Wenigstens beschäftige der Familienbetrieb kein Personal, das man entlassen müsse.

Touristen aus Südkorea fotografieren sich vor der Kapellbrücke. Die chinesische Regierung hat wegen des Coronavirus Gruppenreisen nach Europa gestoppt.

Touristen aus Südkorea fotografieren sich vor der Kapellbrücke. Die chinesische Regierung hat wegen des Coronavirus Gruppenreisen nach Europa gestoppt.

Alexandra Wey / Keystone

Hauptsaison auf der Kippe

Nicht nur in Luzern treibt das Coronavirus Detaillisten, Hoteliers und Betreibern von Sehenswürdigkeiten die Sorgenfalten auf die Stirn – mittlerweile zittert die gesamte Schweizer Tourismusbranche vor den möglichen Auswirkungen der Epidemie aufs Geschäft. Schliesslich beginnt demnächst die Hauptsaison.

Beim Veranstalter Switzerland Travel Centre (STC) etwa, der rund 10 Prozent seines Umsatzes mit Besuchern aus der Region Greater China erzielt, häufen sich die Stornierungen. Kürzlich haben vier Gruppen aus China mit je 30 bis 40 Teilnehmern ihre für Februar geplanten Reisen abgesagt; zwei Gruppen, die im April kommen sollten, haben inzwischen ebenfalls storniert. Die Absagen in der Nebensaison fallen allerdings noch nicht gross ins Gewicht.

Schwieriger wird es, wenn die Gäste aus China auch in der Hauptsaison ausbleiben. Für Mai und Juni sind bei STC derzeit die Bücher prall gefüllt. Angesichts der gegenwärtigen Lage in China wären allerdings alles andere als Absagen in grossem Stil eine Überraschung. Bisher war der Reiseveranstalter von jährlichen Zuwächsen im Chinageschäft im zweistelligen Prozentbereich verwöhnt. Damit dürfte es zumindest für das laufende Jahr vorbei sein.

Noch im vergangenen Jahr schien der Touristenstrom aus China in die Schweiz uferlos. Im Mai 2019 schickte ein US-Kosmetikkonzern 12 000 chinesische Angestellte auf eine Schweizreise: die grösste chinesische Reisegruppe, die die Schweiz je gesehen habe, schrieb die «Luzerner Zeitung». Mario Lütolf, der Leiter Stadtraum und Veranstaltungen der Stadt Luzern, sagte damals gegenüber SRF, er erwarte «mehrere Millionen Franken Wertschöpfung» vom touristischen Grossereignis.

Geschäft für Uhrenverkäufer «tot»

Auf dem Luzerner Schwanenplatz hüpfen Tauben umher. Hier halten normalerweise die Reisecars für kurze Zeit, um die Touristen auf Shoppingtour zu schicken. Zuweilen kommt man hier an einem normalen Tag kaum durch. Die grossen Juweliergeschäfte reihen sich aneinander: Bucherer, Gübelin, Embassy. Ein Luzerner in neonoranger Warnweste weist die Cars ein. Heute hat er nicht viel zu tun. «Es gleicht schon fast einem Sechser im Lotto, dass ein Car vorfährt», sagt er.

Dies bekommen die Juweliere zu spüren. Denn die jährlich 90 000 Touristen aus China werden von der Dichte an Luxus-Uhrenmarken angelockt. Da in China auf solche Waren eine Luxussteuer von 60 Prozent entfällt, können sie in der Schweiz ein Schnäppchen machen.

Die Geschäftsanschrift von «Embassy» verschwindet hinter den prominenten chinesischen Schriftzeichen. «Ka Di Ye» («Cartier») steht links und rechts des Eingangs auf säulenhohen Flaggen. Der Embassy-CEO Urs Kissling sagt: «Die Stadt ist wie ausgestorben.» Das schlägt sich auf den Umsatz nieder – auch bei dem Allianzpartner von Embassy, der Kirchhofer-Gruppe, die in Interlaken sechs Uhrenfachgeschäfte betreibt. Zahlen gibt Kissling nicht heraus. Massnahmen seien getroffen, doch Personal müsse er keines entlassen. «Wir erwarten, dass es so rasch wie möglich besser wird, doch es ist schwer abschätzbar, wann das sein wird.»

Murat Cakmak, der Besitzer der Schmuckgalerie GmbH, wird etwas konkreter. Es werde ein Jahr dauern, bis er sich geschäftlich von der Coronakrise erholt habe. Cakmak betreibt zwei kleinere Uhrengeschäfte in Luzern. Dieses Jahr wollte er ein drittes Geschäft in Luzern aufmachen. Dies sei nun undenkbar. Die Verkäufe seien um bis zu 95 Prozent eingebrochen. «Tot» sei das Geschäft in Luzern, sagt Cakmak, die Schweizer würden keine Uhren kaufen. Da nützt auch das rote Schild, das 50 Prozent Rabatt ankündigt, nichts mehr. Die Chinesen sind es, die Geld ausgeben.

19 Millionen Franken Verlust

China ist nach Deutschland und den USA der drittwichtigste Auslandsmarkt der Schweizer Tourismusbranche. Der Umsatz mit Reisenden aus China, Hongkong und Taiwan betrug 2018 etwas mehr als 656 Millionen Franken. Zwischen 2008 und 2018 ist die Zahl der Hotellogiernächte von Chinesen um satte 451 Prozent auf 1,7 Millionen gestiegen, und die Detaillisten, Restaurants und Hotels hierzulande verdienen gut: 380 Franken gibt jeder Besucher aus China durchschnittlich pro Tag in der Schweiz aus.

Immer mehr Besucher aus China

Hotellogiernächte chinesischer Touristen in der Schweiz (in Mio.)

2013201420152016201720180,00,51,01,5

Bei der Marketingorganisation Schweiz Tourismus beugen sie sich derzeit sorgenvoll über die Bücher und versuchen, den allfälligen finanziellen Schaden durch die ausbleibenden Besucher zu errechnen. Allein im Februar könnten 50 000 Hotellogiernächte aus China entfallen, heisst es. Das entspreche einem Umsatz von 19 Millionen Franken. Im schlimmsten Fall könnten im laufenden Jahr die Hälfte aller Hotellogiernächte von Chinesen wegfallen. Doch hinter der Prognose stehen einige Fragezeichen. Sollte sich die Lage in China bald entspannen, dürfte es nicht allzu schlimm kommen.

Auf dem Löwenplatz fährt nun endlich ein erster Car vor und vertreibt die Tauben. Es sind ältere Herrschaften aus Hongkong. Die dürfen noch reisen. Beim Löwendenkmal ist auch etwas los. Zwei grosse Reisegruppen aus Südkorea erinnern daran, dass Asiaten hier eigentlich zum Stadtbild gehören. Die koreanischen Reisenden sind jung, die Männer tragen weisse Turnschuhe von Nike, die Frauen haben die Haare rosa und rostbraun gefärbt. Vor dem sterbenden Löwen posieren sie lachend. «Hana! Dul! Set!», zählt der Reiseführer auf drei, drückt ab. Die Menge klatscht. Sie zieht weiter in die Innenstadt, ein paar junge Männer wollen zum «Fondue House». Ihr Feixen und Rufen durchbricht die Ruhe an diesem Mittag in Luzern, doch die Lehrlinge, die sich im Coop ein Sandwich holen, drehen nicht einmal den Kopf.

Oberhalb von Coop steht das chinesische Restaurant Phönix. Es ist mittags gut besucht von Einheimischen. Doch auch hier spürt man den Einfluss der fehlenden Touristen aus China, die sonst 20 bis 30 Prozent der Gäste ausmachen, wie die Besitzerin hinter der Theke sagt.

Jungfraujoch «optimistisch»

Die 30-jährige Chinesin Zhang Lei geniesst die Sonne. Sie hat sich mit ihrer Kamera auf die Holzbank vor der Kapellbrücke gesetzt. Seit zehn Jahren lebt sie in Australien. Die dreiwöchige Europareise führt sie von Österreich durch die Schweiz nach Frankreich. «Ich geniesse, dass es weniger Touristen hat», sagt Zhang. Nächster Halt: Interlaken.

Interlaken gehört an diesem späten Mittwochnachmittag den Einheimischen. Eine Grossmutter geht mit ihrer Enkelin und dem Urenkel im Kinderwagen spazieren. Ein Junge schiesst johlend auf Schlittschuhen gegen die Rampe der Eislaufbahn zwischen Interlaken Ost und West. Daneben fallen die zwei Koreaner beinahe aus dem Rahmen. Sie posieren mit Selbstauslöser vor dem Jungfraujoch, das weit im Hintergrund thront.

Das Jungfraujoch ist die wohl beliebteste Attraktion bei chinesischen Touristen. Zwischen 17 und 20 Prozent aller Besucher kommen aus China. «Wir hatten einige Annullierungen», sagt Urs Kessler, CEO der Jungfraubahnen, aber im Grossen und Ganzen halten sich die Ausfälle bis jetzt in Grenzen. Nach dem chinesischen Neujahr reisten die Chinesen im Februar und März ohnehin nur sehr wenig, betont Kessler. Wirklich schmerzhaft würde es, wenn sich die Krise in China noch bis in den Frühling und Sommer hinziehen würde. Doch Kessler ist optimistisch: «Ich gehe davon aus, dass der Peak der Infektionen und Todesfälle bald erreicht ist und sich die Situation ab April wieder normalisiert.»

«Sex sells» trotz Coronavirus

Die Eingangshalle der Schweizer Jugendherberge in Interlaken ist rappelvoll. Gäste sitzen im Restaurant, liefern sich eine Billard-Partie, entspannen auf den grünen und violetten Lounge-Sesseln. Kein Wunder, denn die wichtigste Gruppe für die Jugendherberge sind Besucher aus Südkorea, laut dem Betriebsleiter Ueli Zürcher. Chinesen kommen erst an siebter oder achter Stelle. Trotzdem gab es einige Stornierungen für den Februar. «Es lief schlechter als sonst in diesem Winter», sagt Zürcher. Sogar die Koreaner hätten wegen des Coronavirus Bedenken geäussert – sie wollen nicht mit Touristen aus China das Zimmer teilen.

Im Hotel Merkur beim Bahnhof West hat man 10 bis 15 Prozent Stornierungen entgegennehmen müssen. Deniz Aras, zuständig für Hotelreservationen, sagt, dies betreffe nicht nur Chinesen. «Auch Koreaner haben ihre Reisen abgesagt mit der Begründung, sie wollten wegen des Coronavirus lieber zu Hause bleiben.»

Nur im Sexshop Miranda in Interlaken merkt man nichts von der Coronakrise. Chinesen kaufen in dem Geschäft sowieso nichts. Rosmarie Moser, die den Laden seit 22 Jahren mit ihrem Mann führt, sagt: «Chinesen haben Angst vor Zollkontrollen.» Pornografie ist in China, im Gegensatz zu Luxusuhren, nämlich verboten.

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