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Das Coronavirus hat leider nichts von einer Apokalypse: Es regt die Phantasie nicht an, sondern lähmt bloss die Betriebe

Die Welt steht plötzlich still – und auch das Denken kommt zum Erliegen. Im tagesaktuellen Klein-Klein des Krisenmanagements gehen wesentliche Fragen über unser Zusammenleben vergessen.

Jan von Eyck (1391-1440): So könnte das Jüngste Gericht aussehen.

Jan von Eyck (1391-1440): So könnte das Jüngste Gericht aussehen.

Francis G. Mayer / Corbis / Getty

Die Apokalypse hat einen schlechten Ruf. Wer seine Gegner diskreditieren will, nennt sie einfach Apokalyptiker. Fridays for Future, Klimaforscher, Grüne? Apokalyptiker! Prophezeier von Finanzkrisen? Apokalyptiker! Kritiker von künstlicher Intelligenz? Apokalyptiker! Warner vor Corona? Wiederum, laufend: Apokalyptiker!

Nicht nur, dass es sich beim Apokalyptiker-Anwurf um ein Totschlagargument handelt. Die Klimakrise und die Viruskrise sind auch zwei kaum vergleichbare Phänomene.

Im einen Fall bietet sich die Verbindung zur Apokalypse durchaus an, im anderen jedoch nicht: Der Kampf gegen Covid-19 hat – erstens – nichts mit Apokalyptik zu tun. Die einseitig negative Verwendung des Begriffs Apokalypse übersieht jedoch dessen ungeachtet – zweitens – die konstruktive kulturelle Funktion der Apokalyptik. Zu allen Zeiten hat die Erwartung der Apokalypse, nur vordergründig paradoxerweise, kreative Energien und Kräfte in Menschen freigesetzt.

Gott spornt an . . .

Ich habe zwanzig Jahre meines Lebens in der schwäbischen Kleinstadt Korntal verbracht. Sie wurde 1819 von endzeitlich gestimmten Pietisten gegründet. Die Siedler hatten die Apokalypse, in diesem Fall die Wiederkehr Jesu, penibel auf das Jahr 1836 berechnet. Nun könnte man sich vorstellen, dass ihre Apokalyptik die Strenggläubigen fatalistisch und träge gemacht hätte. Das Ende ist nahe, alles zu spät, lehnen wir uns zurück! Doch das Gegenteil war der Fall.

Da die Korntaler dem Heiland, wie man wohl nachvollziehen kann, nicht verschuldet gegenübertreten wollten, arbeiteten sie umso härter. Pünktlich zum Jahre 1836 war die finanziell chronisch angeschlagene Siedlung schuldenfrei. Die Bewohner hatten sich die eine oder andere Massnahme einfallen lassen, waren kreativ geworden, hatten sich ins Zeug gelegt.

Der Messias liess sich dann doch noch etwas Zeit, wie Stars nun einmal so sind. Aber die Finanzen waren in Ordnung. So zeitigte die metaphysische Esoterik handfeste wirtschaftliche Konsequenzen – eine List der Vernunft, mit dem schwäbischen Zeitgenossen und säkularen Endzeit-Apostel G. W. F. Hegel gesprochen.

Wie dieses Beispiel zeigt, kann die Aussicht auf das Jüngste Gericht ein Treiber von Tatkraft und Innovation sein. Die Übermacht des anderen lässt Menschen nicht einfach verzagen, Prädestination führt nicht zwingend zu Prokrastination. Im Gegenteil. Gerade die Anästhetik des Unvorstellbaren, des totalen Endes der Welt, wie man sie kannte, steigert die Vorstellungskraft und beflügelt die Schaffenskraft.

So betrachtet, ist Fridays for Future durchaus apokalyptisch im wertneutralen Sinne, nur eben auf säkulare Weise, mit einer richtenden Natur statt einem richtenden Gott. Anstelle von monetären Schulden werden ökologische Schulden abgebaut. In beiden Fällen gilt es, mit einem möglichst vorteilhaften Vorstrafenregister vor das Jüngste Gericht zu treten – oder insgeheim zu hoffen, dass das Gericht aufgrund gelebter Tugendhaftigkeit doch nicht tagen werde.

Ein Schelm, wer glaubt, allen früheren Gläubigen wäre diese Hoffnung fremd gewesen. So wie sich die heute dominanten profanen Elemente mit Restbeständen des Sakralen mischen, vermischten sich die früher dominanten sakralen Elemente mit Profanem aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Reine Religion hat nie existiert. Und Heilsperspektiven gibt es auch im Diesseits – mit allem Stress, den das so bringt.

Wie in sakraler Apokalyptik geht in säkularer Apokalyptik die Erwartung des Endes vielfach mit gesteigerter Aktivität einher, mit einem belebenden Gefühl und Solidarisierung, mit der Arbeit an neuen Technologien und Kulturtechniken, mit dem Aufruf zu neuen Lebensformen. Man kennt das in Schrumpfform aus dem persönlichen Alltag. Erst wenn die Deadline dräut, legt man richtig los, sprudeln die Gedanken. Anders verhält es sich, wenn der Ernstfall schon eingetreten ist. Dann wird man zur Marionette der Umstände, bleibt keine Zeit für Reflexion und Imagination.

. . . das Virus hingegen lähmt

Als Johannes im ersten Jahrhundert nach Christus auf der Insel Patmos seine Offenbarung – ein grandios verspultes Mash-up aus älteren apokalyptischen Texten – schrieb, befand er sich in keiner unmittelbaren Gefahr. Seinem psychedelisch anmutenden Text mengte er eine raffinierte sozialrevolutionäre Komponente bei. Die monotheistischen Christen fühlten sich ohnmächtig gegenüber dem polytheistischen Römischen Reich – in fiebrigen Sprachbildern des Endzeitlichen verschaffte Johannes ihnen eine unangreifbare virtuelle Machtbastion. Weniger als 300 Jahre später war das Christentum Staatsreligion.

Die Corona-Pandemie hingegen, bei der litaneihaft vor Apokalyptik gewarnt wie zugleich Trivialapokalyptik geschürt wird, hat nichts mit der Apokalypse zu tun. Die Apokalypse ist etwas Fernes, das sich nah anfühlt. Das Virus ist etwas Nahes, das sich fern anfühlt.

Die Apokalypse haut umstandslos alle um. Das Virus nur einige. Corona ist nichts weiter als eine unmittelbare Herausforderung, wie sie historisch immer wieder auftritt. Zwar wird auch Covid-19 einen Innovationsschub mit sich bringen, sei es in der Informationstechnologie, in der Pädagogik, in der länderübergreifenden Pandemien-Koordination oder in der Impfstoffforschung. Doch in akuten Krisen fährt man auf Sicht, während die Apokalypse gerade durch ihre erhabene Entrücktheit zu weitreichenden Visionen inspiriert und zu Betriebsamkeit anregt.

Das Virus hat indes, vorerst, den gegenteiligen Effekt – es legt Betriebe lahm. Für die meisten Menschen bedeutet Covid-19 banalen mentalen Stress statt jenen erhabenen Schauer, den die Apokalypse mit sich bringt. Die Gefahr durch das Virus ist so gesehen nicht nur eine gesundheitliche. Sie besteht auch darin, dass wir uns im tagesaktuellen Klein-Klein des Krisenmanagements verlieren, an apokalyptischer Verve einbüssen, über Hamsterkäufen und Hoffen auf Impfstoffe die grossen Fragen aus dem Blick verlieren – etwa ob die Krise die ohnehin angeschlagenen liberalen Demokratien weiter schädigen und die Versuchung des Autoritären wie auch Technokratischen stärken wird.

Covid-19 wirft die Frage auf, ob es sich bei der liberalen Demokratie nur um ein Schönwettersystem handelt. Ob freiheitlich lebende Menschen in der Lage sind, sich selbst kurzzeitig zu disziplinieren, um ihre Freiheit langfristig zu sichern – oder ob sie dem Autoritären dadurch Vorschub leisten, dass sie wie gehabt Partys feiern, in der Krise eine Art perverse Auszeit sehen oder einfach nur Angst haben. All das ist zutiefst antiapokalyptisch, gefangen im Biedermeier der Gegenwart.

«Your Heaven, My Hell»

Der Essayist Hans Magnus Enzensberger hielt mit Blick auf die Apokalypse fest: «Sie ist ein Aphrodisiakum. Sie ist ein Angsttraum.» Das Virus indes ist alles andere als luststeigernd. Präzise erfasste Enzensberger den stimulierenden Charakter des Weltuntergangs, der eigentlich ein Weltaufgang ist. Apokalypse bedeutete ursprünglich nicht, dass der Welt die völlige Vernichtung droht, wie es in Hollywood-Blockbustern der Fall ist. Vielmehr liegt ihr das griechische Wort «aletheia», das «Un-verborgene», eben die «Offenbarung», zugrunde.

Im religiösen Zusammenhang steht die Apokalypse für die finale Enthüllung der heiligsten aller Wahrheiten. Diese Wahrheit setzt zwar der bisherigen Gegenwart ein Ende, bietet dafür jedoch eine Rückkehr ins Paradies oder den Einzug ins Neue Jerusalem – in der Offenbarung des Johannes handelt es sich dabei um eine futuristische gläserne Stadt, die aus einem beliebigen Science-Fiction-Roman des 20. Jahrhunderts stammen könnte. In profaneren Kontexten treten an die Stelle des Neuen Jerusalem beispielsweise eine gerechte Gesellschaft oder der Advent grüner Technologien. Die Corona-Krise mag dieses oder jenes begünstigen. Doch die Krise als solche bleibt infolge ihrer Unmittelbarkeit den Sachzwängen des Jetzt verhaftet.

Am besten studieren lässt sich die futurologische Doppelnatur der Apokalypse im popkulturellen Genre des Heavy Metal. Einerseits steckt Metal voller raunender, fatalistischer, angsteinflössender Endzeitphantasien. Andererseits ist Metal energetisierend, vermittelt Halt und Hoffnung, zeugt alleine schon in den körperlich und kognitiv anspruchsvollen Kompositionen von Tatkraft.

Mille Petrozza, Sänger und Gitarrist der Metal-Band Kreator, hat das Stimulans des Apokalyptischen im Song «Your Heaven, My Hell» für Säkularisten aufbereitet: «At the end of religion / My spirit will not die / I will only see clearer / No longer haunted by these times / I’ll be stronger than ever / No temptation to resist / So come on, take my hand now / Let’s celebrate the apocalypse.»

Eine Welt ohne Apokalypse wäre eine Welt, in der der windungsreiche Strom der Zeit zu einem träge dahindümpelnden, begradigten Bächlein schrumpfte. Wir sollten den Apokalyptikern deshalb dankbar sein. Ohne sie lebten wir vermutlich wie Amöben im Schlamm einer ewigen Gegenwart. Deadlines im Kleinen genügen nicht. Und noch viel weniger Kleinstpartikel wie Viren.

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