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Switzerland

Darum blieb die Crypto-Affäre so lange im Dunkeln

Wegen eines KMU in Steinhausen, Kanton Zug, müssen bald Geschichtsbücher auf der ganzen Welt angepasst werden. Zum Beispiel Passagen über die spektakulären Verhandlungen in Camp David, die 1979 zum Frieden zwischen Israel und Ägypten führten. Nun wird klar, wie die Amerikaner damals die Ägypter abhören konnten. Dank einer von Geheimdiensten beherrschten Firma im Zugerland. (Wo die Geheimdienste überall mithörten)

Wegen desselben schweizerischen KMU waren der US-Geheimdienst CIA und sein deutscher Partner – der Bundesnachrichtendienst (BND) – auch frühzeitig über die Todesflüge der argentinischen Militärdiktatur im Bild. Dagegen unternommen haben sie nichts. Unzählige Menschen wurden lebendig über dem Atlantik oder dem Rio de la Plata abgeworfen.

Den Falklandkrieg gegen die Briten verloren die Argentinier 1982 wohl auch deshalb, weil sie ihre geheimen Nachrichten mit Geräten aus Steinhausen übermittelten. So konnten die Amerikaner alles entschlüsseln und die Informationen ihren britischen Partnern weiterleiten.

Auf Neutralität vertraut

Ägypten, Argentinien und wohl über 100 andere Staaten kauften über viele Jahrzehnte manipulierte Verschlüsselungsmaschinen im Kanton Zug ein. Und zwar bei der Crypto AG, die 2018 aufgelöst wurde.

Bei den Amerikanern, den Briten oder den Russen hätte wohl keines dieser Länder Verschlüsselungstechnik bezogen. Die Angst vor verborgenen Hintertüren wäre zu gross gewesen. Doch auf den hervorragenden Ruf der Schweizer Neutralität vertrauten Regierungen und Armeen weltweit. Auch der Iran, Jugoslawien, lateinamerikanische Juntas und sogar der Vatikan schworen auf Spitzentechnik made in Switzerland. Sie lagen falsch.

Nun bestätigt sich, was bislang nur vermutet und stets vehement abgestritten wurde: BND und CIA besassen die Crypto AG jahrzehntelang. Das KMU in Steinhausen war nichts anderes als ein gut getarnter Ableger der Geheimdienste für den Verkauf von manipulierter Verschlüsselungstechnik. Zahlreiche Staaten zahlten viel Geld, damit die Deutschen und die Amerikaner ihre vermeintlich chiffrierte Kommunikation abhören konnten.

Doch weshalb wird die jahrzehntelange Spionageoperation, eine der grössten seit dem Zweiten Weltkrieg, ausgerechnet jetzt enthüllt? Der freie Kölner Investigativjournalist Peter F. Müller hat Dokumente zugespielt bekommen, die detailliert beschreiben, wie die BRD und die USA die Welt austricksten, betrogen, über den Tisch zogen. Müller, der für das ZDF arbeitet, teilte rund 270 Seiten Akten mit der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens und der «Washington Post».

Die involvierten Redaktionen sind nach monatelanger Prüfung überzeugt, dass die Unterlagen echt sind. Aus CIA- und BND-Perspektive wird darin im Rückblick die Operation beschrieben, welche die Tarnnamen Minerva und Rubikon trug. «Es war der Nachrichtendienst-Coup des Jahrhunderts», rühmen sich die Amerikaner laut der «Washington Post» in den Papieren.

Bernd Schmidbauer, Deutschlands Geheimdienstkoordinator in den 90er-Jahren unter Bundeskanzler Helmut Kohl, bestätigt nun den TV-Sendern das amerikanisch-deutsche Vorgehen. Schmidbauer spricht von einer «sehr gelungenen Operation». Sie habe «sicher dazu beigetragen, dass die Welt ein Stück sicherer geworden ist».

Frühe Hinweise nach Bern

Angefangen hatte gemäss den Dokumenten alles 1970, als die Amerikaner und die Deutschen über eine Liechtensteiner Tarngesellschaft die Crypto AG aufkauften. Dem Schweizer Staat blieben die Aktivitäten in Steinhausen nicht lange verborgen.

Bereits Ende 70er-Jahre bekam die Bundesanwaltschaft ein erstes Mal Hinweise auf die manipulierte Chiffrierung. Die Leitung der Crypto AG hatte einen Vizedirektor in der Entwicklungsabteilung daran gehindert, die noch mechanischen Geräte mit der besten Technik auszurüsten. Der Ingenieur kam zur Überzeugung, dass die Rechenoperationen zur Verschlüsselung stets so zu erfolgen hatten, dass eine Entschlüsselung möglich war. Er bekam dafür zuerst Vorgaben aus der Government Electric Division in Arizona und dann von den Kryptologen aus der Zentralstelle für Chiffrierung bei Bonn.

Der Ingenieur schied 1977 frustriert aus der Firma aus und meldete seine Beobachtungen einem befreundeten Schweizer Korpskommandanten. Der beunruhigte hohe Offizier informierte die Bundesanwaltschaft. Ein Verfahren wurde eröffnet. Doch es verlief im Sand.

Hauptsitz der inzwischen aufgelösten Crypto AG in Steinhausen. Foto: PD

Eine zweite Gelegenheit zur Aufklärung der Daueraktivität der ausländischen Geheimdienste auf Schweizer Staatsgebiet verpassten die Behörden in den 90er-Jahren.

Hans Bühler, ein Verkaufsingenieur der Crypto AG, war 1992 auf Dienstreise in Teheran verhaftet und über neun Monate lang festgehalten worden. Nach der Bezahlung von 1 Million Dollar durfte er ausreisen. Zurück in Steinhausen, wurde Bühler entlassen. Empörte Crypto-Mitarbeiter informierten daraufhin die Medien über Manipulationen der Geräte.

Der BND wurde nervös, stieg 1993 bei der Crypto AG aus und liess die Amerikaner alleine weitermachen. Dabei hatten die Deutschen seitens der Schweizer Strafverfolgung kaum etwas zu befürchten. Die Bundespolizei stellte ihre Abklärungen nach eineinhalb Jahren ergebnislos ein.

Waren die Schweizer Ermittler unfähig, die Sache aufzuklären? Oder haben sie die Operation der USA und Deutschlands auf Schweizer Boden gar gedeckt?

Auf die zweite Variante deuten Dokumente hin. Dort heisst es: «Hohe Beamte» des militärischen Nachrichtendienstes der Schweiz hätten «generell Kenntnis von der Rolle Deutschlands und der USA im Zusammenhang mit der Crypto AG» und hätten die Operation geschützt. Auch «Schlüsselpersonen in der Regierung» hätten von den Geschehnissen gewusst.

Das ZDF zitiert eine weitere Stelle, die auf eine Vertuschung hindeutet: «Ein Schweizer Geheimdienst-Mitarbeiter informierte die CIA, dass sie in der Lage wären, das Ergebnis der Untersuchung so zu steuern, dass es keine Manipulation der Geräte zeigt.»

Jürg Bühler, heute Vizedirektor des schweizerischen Nachrichtendiensts des Bundes (NDB), leitete in den 90er-Jahren bei der Bundespolizei die Vorermittlungen zur Crypto AG. Er stellt die Sache grundlegend anders dar. «Niemand konnte uns Beweise liefern, dass die Geräte manipuliert sind», erklärt Bühler. Auch habe die Bundespolizei die Besitzverhältnisse recherchiert, aber man sei in Liechtenstein nicht weitergekommen. «Deshalb hatten wir keinen Verdacht, dass die Vorwürfe stimmten, und haben deshalb kein Verfahren eröffnet», sagt Bühler. «Im Nachhinein merken wir jetzt, dass wir teilweise angelogen wurden. Das ist natürlich ärgerlich.»

Die Schweiz als Profiteurin?

Mehrere Personen, die mit den damaligen Vorgängen in der Schweiz vertraut sind, bestätigen dieser Zeitung, dass verschiedene Exponenten des Bundes von der amerikanisch-deutschen Crypto-Operation wussten. Ein Insider sagt sogar, dass die USA den Schweizer Nachrichtendienst über einen Teil der via manipulierte Chiffriergeräte gewonnenen Informationen in Kenntnis setzten – sozusagen als Gegenleistung dafür, dass man in Steinhausen ungestört weiterarbeiten durfte.

Der Nachrichtendienst des Bundes schreibt, er äussere sich «weder zu Entscheidungen noch zu Aktivitäten seiner Vorgängerorganisationen». Er handle «strikt nach den gesetzlichen Vorgaben» und seine Tätigkeit werde von mehreren politischen und unabhängigen Behörden kontrolliert. Zu seiner operationellen Tätigkeit äussere sich der NDB nur gegenüber der Chefin VBS, Viola Amherd, und seinen Aufsichtsorganen.

Auch die Schweiz hat über Jahrzehnte Verschlüsselungssysteme der Crypto AG bezogen, die zum Teil noch immer im Einsatz stehen. In den vergangenen Wochen sind diese Systeme auf Sicherheitslücken geprüft worden. Für solche Kontrollen zuständig ist die Fachstelle für Kryptologie innerhalb der Führungsunterstützungsbasis (FUB) der Armee. Laut VBS gab es Entwarnung: «Gemäss heutigem Kenntnisstand können Schwächen in den an Schweizer Behörden gelieferten Verschlüsselungssystemen ausgeschlossen werden.»

Aktiv geworden ist auch Wirtschaftsminister Guy Parmelin. Aufgeschreckt durch die Recherchen, hat der SVP-Bundesrat bereits Mitte Dezember die Generalausfuhrbewilligung für international tätige Nachfolgefirmen der Crypto AG sistiert – «bis die Sachlage und die offenen Fragen geklärt sind», wie das Volkswirtschaftsdepartement auf Anfrage erklärt. Die Behandlung von Einzelausfuhrgesuchen sei – wenigstens theoretisch – weiterhin möglich. Tatsächlich sind Einzelgesuche pendent, doch wurden sie bisher nicht bewilligt, teilt das Departement mit.

Die Untersuchung läuft

Der Bundesrat hat am 15. Januar den ehemaligen Bundesrichter Niklaus Oberholzer eingesetzt, um «das Thema zu untersuchen und die Faktenlage zu klären». Unterstützt wird er von der Anwaltskanzlei Kellerhals-Carrard. Oberholzer soll bis Ende Juni dem VBS Bericht erstatten. Doch für Petra Gössi dauert das viel zu lange: «Es geht nicht an, dass wir erst im Sommer wissen, was Sache ist», sagt die FDP-Chefin im Interview. Und SP-Präsident Christian Levrat fordert: «Es gibt Fragen, die der Bundesrat selber beantworten muss – und zwar jetzt.»

Die Bundesanwaltschaft wird im Skandal um die Zuger Firma Crypto AG vorerst nicht aktiv. Das teilt sie in einer Medienmitteilung mit. Die Voraussetzungen für die Eröffnung eines Strafverfahrens seien derzeit nicht erfüllt. «Medienberichte alleine genügen hierfür in der Regel nicht», schreibt die Bundesanwaltschaft. Sollten in der Untersuchung von Alt-Bundesrichter Niklaus Oberholzer aber Hinweise auf strafrechtlich relevante Aspekte auftauchen, würden die zuständigen Stellen diese gemäss dem üblichen Vorgehen prüfen.

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