Switzerland

Dann scheuchte die Polizei renitente Gäste von der Insel – wie Norderney wirtschaftlich durch die Zeit der Corona-Pandemie kommt

Die bekannte ostfriesische Ferieninsel war im Frühjahr erstmals vom Festland abgeschnitten. Das hatte es nicht einmal während des Krieges gegeben. Während Restaurants im Sommer einiges aufholten, sind für Hoteliers die Wochen während des Stillstandes verloren.

Seehundbänke vor einer ostfriesischen Insel: Sind die Menschen weg, kommen die Tiere zurück.

Seehundbänke vor einer ostfriesischen Insel: Sind die Menschen weg, kommen die Tiere zurück.

Marc Schüler / Imago

Wie schnell sich die Fauna einer Stadt wieder habhaft machen kann: Als die Touristen auf Norderney im April wegen der Corona-Pandemie ausgesperrt waren, kehrten manche Tiere in die Orte und an die Gestade zurück. Er habe einen Hirsch durch die Strassen laufen sehen und an den Strand hätten sich wieder Robben getraut, erzählt Markus Kebschull.

Der gebürtige Baden-Württemberger lebt seit acht Jahren auf Norderney und ist Chefkoch im Restaurant des Hotels Seesteg, das im Guide Michelin mit einem Stern ausgezeichnet ist. So ruhig, ja einsam, hatte der 51-Jährige die ostfriesische Insel zuvor noch nie erlebt. Doch was für manchen Einheimischen und die Tierwelt einer Wohltat glich, war für die Betreiber von Beherbergungs- und Bewirtungsbetrieben eine Katastrophe, die nachwirkt.

Insel erstmalig vom Festland abgeschnitten

Am 22. März verhängte der Landkreis Aurich den Stillstand über die Insel. Dadurch sei Norderney quasi vom Festland abgeschnitten worden, sagt Frank Ulrichs (SPD), der seit 2011 Bürgermeister der Stadt Norderney ist, die als Einheitsgemeinde die gesamte Insel umfasst. Das hatte es wohl noch nie zuvor gegeben. Selbst in den beiden Weltkriegen sei Norderney immer frei zugänglich gewesen, sagt er.

Die Touristen erhielten zwei Wochen Zeit, die Insel zu verlassen, Baustellen wurden stillgelegt, weil auch Berufspendler und Handwerker nicht mehr vom Festland übersetzen durften, und sogar den Besitzern von Zweitwohnungen wurde untersagt, ihr Eigentum zu nutzen. Viele Feriengäste waren überhaupt nicht amüsiert, die Ferien abbrechen und das Eiland verlassen zu müssen. Und bei den Norderneyern herrschte umgekehrt Unmut darüber, dass sie die Insel nur in Notfällen verlassen durften.

Die Verantwortlichen in Niedersachsen hatten Angst vor einem zweiten Ischgl; die österreichische Après-Ski-Hochburg hatte sich als Hotspot und als einer der wichtigen Ausgangspunkte der Pandemie in Mitteleuropa erwiesen. Eine hohe Zahl von Infizierten wäre auch deshalb gefährlich gewesen, weil auf Norderney nur ein Krankenhaus existiert, wobei viele andere Inseln über dieses Privileg gar nicht verfügen. Inzwischen gibt es im Landkreis Aurich jedoch sogar einen «Infektionshelikopter», mit dem hochinfektiöse Patienten von der Insel geflogen werden könnten, was aber noch nicht vorgekommen ist. Norderney hatte bisher Glück. Es habe nur knapp ein Dutzend Covid-19-Erkrankungen auf der Insel gegeben, sagt Ulrichs. Ein 73-jähriger Insulaner sei jedoch daran verstorben.

Insgesamt sei die Akzeptanz unter den Einheimischen und den Feriengästen hoch gewesen, meint Ulrichs. Einige Touristen weigerten sich jedoch so hartnäckig abzureisen, dass Ende März die Staatsmacht eingriff. Zwei Wochen vor dem Osterfest patrouillierte schliesslich die Bereitschaftspolizei und kontrollierte «mit der gebotenen Sensibilität» die Ausweise von Ladenkunden und Spaziergängern. Die wenigen renitenten Gäste scheuchte die Polizei schliesslich von der Insel. Ostern ist zusammen mit Pfingsten und Himmelfahrt das wichtigste lange Wochenende für den Tourismus. Dieses Jahr ist Ostern jedoch ins Wasser gefallen.

Erholsame Einsamkeit: Während des Stillstandes im Frühjahr waren die Strände wie leergefegt.

Erholsame Einsamkeit: Während des Stillstandes im Frühjahr waren die Strände wie leergefegt.

Prilller & Maug / Imago

Tourismus-Rückgang zwischen 25 und 50 Prozent

Nördernee, wie das Eiland im ostfriesischen Plattdeutsch heisst, ist nach Borkum die zweitgrösste der sieben ostfriesischen Inseln, zu denen noch Baltrum, Juist, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge gehören. Die etwa 6100 Einwohner empfangen jedes Jahr rund 520 000 Feriengäste, die durchschnittlich eine knappe Woche auf der Insel bleiben und somit für 3,5 Mio. Übernachtungen sorgen. Dazu kommen 230 000 Tagestouristen. Im Vergleich mit 2019 seien in diesem Jahr durch die Pandemie bis Ende September jedoch 24% weniger Gäste gekommen, es habe 30% weniger Übernachtungen und fast 50% weniger Tagestouristen gegeben, sagt Wilhelm Loth, Kurdirektor von Norderney und Leiter des Staatsbades, im Gespräch.

Das Domizil in der Deutschen Bucht ist in normalen Zeiten allerdings so beliebt, dass schon das hässliche Wort vom Übertourismus bei vielen Insulanern und Gästen die Runde macht. Nicht nur Freude bereiten vor allem die Klub- und Vereinstouristen, die Norderney an manchem Wochenende zum Ballermann der Nordsee machen. Vereinzelte Cafés und Restaurants stellen schon Schilder mit der Aufschrift «Bitte keine Klubs» auf. Fluch und Segen ist in diesem Zusammenhang, dass die Insel tideunabhängig mit Fährschiffen zu erreichen ist, wogegen Nachbarinseln wie Juist und Baltrum meistens nur ein- oder zweimal am Tag jeweils bei Flut von grösseren Schiffen angelaufen werden können.

Starker Einbruch der Gästezahlen durch Corona

Jeweils Januar bis September (in Millionen)

0123FeriengästeÜbernachtungenTagestouristen

Der harte Lockdown habe auf Norderney wie im übrigen Deutschland zwei Wochen gedauert, sagt Ulrichs. Zu Ostern sei die Insel dann wieder für Berufspendler und Handwerker geöffnet worden. Manche Einheimische hätten allerdings Angst gehabt, dass durch die Bauarbeiter das Virus eingeschleppt werde. Das habe für Diskussionen gesorgt. Für Touristen wurde die Insel im Mai langsam wieder geöffnet. Die Reederei Norden-Frisia stockte zu diesem Zeitpunkt die Fahrpläne für ihre Fähren langsam wieder auf. Die Gäste mussten anfangs aber mindestens eine Woche bleiben. Damit sollte die feierwütige Partyklientel, die nur für ein Wochenende auf die Insel kommt, aus Risikoüberlegungen abgehalten werden.

An Pfingsten und Himmelfahrt führte dies zu deutlichen Einbussen für die Geschäftsleute. Die Zweitwohnungsbesitzer klagten ihr Recht auf Nutzung der Wohnung teilweise vor Gericht ein. Tagestouristen durften erst ab Juli kommen. Erst dann kehrte langsam wieder Normalität auf der beliebten Ferieninsel ein.

Der Unternehmer Jens Brune hat zusammen mit seinem Bruder Marc in den vergangenen Jahren einen Kontrapunkt zum Klubtourismus gesetzt. Am Westkopf der Insel gehören ihm die Hotels Haus am Meer, Inselloft und Seesteg, in dem sich das Sternelokal befindet, in dem Markus Kebschull kocht. Vor allem das Inselloft lässt keine Wünsche der betuchten Kundschaft offen. Der beste Monat für das Restaurant vor der Corona-Pandemie sei der August 2019 gewesen, erzählt Kebschull, der Anfang der 1990er Jahre für drei Saisons auch im Hotel Adula in Flims und zwei Saisons im Hotel Cresta Palace in St. Moritz-Celerina gearbeitet hat. Doch Juli, August und September 2020 hätten den früheren Rekordmonat jeweils deutlich übertroffen. Das lag auch daran, dass abends auf zwei Schichten zum Essen übergangen wurde, nämlich um 18 und um 20 Uhr. Dies hat das Corona-bedingt geringere Platzangebot überkompensiert.

Strandspaziergänger: Im Mai kehrten die Touristen langsam wieder auf die Insel zurück.

Strandspaziergänger: Im Mai kehrten die Touristen langsam wieder auf die Insel zurück.

Prilller & Maug / Imago

Milchbar und Marienhöhe haben zu kämpfen

Dazu haben die Gebrüder Brune, die Neffen des 94-jährigen bekannten deutschen Architekten Walter Brune sind, in unmittelbarer Nähe der Hotels noch die Marienhöhe gepachtet, ein Café mit wunderbarem Rundumblick aufs Meer, sowie die Milchbar, ebenfalls mit Blick auf die Brandung vor der Stadt. Vor allem die Milchbar für die feierfreudige Kundschaft ist eine Institution, die man nicht zuletzt aufgrund der Milchbar-Musik-CD, von denen es inzwischen zwölf Ausgaben gibt, bis in die Schweiz kennt. Brune musste wegen der Corona-Folgen 60% seiner rund 135 Mitarbeiter für rund zwei Monate in Kurzarbeit schicken. Die Angestellten in der Verwaltung arbeiteten normal, und auch die Lehrkräfte durften voll arbeiten, damit sie ihre Ausbildung fortsetzen konnten.

Die Verunsicherung sei zum Teil gross gewesen, erzählt Brune, auch bei der Wiedereröffnung. Doch das Hotel- und Strandbarleben habe sich unter den neuen Hygienebedingungen gut eingespielt. Während die Hotels im Sommer (wie immer) boomten und durch den Trend zu Ferien in Deutschland noch zusätzlich profitierten, hatten die Marienhöhe und die Milchbar, die auch von ihrer lebendigen Atmosphäre leben, zu kämpfen. Aufgrund der nötigen Abstandsregeln betrage die Auslastung nur 30 beziehungsweise 40%.

Lohnt sich das wirtschaftlich überhaupt noch? Es trage die Kosten, sagt Brune. So lange es irgendwie gehe, wolle er die Mitarbeiter, mit denen er auch während des Stillstandes regelmässig Kontakt gehalten habe, weiter beschäftigen. Insgesamt hofft er, mit etwas Glück am Jahresende mit seinem Betrieb, zu dem auch noch ein Hotel in Freiburg im Breisgau gehört, auf eine schwarze Null zu kommen. Der Umsatz dürfte indessen deutlich unter demjenigen des Vorjahrs liegen.

Ähnlich wie Brune dürfte es etlichen Gastronomiebetreibern und Geschäftsinhabern gehen. Viele Unternehmer könnten mit einem blauen Auge davonkommen, sagen Bürgermeister Ulrichs und Kurdirektor Loth unisono. Für die Beherbergungsbetriebe seien die im Frühjahr entfallenen Übernachtungen allerdings verloren. Corona-bedingte Insolvenzen seien ihnen bis jetzt keine bekannt. Durch die vielen guten Jahre zuvor hätten viele ein Polster aufgebaut und sie profitierten dieses Jahr von einer Verlängerung der Saison. Diese Verlängerung ist allerdings derzeit in Gefahr, da die Infektionszahlen in ganz Deutschland wieder steigen und der innerdeutsche Tourismus Beschränkungen erfährt. Die Stadt rechnet laut Ulrichs mit einem Einbruch der Gewerbesteuern in diesem Jahr um bis zu 35% im Vergleich mit dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre. Insofern muss auch die Stadt den Gürtel enger schnallen. Die Staatsbad Norderney GmbH erlitt bisher einen Umsatzeinbruch von 2 Mio. €, sagt der Kurdirektor Loth. Die Firma betreibt nicht nur das Thalasso-Badehaus, sondern ist auch Eventveranstalter, Verpächter von Gastronomieeinrichtungen und offizielle Tourismusorganisation.

Sturmflut am Weststrand von Norderney: Im Februar herrschte auf der Insel noch Normalität.

Sturmflut am Weststrand von Norderney: Im Februar herrschte auf der Insel noch Normalität.

Prilller & Maug / Imago

Eine Leere wie zu Heinrich Heines Zeiten

Auf Norderney ist es üblich, dass sich die Einheimischen zur Begrüssung keine Hand geben. Man sagt einfach «He» – und nicht wie sonst in Norddeutschland oftmals «Moin». Insofern erweist sich das Begrüssungsritual schon seit Jahrhunderten als pandemiegerecht. Die Zeit des Stillstandes sei zwar wirtschaftlich schlimm gewesen, doch viele Insulaner hätten den Zustand zumindest am Anfang dennoch geliebt, heisst es hinter vorgehaltener Hand. Das Wetter sei ja hervorragend und das Eiland leer gewesen.

So genossen die Einheimischen ihre Insel, wie sie einst in den 1820er Jahren Heinrich Heine bei seinen Besuchen erlebt hatte, als es pro Woche auf Norderney jeweils nur eine Handvoll Gäste gab. Der Hofdichter der Nordsee, wie Heine genannt wird, schrieb unter anderem: «Gar besonders wunderbar wird mir zumute, wenn ich allein in der Dämmerung am Strande wandle – hinter mir flache Dünen, vor mir das wogende Meer, über mir der Himmel wie eine riesige Kristallkuppel – ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und dennoch dehnt sich meine Seele so weltenweit.»

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