Switzerland

Coronavirus zum Trotz: Das ist Ihr Take-away-Theater, heute mit Live-Chat

Das Beste der wichtigen Sprech- und Tanzbühnen macht das Zu-Hause-Bleiben zum Genuss. Theater kommen auf Hausbesuch, kostenlos und ohne von Ihnen zu verlangen, die Garderobe zu wechseln.

Daniele Muscionico

Das Foyer des Schauspielhauses Zürich.

Das Foyer des Schauspielhauses Zürich.

Goran Basic / NZZ

Warum denn in die Ferne schweifen? Die gute Inszenierung liegt so nah. Man kann Theater und Tanz mit dem technischen Wissen eines Kindes und ohne Anfahrtswege sorglos auch am heimischen Bildschirm geniessen. Das haben wir Theatermenschen lange nicht gewusst – oder, ehrlicherweise, nicht wissen wollen.

Wollen wir’s gemeinsam versuchen? Nur ein Klick entfernt, auf Youtube oder Vimeo zum Beispiel, ist eine Vielzahl von Inszenierungen zu sehen, die Legenden wurden und einen zweiten Besuch lohnen. Erst recht einen ersten.

«Andorra» von Max Frisch, Regie: Kurt Hirschfeld, Schauspielhaus, Zürich 1964

«Die Ermittlung» von Peter Weiss, TV-Fassung der Ring-Uraufführung, Regie: Peter Schulze-Rohr, NDR 1966

«Publikumsbeschimpfung» von Peter Handke, Regie: Claus Peymann, Theater am Turm, Frankfurt 1966

«Warten auf Godot» von Samuel Beckett, Regie: Samuel Beckett, Schiller-Theater, Berlin 1975

«Der Schein trügt» von Thomas Bernhard, Regie: Claus Peymann, Schauspielhaus, Bochum 1985

«Faust I» und «Faust II» von Johann Wolfgang von Goethe, Regie: Peter Stein, EXPO 2000

«Hamlet» von William Shakespeare, Regie: Peter Brook und Marie-Hélène Estienne, Theater Bouffes du Nord, Paris 2000

«König Lear» von William Shakespeare, Regie: Luc Bondy, Burgtheater, Wien 2007

«Die Räuber» von Friedrich Schiller, Regie: Nicolas Stemann, Thalia-Theater, Hamburg 2008

«Drei Schwestern» nach Anton Tschechow, Regie: Simon Stone, Theater Basel 2016

Natürlich kann man einer Aufzeichnung vorwerfen, die edle Kunst zu entweihen. Gewiss kann man fordern: Aber ich will ins Theater und nicht ins Kino! Und es ist ja auch wahr: Die Aura eines Zuschauerraums kann erheblich sein. Man atmet dort Theatergeschichte mit, nicht nur am Schauspielhaus Zürich oder am Burgtheater Wien.

Auf rotem Samt sitzend am Wagnis eines ungesicherten Vorgangs zwischen echten Menschen teilzuhaben, ist schlichtweg magisch. Gut und schön die hehren Argumente. Doch was, wenn die Zeiten weder gut noch schön sind?

Jeden Tag neu und immer eloquenter organisieren die besten Häuser einen Online-Spielplan.

Die Bühne von Bertolt Brecht ist mit Besonderem zu Gange: Michael Thalheimers Blutbad nämlich, das er an Brecht «Der kaukasische Kreidekreis» am Haus angerichtet hat. Der Stream wird eine Woche lang zu sehen sein. Wer das Bühnentier Stefanie Reinsperger als Grusche versäumt hat, hier ist sie:

Sie ist unwiderstehlich: Stefanie Reinsperger als Magd Grusche.

Sie ist unwiderstehlich: Stefanie Reinsperger als Magd Grusche.

Matthias Horn

Für vegetarische Gemüter geniessbarer ist gewiss das Folgende. Unter www.berliner-ensemble.de/be-at-home versammeln sich verschiedene digitale Projekte und Aktionen, auch das geschichtsträchtige Audio-, Video- und Fotoarchive ist zugänglich. Kreativ ist zum Beispiel das Angebot, in einer eigenen Online-Version von Simon Stones «Eine griechische Trilogie» zu Hause auf der Couch selbst zu bestimmen, welcher Figur man durch das Stück folgt. 

Köln eröfnet den neuen Kanal «Dramazon Prime» und startet mit der Mini-Podcast-Serie: «Lockdown –Draussen Frühling, drinnen Krise, einen Podcast aus dem stillgelegten Leben». Die neuen Folgen erscheinen immer montags, mittwochs und samstag überall dort, wo es Podcasts gibt. Und natürlich auf www.schauspiel.koeln.

Dazu gibt es aus Köln etwas zu hören, wozu die Zeit jetzt richtig ist. Es ist das Gespräch von WDR3 und Schauspiel Köln, das Jakob Augstein mit Deborah Feldmann geführt hat. Deren Autobiografie «Unorthodox» , verfilmt von Maria Schrader, läuft seit neustem als Vierteiler auf Netflix.

«Unorthodox» von Deborah Feldmann. Vom Schauspiel Köln digital zur Verfügung gestellt ist das Gespräch der Autorin mit Jakob Augstein.

«Unorthodox» von Deborah Feldmann. Vom Schauspiel Köln digital zur Verfügung gestellt ist das Gespräch der Autorin mit Jakob Augstein.

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Ein empfehlenswerter Online-Spielplan kommt aus der Schaubühne Berlin, hier meldet sich ausserdem das Ensemble mit kleinen Videobotschaften von der Home-Stage zu Wort.

Während auf der Website des Theaters Basel das Publikum weiterhin mit der knappen Begrüssung «Pause» stehen gelassen wird, sind andere Häuser Zuschauerfreundlicher und wollen uns auch an den Schliesstagen mit  einer «kleinen Dosis Kultur versorgen» (Schauspielhaus Bochum).

Schnell reagiert haben das Theater Konstanz und die Münchner Kammerspiele. In München stellt man interne Mitschnitte online, 24 Stunden lang, Theater on Demand. In einer einzigen Nacht sollen Erfolgsstücke wie Susanne Kennedys «Drei Schwestern» über 4000 Mal aufgerufen worden sein.

Fast täglich werden neue Angebote und Formate ins Netz gestellt. Unterhaltsames bietet das Theater Bochum. Unter dem Titel «Schauspielhaus #Homestories» hat das Ensemble einen Video-Blog ins Leben gerufen mit Texten, Monologen, Gedichten und Geschichten, aufgenommen mit der Handy-Kamera in den eigenen vier Wänden.

Das Schweizer Pendant kommt aus dem Theater St. Gallen, hier hat man sogar fast eine Woche schneller reagiert als die Kollegen im Ruhrpott.

Der Regisseur Christopher Rüping, im Leitungsteam des Schauspielhaus Zürich, hat die Nase vorn. Er ist im Live-Chat zu hören, wenn heute seine Inszenierung «Trommeln in der Nacht» nach Bertolt Brecht (für die Münchner Kammerspiele) auf dem Theaterportal nachtkritik.de zu sehen ist. Hier lädt man zudem zum «gemeinsamen glotzen», zum Community-Viewing ein. Rüpings Inszenierung war ans Berliner Theatertreffen eingeladen worden.

Ins Netz oder nichts in Netz? Das ist noch die Frage, die am Pfauen die Geister bewegt. Doch Rauchzeichen lassen vermuten, dass sich in Bälde  auch das grösste Theater der Schweiz online zu Wort melden wird. Na ja, man ist ein Theater-Tanker und jedes Manöver scheint eine Generalstabsübung. 

Wendiger ist da die Schuhschachtelbühne des Theater Neumarkt. Das Haus meldet sich mit der akustischen Neu-Auflage der «Schweizer Propagandakonferenz», gekrönt von einer Live-Begrüssung und einem Live-Nachgespräch.  Am Sonntag moderiert von der Co-Intendantin Hayat Erdoğan. Live! Wo gibt es das denn? Und die Redner, Gäste, Performerinnen sind illuster: Deborah Feldmann, Didier Eribon oder Dean Hutton. Ihr Thema ist die seit Corona nahezu tödliche Frage: «Ist alles Propaganda oder ist Propaganda alles?» Ein Ohr voll davon empfiehlt sich als kritische Immunisierung auf jeden Fall.

Während die Angebote für Kinder- und Jugendtheater von der Assitej, der Internationale Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche, und dem bundesdeutschen Kjtz gesammelt werden, hat Zürich die Nase vorn: Das Minitheater Hannibal der Leiterin des Millers Studio phantasiert für ein altersloses Publikum jedes Tag einen neuen «Schnifel» des Klassikers «Jim Knopf». Eine sympathische Initiative, die Eltern zeigt, wie aus einem Esstisch die ganze Welt entstehen kann.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses geht das Moskauer Bolschoi Theater ins Netz. Bis 10. April sind gleich mehrere der stets ausverkaufen Ballett- und Opernaufführungen kostenlos verfügbar, so  die historische Inszenierung «Nussknacker» oder die Nationaloper «Boris Godunow». Vor dem Start der Aufführungen gibt es jeweils eine 30-minütige Unterhaltung mit verschiedenen Künstlern des grössten Theaters Russlands, zum Beispiel den Tänzern Denis Rodkin und Igor Zwirko.

Auch die Tanzschaffenden in Hamburg suchen den Kontakt mit ihrem Publikum, hier bietet das John-Neumeier-Ballett ein üppiges Online-Programm an. Mit im Package steckt hier sogar ein Training für zu Hause mit den Startänzern Lloyd Riggins und Madoka Sugai. Und das Stuttgarter Ballett bringt unter #[email protected]  Marcia Haydées «Dornröschen» nach Hause.  

Marcia Haydées «Dornröschen» ist von 25. März bis Dienstag, 31. März kostenfrei bereit für Hausbesuche.

Marcia Haydées «Dornröschen» ist von 25. März bis Dienstag, 31. März kostenfrei bereit für Hausbesuche. 

Auch wer den Tänzer und Choreografen Eric Gauthier am heimischen Bildschirm erleben will, findet ein Angebot: Der Chef von Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart will auf seinem brandneuen eigenen Youtube-Kanal unter #Wohnzimmerballett mit Mittanz-Clips Menschen in Bewegung bringen.

Die vierte Wand hat das Theater längst durchbrochen. Wieso soll sich ein Theaterschaffender also in den eigenen vier Wänden sorgen? Und doch ist es wohl so:  In diesen Wochen des Pragmatismus sitzt auch sie oder er im privaten Badezimmer-, Küchen- oder Wohnzimmer-Büro – und dort vor dem vermeintlichen Klassenfeind, sicher aber Konkurrenten, dem virtuellen Raum. Und Auge in Auge mit der Gegenwart – und Zukunft – geschehen in diesen Minuten, hopplahopp, eine neue Theatergeschichtsschreibung und eine neue Entwicklung der darstellenden Kunst. Denn der Klassenfeind ist kein Kassenfeind, soviel ist klar.

Das Netz ist nicht das, wofür man es lange hielt, hinkend und stinkend, ein digitaler Mephisto. Auch wenn die Streams manchmal wackeln und röcheln, weil die Datenmenge zu gross ist. Seit Corona gilt: Aufgewacht Uraltmenschen im Urformat Live-Theater, willkommen in der digitalen Zeit, euer Publikum lebt hier schon lange!

In Deutschland, Berlin, hat das bereits 2007 die Gruppe von Pionieren gewusst, die das erste unabhängige Theaterfeuilleton ins Netz gestellt haben, Nachtkritik.de. Dahinter steckten und stecken Petra Kohse, Esther Slevogt, Nikolaus Merck, der Künstler Konrad von Homeyer – und der 2018 viel zu früh verstorbene Kollege Dirk Pilz.

Nachtkritik.de leistet nach wie vor das Beste, was es im deutschsprachigen – und im internationalen – Raum zu lesen und zu sehen gibt. Seit kurzem bietet man täglich wechselnd sogar Livestreams und Aufzeichnungen an. Wer Online-Spielpläne sucht, wer grundsätzlich über die vermeintlichen Kontrahenten Theater und Netz mehr erfahren will, auf diesem Forum wird er informiert.

Und somit stelle ich mich jetzt ans Fenster in Zürich und klatsche für die Kolleginnen und Kollegen in Berlin, so laut ich kann.

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