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Coronavirus: Sei skeptisch!

In der individuellen und kollektiven Praxis ist es manchmal gut, mit dem Schlimmsten zu rechnen und sich darauf einzustellen. Das bedeutet aber nicht, dieses zu einer dogmatischen Wahrheit zu erklären, der sich alle zu unterwerfen hätten.

Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien.

Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien.

Die Corona-Krise beschert uns nicht nur ein Wechselbad der Gefühle, sondern auch die permanente Konfrontation mit sich rasch ändernden, einander oft widersprechenden Informationen, Einschätzungen, Prognosen, Ratschlägen, Äusserungen, Empfehlungen, Vorschriften und Aufrufen aller Art. Welche intellektuelle Haltung wäre dieser Situation eigentlich angemessen? Philosophen rufen jetzt gerne dazu auf, die verborgenen Potenziale der Krise zu erkennen und sich in existenzialistischer Einsamkeitserfahrung, stoischer Gelassenheit, utilitaristischer Güterabwägung, gesinnungsethischer Stringenz oder darwinistischen Überlebensformeln zu üben. Während die einen betont nüchtern darauf verweisen, dass eben nicht jedes menschliche Leben gleich viel wert sei und man in der Pandemie die Härte haben müsse, die wenigen zum Wohle der vielen zu opfern, glauben andere fest daran, dass diese Krise den moralischen Fortschritt in Hinblick auf eine gerechtere, humanere und nachhaltigere Welt befördern wird. Wir haben hier unsere Zweifel.

Es ist verwunderlich, dass angesichts der grassierenden Unsicherheiten und Unabwägbarkeiten die alte philosophische Haltung des Skeptizismus nicht stärker beachtet wird. Der Skeptiker schaut im Wortsinn um sich, und die Vielfalt der unterschiedlichen Erscheinungen und differierenden Meinungen bewegt ihn dazu, sich eines vorschnellen Urteils erst einmal zu enthalten. Nicht, dass er begründete Positionen nicht nachvollziehen könnte – aber mitunter erscheint ihm auch das Gegenteil durchaus plausibel.

Möglich, dass wir uns und unser Leben nur retten können, wenn wir die radikalen Massnahmen, die zum Stillstand führen, noch einige Zeit fortsetzen; es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass die darauffolgende ökonomische Katastrophe schlimmer sein könnte, als es das Virus je war. Sei skeptisch!

Je länger die Einschränkungen andauern, desto lauter wird der besorgte Ruf, dass damit Demokratie, Freiheit und Bürgerrechte gefährdet seien. Ausgangsbeschränkungen, Bewegungskontrollen und Handy-Tracking gehören zum Arsenal autoritärer Regime. Und dennoch: Dienen diese Massnahmen nicht dazu, Menschen zu schützen und ein sensitives rechtsstaatliches System davor zu bewahren, in Anarchie und Chaos zu schlittern? Sei skeptisch!

Im praktischen Leben halten wir uns strikt an die Verordnungen der Regierung – als Denkende dürfen wir den im Stundenrhythmus verkündeten neuen Glaubenssätzen jedoch mit Vorbehalt gegenüberstehen.

Im praktischen Leben halten wir uns strikt an die Verordnungen der Regierung – als Denkende dürfen wir den im Stundenrhythmus verkündeten neuen Glaubenssätzen jedoch mit Vorbehalt gegenüberstehen.

David J. Phillip / AP

Die Krise lehrt uns, so hören wir, wie wir mit weniger auskommen und vieles in die virtuelle Welt verlagern können. Richtig, diese Erfahrung machen wir nun jeden Tag, und an manchem können wir sogar Gefallen finden. Sind die Angebote der digitalen Industrien, die uns schon auf die Zeit nach Corona einstimmen, allerdings tatsächlich selbstlos und zu unserem Besten? Letztlich handelt es sich um Notlösungen in einer Notsituation. Muss man unbedingt aus jeder Not eine Tugend machen? Sei skeptisch!

Im praktischen Leben halten wir uns strikt an die Verordnungen der Regierung – als Denkende dürfen wir den im Stundenrhythmus verkündeten neuen Glaubenssätzen jedoch mit Vorbehalt gegenüberstehen, sogar dann, wenn diese aus berufenem Munde zu kommen scheinen. Oder was ist von den Spezialisten zu halten, die bei der Beantwortung der simplen Frage, ob ein Mund-und-Nasen-Schutz die Ansteckungsgefahr reduzieren könnte, ihre Meinung von einem auf den anderen Tag ändern? Gibt es hier tatsächlich kein gesichertes medizinisches Wissen? Oder hielt man es zurück, weil zu wenig Masken vorhanden waren? Sei skeptisch!

In der individuellen und kollektiven Praxis ist es manchmal gut – das wussten schon die antiken Skeptiker –, mit dem Schlimmsten zu rechnen und sich darauf einzustellen. Das bedeutet aber nicht, dieses zu einer dogmatischen Wahrheit zu erklären, der sich alle zu unterwerfen hätten. Deshalb gilt: Sei skeptisch – auch dieser Kolumne gegenüber!

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