Switzerland

Coronavirus: Schluss mit radikalen Pseudo-Lösungen

Extreme Lösungen wie der «totale Lockdown» oder die «gezielte Durchseuchung» sind nicht praktikabel. Vielmehr sollten die Möglichkeiten des Testens stark ausgebaut werden.

Seit Ausbruch der Corona-Krise werden wir mit Meinungen und Ideen zur Bekämpfung des Coronavirus überschüttet. Besonders aktiv sind Ärzte (vor allem Virologen) und Ökonomen. Es ist ein richtiger Wettbewerb entbrannt, wer mit noch «originelleren» oder drastischeren Massnahmen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Das funktioniert gut, weil die öffentliche Aufmerksamkeit gross ist. Was dabei aber nicht herauskommt, sind praktikable Lösungen.

Möglichst viele Tests, dies verlangen viele Experten. Bild: Die Probe eins Abstrich-Tests.

Möglichst viele Tests, dies verlangen viele Experten. Bild: Die Probe eins Abstrich-Tests.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Immer deutlicher zeigt sich nämlich ein grundlegender Trade-off. Wie vergleichen wir den vermuteten zusätzlichen Nutzen weiterer Massnahmen zur Verhinderung der Ansteckung mit dem vermuteten zusätzlichen Schaden dieser Massnahmen in der Wirtschaft und beim sozialen Wohlbefinden? Weil sowohl Ärzte als auch Ökonomen oft eine Déformation professionnelle durchgemacht haben, sehen sie diesen Konflikt hauptsächlich durch ihre eigene berufliche Brille. Und wer durch eine solche Brille schaut, hat eine verzerrte Sichtweise.

«Mr. Lockdown» und «Durchseuchung»

So versucht sich etwa der Arzt Adriano Aguzzi vom Universitätsspital Zürich seit zwei Wochen als «Mr. Lockdown» in Szene zu setzen. Er fordert einen Shutdown für die ganze Schweiz: Denn ohne Shutdown, so weiss Aguzzi, würden schliesslich 50 000 Leute sterben. Deshalb sei es besser, die Wirtschaft für kurze Zeit völlig stillzulegen. Doch was heisst «für kurze Zeit stilllegen»? In «20 Minuten» äusserte sich Aguzzi dazu folgendermassen: «Wenn wir alle Läden ausser Lebensmittelläden und Apotheken sofort schliessen und alle – ausser dem medizinischen Personal – zu Hause bleiben, ist die Krise in drei Monaten vorbei.» Die Schweiz sei schliesslich ein sehr reiches Land und könne sich das leisten. Aber das ist der fromme Wunsch eines Arztes. Die Schweizer Wirtschaft kann einen dreimonatigen Totalstillstand nicht ohne schwere langfristige Schäden überstehen. Was aus rein virologischer Sicht Sinn ergibt, ist wirtschaftlich eine Katastrophe.

Umgekehrt versucht der Freiburger Ökonomieprofessor Reiner Eichenberger seit Beginn der Corona-Krise mit seiner Durchseuchungsidee auf sich aufmerksam zu machen. Wie Eichenberger vor kurzem auch hier in der NZZ schrieb, befürwortet er eine gezielte Durchseuchung der Schweizer Bevölkerung. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass die harten Verkaufs-, Ausgeh-, Reise-, Veranstaltungs- und Versammlungsverbote grosse gesellschaftliche und wirtschaftliche Schäden verursachen. Gemäss Eichenberger droht schliesslich ein flächendeckender wirtschaftlicher Zusammenbruch. Deshalb sollen die Menschen sich freiwillig anstecken.

Für praktische Details, wie das geschehen soll, hat Eichenberger hingegen wenig übrig. Wir lesen nur, dass es um «gelenkte Immunisierungen auf freiwilliger Basis und unter strenger ärztlicher Aufsicht mit gut organisierter Quarantäne» geht. Doch wollen sich Menschen freiwillig anstecken lassen? Und wenn die Mehrheit, was zu erwarten ist, das nicht will? Auf diese Frage erhalten wir keine Antwort, denn mit Freiwilligkeit wäre es dann schnell vorbei.

Anhand dieser zwei Beispiele wird deutlich: Die Diskussion über Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus darf weder von Ärzten noch von Ökonomen dominiert werden. Wir sollten die Zeit nicht mit Debatten über radikale Pseudo-Lösungen verschwenden. Stattdessen muss der oben erwähnte Trade-off in seiner vollen Schärfe wahrgenommen werden. Es gibt keine sowohl medizinisch als auch ökonomisch optimale Lösung. Ökonomen haben das inzwischen realisiert. In einem soeben erschienenen Artikel mit dem Titel «The Macroeconomics of Epidemics» analysiert der amerikanische Wirtschaftsprofessor Martin Eichenbaum zusammen mit zwei Kollegen diesen, wie sie es nennen, «unvermeidbaren Zielkonflikt». Es geht darum, das Virus einzudämmen, ohne eine wirtschaftliche Krise auszulösen. Oder umgekehrt formuliert: Es geht darum, wirtschaftliche Krisen zu vermeiden, ohne dass die Gefahr einer weiteren Ausbreitung des Virus dadurch signifikant ansteigt.

Möglichst viele Tests

Wie kann das erreicht werden? Am meisten Erfolg verspricht eine Strategie, die auf möglichst viele zusätzliche Tests setzt, wie dies auch der Lausanner Epidemiologe und ETH-Professor Marcel Salathé fordert. Wer ein negatives Resultat hat, sollte so schnell wie möglich wieder mit der Arbeit beginnen können. Am Arbeitsplatz besteht dann Sicherheit, dass man nur auf Kolleginnen und Kollegen trifft, die ebenfalls negativ getestet wurden. So kann die Wirtschaft langsam wieder hochgefahren werden, ohne dass damit ein weiteres Ausbreitungsrisiko verbunden ist.

Diese Massnahme steht und fällt natürlich mit der vorhandenen Testkapazität. Deshalb müsste als Erstes abgeklärt werden, wie und in welchem Zeitraum diese erhöht werden kann. Doch es gibt Fortschritte. Während zu Beginn der Krise nur wenig tägliche Tests möglich waren, ist diese Kapazität mittlerweile bereits stark erhöht worden. Die Schweiz hat bereits jetzt eine der höchsten Testraten der Welt. Wir sollten diesen Weg deshalb konsequent fortsetzen.

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

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