Switzerland

Corona in der Baubranche: «Die Situation ist katastrophal»

Keine Masken, übervolle Baracken und verdreckte Toiletten: Die Arbeitsbedingungen sind für viele Bauarbeiter prekär. Ein Augenschein auf Zürcher Baustellen.

Viel zu wenig Toiletten – und die sind meistens verdreckt. Das gehört zum Corona-Alltag auf Baustellen.

Viel zu wenig Toiletten – und die sind meistens verdreckt. Das gehört zum Corona-Alltag auf Baustellen.

Foto: Sabina Bobst

Während der Grossteil der Schweiz seit Wochenbeginn im Homeoffice sitzt, müssen die Arbeiter am Bau weiterschuften. Und das unter prekären Bedingungen – daran ändern auch die verschärften Corona-Massnahmen des Bundes nichts: Zu wenig Toiletten, enge Räume und die allgegenwärtige Angst vor dem Jobverlust machen einen adäquaten Schutz vor einer Ansteckung fast unmöglich. Das zeigt ein Augenschein auf mehreren Baustellen in Zürich.

Auf einer Baustelle im Norden der Stadt gibt es für gut hundert Arbeiter gerade mal drei Toitoi-WCs. «Die Situation ist katastrophal. Seit drei Monaten sagen wir das mit den sanitären Anlagen, und es tut sich nichts», erklärt einer von ihnen. Dabei ist die Vorgabe klar: Der Landesmantelvertrag für das Bauhauptgewerbe schreibt pro 20 Arbeitnehmende einen Abort vor. Für 100 Arbeiter müssten also mindestens 5 Toiletten aufgestellt werden. Zudem sind viele der WCs verdreckt. Grund für die prekären Zustände ist nach Einschätzung der Arbeiter, dass sich angesichts der vielen Subunternehmer auf grossen Baustellen niemand für die Sanitäranlagen verantwortlich fühlt.

Diese WC-Anlage auf einer Baustelle im Norden Zürichs bietet fast schon Luxus: Sie hat fliessendes Wasser zum Händewaschen.

Diese WC-Anlage auf einer Baustelle im Norden Zürichs bietet fast schon Luxus: Sie hat fliessendes Wasser zum Händewaschen.

Foto: Sabina Bobst

Ein weiteres Problem ist der Platzmangel. Das zeigt sich, wenn sich die Arbeiter in Znüni- oder Mittagspausen in den beheizten Baracken drängen – und beim Essen oder beim Kaffeetrinken keine Masken tragen. Auf grossen Baustellen mit zwei- bis dreihundert Leuten sei das Abstandhalten kaum möglich. «Die Firmen haben nicht dreimal so viel Baracken, weil die Corona-Krise ausgebrochen ist. Das ist vor allem im Winter ein Problem», sagt ein Arbeiter.

Nicht nur in der Pause, auch während der Arbeit ist es oft unmöglich, den erforderlichen Mindestabstand einzuhalten. Das betrifft vor allem Arbeiter im Innenausbau wie Elektriker und Installateure. «Man kann gar nicht 1,5 Meter Abstand halten. Man muss ständig aneinander vorbei», schildert ein Betroffener auf einer anderen Baustelle im Zentrum von Zürich seinen Alltag.

Wenn niemand hinschaut, nehmen viele die Masken ab.

Wenn niemand hinschaut, nehmen viele die Masken ab.

Foto: Sabina Bobst

Problematisch ist der fehlende Abstand vor allem deshalb, weil viele keine Masken tragen – trotz Anweisung einiger Baufirmen und den einschlägigen Corona-Plakaten, die an Baustellen hängen. Dagegen sei auch die Bauleitung oft machtlos. «Wir weisen die Leute darauf hin, dass sie Maske tragen müssen. Aber es ist wie mit dem Helm: Sobald jemand hinschaut, haben alle eine Maske auf. Sonst nicht», sagt ein Bauleiter.

Bauarbeiter auf einem Gerüst. Sie arbeiten eng zusammen. Eine Maske trägt aber niemand.

Bauarbeiter auf einem Gerüst. Sie arbeiten eng zusammen. Eine Maske trägt aber niemand.

Foto: Sabina Bobst

«Auf dem Land ist es fast noch schlimmer»

Diese Mängel sind nicht auf Baustellen in Zürich begrenzt, so Guido Schluep, Branchenleiter Bau bei der Gewerkschaft Syna. «Das ist ein schweizweites Problem. Auf dem Land ist es fast noch schlimmer als bei Grossfirmen, die die Kapazität haben, ein Sicherheitskonzept umzusetzen», sagt Schluep. Auch die Gewerkschaft Unia ortet auf vielen Baustellen erhebliche Mängel. Vielfach würden die Arbeiter auch nicht ausreichend mit Schutzmaterial versorgt.

Um die Situation zu verbessern, appelliert die Unia zum einen an die Baufirmen, dafür zu sorgen, dass die Schutzmassnahmen umgesetzt werden. Sie müssten den Arbeitern Masken zur Verfügung stellen. Zum anderen fordert die Gewerkschaft mehr Kontrollen durch die Suva, die im Auftrag des Bundes für den Vollzug der Corona-Massnahmen zuständig ist. «Die allerwenigsten Bauarbeiter berichten uns, dass sie überhaupt je eine Kontrolle erlebt haben», sagt Chris Kelley, Unia-Co-Leiter für den Sektor Bau.

Ein Suva-Sprecher erklärte, die Behörde arbeite mit Stichproben. «Unsere Ressourcen sind nicht darauf ausgerichtet, sämtliche Baustellen der Schweiz zu kontrollieren.» Bei über 10.000 Kontrollen am Bau und weiteren 3600 in Industrie und Gewerbe im vergangenen Jahr habe die Suva nur bei 0,5 Prozent der Fälle grobe Mängel festgestellt, die zur vorübergehenden Schliessung geführt hätten. Es sei jedoch klar, dass es immer Baustellen geben werde, auf denen die Massnahmen nicht eingehalten werden. Die Suva bitte um entsprechende Hinweise. Was die Maskenpflicht betreffe, appelliere die Behörde letztlich auch an die Eigenverantwortung jedes einzelnen.

Aus Angst vor negativen Konsequenzen vermeiden viele Bauarbeiter, sich krank zu melden.

Die Situation hat sich für viele durch die Krise noch verschlimmert. Dort, wo die Corona-Massnahmen eingehalten werden, kosten sie Geld und führen mitunter zu Verzögerungen. Doch die Termine müssen eingehalten werden. «Der Druck auf der Baustelle ist enorm», sagt ein Arbeiter. Aus Angst vor negativen Konsequenzen vermeiden viele, sich krank zu melden. «Auf der Baustelle ist die Kultur so, dass man auch krank arbeiten geht – so lange, bis man heimgeschickt wird. Keiner will negativ auffallen, vor allem in der angespannten wirtschaftlichen Situation», sagt ein Betroffener.

Die Diskussion über Homeoffice erscheint den meisten Bauarbeitern und Bauarbeiterinnen wie aus einer anderen Welt. Sie fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. «Ich kann nicht daheim sitzen und die Häuser bauen sich von allein. Es gibt kein Dankeschön für die Leute am Bau. Es ist so, als wäre unsere Gesundheit nicht relevant für die Gesellschaft», sagt einer von ihnen.

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