Switzerland

Corona beim Schweizer Nachbarn: Österreich setzt auf Massentests – nur, wie?

Wien will Chinas Erfolgsrezept anwenden und seine Bevölkerung kurz vor Weihnachten auf das Virus testen. Doch die Zuständigkeiten und Abläufe sind nicht geklärt – und die Zeit drängt.

Er will erst die Lehrerinnen, dann die Polizisten und vor den Feiertagen die gesamte Bevölkerung einen Corona-Test unterziehen: Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Er will erst die Lehrerinnen, dann die Polizisten und vor den Feiertagen die gesamte Bevölkerung einen Corona-Test unterziehen: Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Foto: Herbert Neubauer (Keystone) 

Sieben Millionen Corona-Tests sind für Massentests in Österreich bestellt, nun müssen sie auch benutzt werden. Die Frage ist: wie? In einer Videokonferenz am Montagabend hatte sich die Bundesregierung in Wien mit den Landeshauptleuten zusammengeschaltet, um das aktuelle Grossprojekt zu besprechen, das Bundeskanzler Sebastian Kurz vor zehn Tagen – zur Überraschung seines Gesundheitsministers und all derer, die nun eingespannt werden – verkündet hatte: Covid-19-Tests für ganz Österreich.

Am ersten Dezember-Wochenende, nach dem geplanten Ende des harten Lockdowns, sollen 200'000 Lehr- und Betreuungspersonen, kurz darauf 40'000 Polizisten und Polizistinnen getestet werden, kurz vor Weihnachten dann die restliche Bevölkerung, soweit sie mitmacht.

Tests sind freiwillig

Denn der Test wird, anders etwa als in der Slowakei oder China, wo jene, die sich der Teilnahme verweigerten, mit Repressalien rechnen mussten, freiwillig sein; anderes gibt die Rechtslage auch gar nicht her. Kurz sagte nach dem virtuellen Videotreffen in der Nacht, man wolle die Erfahrungen der Tests auch von Januar an für die Corona-Impfungen nutzen. Es sei erfreulich zu hören, dass die Bereitschaft der Bevölkerung zur Teilnahme an den Massentests in den kommenden Wochen offenbar hoch sei. Genau das sehen Kritiker anders. Weil all jene, die positiv getestet würden, in Quarantäne geschickt werden sollen, sei – kurz vor Weihnachten – davon auszugehen, dass viele, die ihre Lieben sehen wollten, den Test meiden würden.

So oder so blieben in der abendlichen Sitzung mit Kanzler, Gesundheitsminister und Verteidigungsministerin viele Fragen offen. Der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) sagte am Morgen nach der Videokonferenz im ORF, das Gespräch sei konstruktiv gewesen, aber vieles sei noch unklar – weshalb es am Dienstagabend offenbar eine zweite Runde mit Ländern, Kommunen und Gesundheitsfachleuten geben soll. Ungeklärt sind im Detail nach wie vor die rechtliche Basis für die Tests, die Digitalisierung der Ergebnisse, Testdauer, Personalrekrutierung und Infrastruktur, weshalb Kaiser anmerkte, offenbar sei erst eine Idee geboren und tagelang gut vermarktet worden, bevor man sich an die konkrete Planung gemacht habe.

Nun drängt die Zeit. Das Bundesheer wurde mit der Durchführung beauftragt, auf dem Land sollen unter anderem Freiwillige Feuerwehr und Rotes Kreuz eingesetzt werden. Spezialisten des Bundesheers hatten sich in der Slowakei und am vergangenen Wochenende in Südtirol informiert, wo bereits Massentests durchgeführt wurden.

Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser sprach vom «Mut zur Unvollkommenheit». Das alles sei eine «riesige Herausforderung».

Die nach wie vor ungeklärte Logistik ist das eine das andere, und in den Augen von Gesundheitsspezialisten grössere Problem, bleibt indes die Frage: Was geschieht mit jenen, die positiv getestet werden? In Österreich gilt das Contact-Tracing als Schwachstelle im System; derzeit kann im Durchschnitt nur in einem von fünf Fällen nachverfolgt werden, wo jemand sich angesteckt haben könnte. Nun wurde bekannt, dass bei Infizierten nach einem positiven Test noch ein Antigentest vorgenommen werden – und die Betroffenen dann für zehn Tage in Quarantäne geschickt werden sollen.

Aufwändiges Nachverfolgen von Infektionsketten sei damit vom Tisch, sagte nach der Videoschaltung vom Montag der Gesundheitslandesrat von Salzburg, Christian Stöckl, was eine Erleichterung sei. Man hätte für eine andere «Containment-Strategie» auch gar nicht das Personal gehabt. Kaiser sprach vom «Mut zur Unvollkommenheit». Contact-Tracing werde «im notwendigen Ausmass nur peripher stattfinden können», alles hänge nun an der konkreten Zahl der positiv Getesteten. Das alles sei eine «riesige Herausforderung».

Österreichs Bundesärztekammer sieht das gesamte Projekt kritisch. Die angekündigten Massentests seien nur bei richtiger Handhabung nützlich, sagte etwa deren Vizechef Herwig Lindner der Kleinen Zeitung: Ein bundesweiter Einmaltest sei nur eine «Momentaufnahme». Eigentlich müsse man die Bevölkerung in kurzen Abständen mehrmals testen. Spannend bleibt auch, ob der gegenwärtige, harte Lockdown in Österreich, wie geplant, nach dem Nikolaustag beendet wird. Sollten die Infektionszahlen, die derzeit nur sehr langsam sinken, weiterhin für zu hoch befunden werden, könnte davon auch die Durchführung der Massentests betroffen sein.

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