Switzerland

«Ciao Corona»: Wie infektiös sind Kinder wirklich? Zürich will es wissen

Nach der Öffnung werden immer mehr Ansteckungen an den Schulen publik. Doch Daten darüber, wie ansteckend Kinder sind, gibt es nicht. Eine Studie will das ändern – aber die Stadt Zürich tut sich schwer mit der Erlaubnis zum Testen. Eine Reportage.

Für einen Tag wurden die Turnhallen der Primarschulen Riedenhalden und Hürstholz zu einem Testzentrum umfunktioniert.

Für einen Tag wurden die Turnhallen der Primarschulen Riedenhalden und Hürstholz zu einem Testzentrum umfunktioniert.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

«Wisst ihr eigentlich, wieso wir hier sind?» Fünf kleine Gesichter blicken eine junge Frau gespannt an. «Um den Corona besser kennenzulernen», sagt eines der Gesichter mit einer Selbstverständlichkeit in der Stimme, die nur einem zehnjährigen Jungen gegeben sein kann. «Um zu schauen, ob der Körper gegen Corona gekämpft hat», weiss sein Sitznachbar. «Genau. Wisst ihr, was Antikörper sind?», fragt die junge Frau. «Sie! Logisch! Das sind kleine Polizisten im Blut.» – «Genau. Die suchen wir heute.»

Seit 8 Uhr werden an diesem Montagmorgen an den Primarschulen Riedenhalden und Hürstholz in Affoltern am Albis kleine Polizisten im Blut gesucht. Das Team von Susi Kriemler ist gekommen, um Detektivarbeit zu leisten. Jeden Tag, seit drei Wochen, nimmt es 120 Kindern 9 Milliliter Blut und ein bisschen Spucke ab.

Das Team arbeitet «8 Tage die Woche, 25 Stunden pro Tag», um herauszufinden, wie sich «dieses Virus» in den Schulen ausbreitet. Dafür hat Kriemler zusammen mit Milo Puhan, Professor für Epidemiologie an der Universität Zürich (UZH), das Projekt «Ciao Corona» ins Leben gerufen. Und dafür spielt die gelernte Kinderärztin, die heute ebenfalls Epidemiologie-Professorin an der UZH ist, seit vier Wochen Detektivin.

Immer mehr Schulen betroffen

Anfang Juni hat die Erziehungsdirektion des Kantons Zürich beschlossen, wieder zum regulären Unterricht zurückzukehren. Der Grund: Kinder sind «sehr, sehr, sehr marginal betroffen», wie es das Bundesamt für Gesundheit (BAG) formulierte. Als der Corona-Übervater Daniel Koch verkündete, Kinder dürften ihre Grosseltern nun endlich wieder umarmen, schien die Weltordnung wiederhergestellt.

Bis jetzt jedenfalls. Nach den Lockerungen der Massnahmen stiegen weltweit Infektionen an Schulen wieder an. In Israel und Deutschland wurden ganze Schulhäuser unter Quarantäne gestellt.

Auch die Schweiz blieb nicht verschont: Im Jura wurden 2 Schulen geschlossen, 410 Personen in Quarantäne geschickt. Im waadtländischen Yverdon-les-Bains infizierten sich 2 Lehrer, 31 Klassenlehrer wurden isoliert. Seit Juni gibt es auch mehr Fälle an Zürcher Schulen: Verteilt auf 25 Schulen wurden acht Lehrpersonen und 13 Schülerinnen und Schüler positiv auf Sars-CoV-2 getestet.

«Das Problem ist: Wir haben keine fundierten Daten über die Infektiosität von Kindern», sagt der Epidemiologe Milo Puhan. Aber es gebe Anzeichen dafür, dass Covid-19 bei Kindern asymptomatisch verlaufe, das heisst, sie tragen das Virus weiter, ohne selber Beschwerden zu haben.

Das weiss auch die Zürcher Erziehungsdirektion. Und klopfte darum nach der Wiederöffnung der Schulen bei Puhan und Kriemler an. Eine Frage, so schwer wie ein Elefant, wurde in den Raum gestellt: Wie wahrscheinlich ist es, dass Schulen zum nächsten Infektionsherd werden? Puhan und Kriemler mussten zugeben: Sie wissen es nicht. «Viren sind wie Menschen. Jeder verhält sich anders», sagt Kriemler.

Genauer gesagt, wissen die beiden Epidemiologie-Fachleute seit geraumer Zeit, dass keine gesicherten Daten darüber vorliegen, wo sich die Kinder anstecken oder welche Massnahmen einer Ansteckung vorbeugen können. «Das wollen wir ändern.»

«Ciao Corona» ist Teil eines überkantonalen Forschungsprogramms

«Ciao Corona» ist eine von über zwanzig Studien, die im Rahmen des grossangelegten Forschungsprogramms «Corona Immunitas» durchgeführt wird. Sie sollen aufzeigen, wie weit sich das Coronavirus innerhalb der Schweizer Bevölkerung verbreitet hat. Der Epidemiologe Milo Puhan ist der Leiter von «Corona Immunitas». Das Forschungsprogramm wird vom Bundesamt für Gesundheit (BAG), von mehreren Kantonen und einigen privaten Unternehmen unterstützt und mitfinanziert.

In Zürich werden insgesamt sechs Studien an vulnerablen und beruflich exponierten Gruppen durchgeführt. Neben Schulkindern werden weitere Risikogruppen wie Drogenabhängige, HIV-Infizierte, Spitex-Mitarbeiter, Altersheimbewohner sowie die breite Bevölkerung getestet. Die NZZ begleitet diese Studien.

Die Stadt stellt sich quer

In drei Etappen werden dafür 2500 Kinder aus 53 Zürcher Schulen in allen Bezirken getestet. Im Sommer, im Herbst und im Frühling. «So können wir herausfinden, ob und wie lange die Antikörper im Blut bleiben.»

Als die beiden loslegen sollten, war für Puhan und Kriemler schnell klar: Wenn sie fundierte Daten nach der ersten Welle sammeln wollen, müssen sie noch vor den Sommerferien mit dem Testen anfangen. Die Erziehungsdirektion bot Hand und stellte dem Team eine Liste mit allen Zürcher Volksschulen zur Verfügung. Diese speiste es in ein Computerprogramm. Kurze Zeit später spuckte der Computer 60 zufällig ausgewählte Schulen heraus. Gut die Hälfte sagte auf Anhieb zu, der Rest wurde in einer zweiten Runde rekrutiert.

Damit das Blutabnahme nicht so weh tut, bekommt jedes Kind eine halbe Stunde vorher ein EMLA-Pflaster. Dieses macht die Haut weniger empfindlich.

Damit das Blutabnahme nicht so weh tut, bekommt jedes Kind eine halbe Stunde vorher ein EMLA-Pflaster. Dieses macht die Haut weniger empfindlich.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

«Das Killerkriterium für die meisten Schulen war der Zeitdruck», sagt Kriemler. So kurz vor den Sommerferien hätten die Schulen auch ohne sie genug zu tun. Da noch ein so breit angelegtes Projekt hineinzuquetschen, schien ein Ding der Unmöglichkeit.

Innerhalb von zwei Wochen musste Kriemler die Schulen überzeugen, die Eltern informieren, Informationsblätter und Power-Point-Präsentationen zusammenstellen. «Es war eine Hauruckübung», sagt die Epidemiologin und blickt über ihre getönte Brille hinweg.

Zudem gibt es in grossen Gemeinden wie der Stadt Zürich ein klar festgelegtes Prozedere des Schul- und Sportdepartements der Stadt Zürich (SSD). Jede Studie, die an den Schulen der Stadt Zürich durchgeführt werden soll, muss vom SSD bewilligt werden – ausser sie wurde von einer übergeordneten Stelle angeordnet. Dies ist bei «Ciao Corona» der Fall, da sie im Rahmen von «Corona Immunitas» auch vom Bundesamt für Gesundheit unterstützt wird. Trotzdem wurde die Studie vom SSD zwei Wochen rechtlich geprüft, bevor Kriemler und Puhan mit dem Testen loslegen konnten.

Stadt wusste von nichts

«Wir wussten weder, in welchem Auftrag die Studie durchgeführt wird, noch, wie umfangreich sie angelegt ist oder wer sie finanziert», sagt Marc Caprez, Leiter Kommunikation beim SSD. Beim Bewilligungsverfahren galt es, viele Punkte zu beachten, insbesondere in Bezug auf den Datenschutz bei Kindern. Auch in den Unterlagen der Studie habe es teilweise Unklarheiten bezüglich der Methodik gegeben. «Wäre man bei der Ausformulierung der Unterlagen geschickter vorgegangen, hätte der Prozess beschleunigt werden können», sagt Caprez.

«Da waren wir wohl auch etwas ungeduldig», sagt Puhan. Weil die Unterlagen zur Studie unter einem grossen Zeitdruck ausgearbeitet worden seien, habe das wohl zu kommunikativen Missverständnissen geführt.

Der Teufel lag wohl im Detail. Ein Drittel des Blutes, das den Kindern abgenommen wird, wird für den Antikörpertest gebraucht, der Rest muss in einer biologischen Datenbank eingefroren werden. «Bei wissenschaftlichen Studien ist das ein ganz normales Vorgehen, aber Eltern lässt das aufhorchen», sagt Puhan.

Das Blut werde eingelagert, damit, falls später bahnbrechende Erkenntnisse ans Licht kämen, rückwirkend weitere Tests durchgeführt werden könnten. «Das Blut enthält kein Erbgut und wird nur für Tests im Zusammenhang mit dieser Corona-Studie gebraucht», versichert Puhan.

Nun aber sei alles sehr gut auf Kurs, schliesst Kriemler. Die Schulhäuser – auch jene aus der Stadt – machen sehr gut mit. «Dass so viele Kinder mitmachen würden, hat sogar uns überrascht.» Durchschnittlich 60 Prozent der Schüler aus einer angefragten Klasse würden sich Blut abnehmen lassen.

Diese Woche geht die erste Etappe der Untersuchung, die über ein Budget von 750 000 Franken verfügt, zu Ende. In einem weiteren Schritt werden die Lehrer und Eltern der Kinder getestet. Auch ein Fragebogen über das Verhalten während und nach dem Lockdown muss von den Kindern und ihren Eltern ausgefüllt werden.

Kriemler und Puhan bleiben aber trotz der positiven Startphase realistisch. «Wir rechnen damit, dass etwa 3 Prozent der getesteten Kinder in der Vergangenheit mit dem Virus infiziert waren», sagt Puhan. Das wären etwa 75 Kinder. Kann ein so tiefer Wert überhaupt aussagekräftig sein?

«Wenn wir wissen, dass ein Grossteil der Kinder nicht infiziert wurde, wissen wir schon mehr als jetzt. Das Beste wäre, wenn sich im Herbst und Frühling herausstellt, dass sich wenige Kinder verteilt auf viele Klassen angesteckt haben und dass es innerhalb von Klassen und Schulen keine relevante Ausbreitung gibt», sagt Puhan. Das würde bedeuten, dass Daniel Koch mit seiner Einschätzung, Kinder seien «sehr, sehr, sehr marginal betroffen», recht gehabt hätte. Die ersten Resultate sind in ein paar Wochen zu erwarten.

Die Schulkinder der Schule Riedenhalden in Zürich nehmen an der grossflächigen Corona-Studie «Ciao Corona» teil, welche in Dutzenden Schulhäusern in der ganzen Schweiz durchgeführt wird.

Die Schulkinder der Schule Riedenhalden in Zürich nehmen an der grossflächigen Corona-Studie «Ciao Corona» teil, welche in Dutzenden Schulhäusern in der ganzen Schweiz durchgeführt wird.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Football news:

Juventus lobt Raul Jimenez. Er mag Pirlo und Paratici
Juventus Turin ist ernsthaft an Atlético Madrid Interessiert
Champions-League-Format für Atlético: das Team von Simeone ist immer noch Underdog, aber Sie haben jetzt die beste Chance
Atletico bewirbt sich um den Serbischen Nationaltorhüter Eibar Dmitrovic, Ablöse für 20 Millionen Euro
Der fa-Cup wird in der Saison 2020/21 ohne Neuzugänge ausgetragen, im Halbfinale des Ligapokals wird es ein Spiel geben
In der Umgebung von Ronaldo widerlegt Option mit dem Wechsel nach Barcelona. Cristiano ist glücklich bei Juventus
Matuidi wechselte zu Inter Miami Beckham