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Chefankläger im grössten Mordprozess der Geschichte: Wie Benjamin Ferencz zur Rolle seines Lebens kam

Er ist der letzte noch lebende Chefankläger der Nürnberger Prozesse, die vor 75 Jahren begannen. Auch sonst ist die Bedeutung von Ben Ferencz für die Rechtsgeschichte kaum zu überschätzen.

Benjamin Ferencz, damals 27 Jahre alt, als Ankläger beim Einsatzgruppenprozess in Nürnberg, 1947.

Benjamin Ferencz, damals 27 Jahre alt, als Ankläger beim Einsatzgruppenprozess in Nürnberg, 1947.

PD

Am 20. November 1945 begann im Nürnberger Justizpalast der Hauptkriegsverbrecherprozess gegen Vertreter der obersten nationalsozialistischen Führungsriege. Auf der Anklagebank des Internationalen Militärgerichtshofs sassen Hermann Göring, Albert Speer, Rudolf Hess, Hjalmar Schacht, Alfred Jodl und andere prominente Nazigrössen. Die vier alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkriegs führten den Prozess gemeinsam durch; die USA, Grossbritannien, Frankreich und die UdSSR stellten je einen Hauptankläger und einen Richter.

Zu diesem Zeitpunkt wartete ein 25-jähriger Sergeant der US-Armee noch immer auf seine Rückkehr in die Heimat. Er wollte nichts wie weg aus dem kaputten Europa. Am Weihnachtstag 1945 war Benjamin («Ben») Ferencz – so hiess der junge Mann – wieder zurück in seiner Heimatstadt New York. Er freute sich auf das Wiedersehen mit seiner zukünftigen Gattin Gertrude – und auf ein ganz normales Leben als Anwalt. Doch es kam anders.

«Zurück nach Deutschland? Machen Sie Witze?»

Im Frühjahr 1946 erhielt Ferencz ein Telegramm des Pentagons: Er solle unverzüglich zu einem Termin erscheinen. Im Kriegsdepartement empfing ihn kein Geringerer als Oberstleutnant David Marcus, der Chef der War Crimes Division innerhalb der US-Armee. «Ich will, dass Sie zurückgehen», sagte er zu Ferencz, worauf dieser entgegnete: «Wohin? Nach Deutschland? Machen Sie Witze?»

Marcus versuchte ihn mit einem unkonventionellen Angebot zu ködern: Ferencz sollte den simulierten Rang eines Colonels, eines Obersten, erhalten. Er würde Zivilangestellter bleiben und jederzeit von seinem Engagement zurücktreten können. Schliesslich brachte Marcus den noch immer zweifelnden Ferencz mit General Telford Taylor zusammen, der im März 1946 von Nürnberg nach Washington gekommen war, um Personal zu rekrutieren. Taylor war beim Hauptkriegsverbrecherprozess unter Robert H. Jackson als Ankläger tätig und bereitete für die amerikanische Militärjustiz eine Reihe weiterer Verfahren vor, die «das ganze Panorama der Nazikriminalität» (Ben Ferencz) aufzeigen sollten. Daraus wurden dann die Nürnberger Nachfolgeprozesse.

Beweisaufnahme in Konzentrationslagern

Warum aber griffen die obersten Verantwortlichen des amerikanischen Kriegsverbrecherprogramms ausgerechnet auf Ben Ferencz zurück? Die Antwort findet sich auf den Schauplätzen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik: Ferencz hatte ab Dezember 1944 als Mitglied der War Crimes Investigation Teams so gute Arbeit geleistet, dass die Kunde davon bis nach Washington drang. Schon bevor die Alliierten den Entscheid fällten, die Nazi-Kriegsverbrecher vor ein internationales Strafgericht zu ziehen, hatte er sich für eine solche Lösung starkgemacht.

Als kriminalistischer Ermittler der US-Armee klärte er Morde an alliierten Piloten auf, die auf Reichsgebiet notgelandet und von einem deutschen Mob gelyncht worden waren. Gegen Kriegsende untersuchte er als einer der Ersten die Verbrechen in den deutschen Konzentrationslagern, die er jeweils nur wenige Stunden nach der Befreiung durch die 3. Armee von General George S. Patton betrat. In Ohrdruf, Buchenwald, Flossenbürg und Mauthausen-Gusen stellte er Beweise sicher und vernahm Zeugen.

Eine Chronik des Massenmords

Diese Erfahrungen sollte Ben Ferencz nun auch für die Nürnberger Nachfolgeprozesse fruchtbar machen, was zugleich seine Karriere beflügelte. Im September 1946 wurde er zum Leiter der Berliner Niederlassung des Office of the Chief of Counsel for War Crimes befördert, wie General Taylors Behörde hiess.

Kaum war der Hauptkriegsverbrecherprozess am Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg am 1. Oktober 1946 beendet (die Verdikte reichten von Freispruch über lange Haftstrafen bis zum Tod durch den Strang), machte Ferencz in den Trümmern der untergegangenen Reichshauptstadt einen sensationellen Fund: die «Ereignismeldungen UdSSR», eine Chronik des Massenmords. Darin hatten die Täter – organisiert in den Einsatzgruppen, Spezialeinheiten der SS unter dem Reichsführer Heinrich Himmler – minuziös aufgezeichnet, wie viele Menschen sie täglich in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten der Sowjetunion getötet hatten.

Ferencz hielt die Beweise für Verbrechen unvorstellbaren Ausmasses in der Hand. «Auf einer kleinen Rechenmaschine addierte ich die Zahl derer, die ermordet worden waren», erinnert er sich. «Als ich eine Million erreichte, hörte ich auf zu zählen.»

Chefankläger im «grössten Mordprozess der Geschichte»

Es müsse unbedingt einen Prozess in dieser Sache geben, drängte er General Taylor in Nürnberg. Doch der sich anbahnende Kalte Krieg und fehlende Ressourcen liessen die Amerikaner zögern. Ferencz hielt dagegen: Es lägen eindeutige Beweise vor, dass die Täter kaltblütig gemordet hätten, und ein Verfahren könne rasch durchgeführt werden.

Taylor liess sich überzeugen, und er machte Ben Ferencz gleich zum Chefankläger im «grössten Mordprozess der Geschichte», wie zeitgenössische Beobachter urteilten. Ferencz war damals 27 Jahre alt – und es war sein erster Gerichtsfall.

Die SS-Einsatzgruppen hatten aus rund 3000 Mann bestanden, die praktisch jeden Tag damit zubrachten, wehrlose Männer, Frauen und Kinder umzubringen. Der Chefankläger Ferencz konnte allerdings bloss eine kleine Auswahl von ihnen zur Rechenschaft ziehen. Den äusseren Rahmen setzte der Nürnberger Gerichtssaal, der nur 24 Angeklagten Platz bot. Ausserdem achtete Ferencz darauf, nur hochrangige und gebildete SS-Offiziere anzuklagen, die für ihre Taten rechtlich verantwortlich waren.

Für die Anklage wurde der Einsatzgruppenprozess, der von Mitte September 1947 bis April 1948 dauerte, ein glänzender Erfolg: Das Gericht befand die SS-Massenmörder nahezu ausnahmslos in allen Anklagepunkten für schuldig. Diese umfassten Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mitgliedschaft in kriminellen Organisationen.

Benjamin Ferencz (vorne links am Tisch) neben den Juristen Arnost Horlik-Hochwald und John Glancy im Nürnberger Justizpalast.

Benjamin Ferencz (vorne links am Tisch) neben den Juristen Arnost Horlik-Hochwald und John Glancy im Nürnberger Justizpalast.

Archiv Heinrich Hoffmann / bpk

Meilenstein der Rechtsgeschichte

Insgesamt führten die Amerikaner nach dem Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher zwölf Nachfolgeprozesse durch. Was bleibt von ihnen? Was bleibt von Nürnberg?

Auch dazu finden sich bei Ben Ferencz aufschlussreiche und bis heute gültige Antworten. Bereits in seinem Eröffnungsplädoyer im Einsatzgruppenprozess hatte er betont, dass es nicht darum gehe, eine Handvoll Täter abzuurteilen, obwohl sie zu den schlimmsten Verbrechern der Menschheitsgeschichte gehörten. Dem an der Harvard Law School ausgebildeten brillanten Juristen Ferencz ging es um mehr: Er wollte den Grundstein legen für eine neue internationale Strafgerichtsbarkeit. Die Nürnberger Prozesse waren in diesem Sinn ein Meilenstein der Rechtsgeschichte, weil erstmals Täter für Angriffskrieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Verantwortung gezogen wurden.

Aber die Entwicklung musste weitergehen – Nürnberg war lediglich ein zeitlich und örtlich beschränktes Ad-hoc-Gericht. Ferencz’ erklärtes Ziel war es, ein ständiges, universelles internationales Strafgericht zu schaffen, welches eine friedlichere Welt unter der Herrschaft des Rechts ermöglichen sollte.

Nürnberg stand für ihn von Anfang an in einer übergeordneten, auf die Zukunft gerichteten Perspektive. Es markierte keinen Endpunkt, sondern den Beginn einer Entwicklung, die bei allem menschlichen Leid, das in den Prozessen zutage trat, den Keim von Hoffnung in sich trug – der Hoffnung auf eine Welt, in der die Anarchie der internationalen Beziehungen einem Rechtszustand weicht, der jedem Menschen ein Leben in Frieden und Würde garantiert.

In diesem Zusammenhang führte Ferencz den Begriff «Genozid» in die Rechtspraxis ein, der später zur Grundlage einer weitherum anerkannten Uno-Konvention werden sollte. Mit der Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag erfüllte sich seine Vision eines permanenten Weltgerichts ein halbes Jahrhundert nach den Nürnberger Prozessen. Den Haag bezeichnet er in diesem Sinn liebevoll als sein «Baby».

Was heute kaum jemand mehr weiss: Ben Ferencz war es auch, der die Nürnberger Prozessunterlagen für die Nachwelt aufbereitete, er war für kurze Zeit der erste Herausgeber der sogenannten «Green Series».

Neue Massstäbe im Umgang mit Tätern und Opfern

Ab den 1950er Jahren setzte er sich vehement für die Entschädigung vor allem jüdischer NS-Opfer ein. Als am 10. September 1952 in Luxemburg das deutsch-israelische Wiedergutmachungsabkommen unterzeichnet wurde, sass er mit Kanzler Konrad Adenauer am Tisch.

Die Historiker sind sich heute einig: Während in Nürnberg Massstäbe im Hinblick auf die Täter staatlicher Grossverbrechen formuliert wurden, steht Luxemburg für eine neue Ära im Umgang mit den Opfern. Das Prinzip der «Moralisierung» von Reparationszahlungen (Jörg Fisch), das nach dem Ersten Weltkrieg aufgekommen war, wurde im Luxemburger Abkommen weiter vorangetrieben und auf Individuen ausgeweitet. Damit finden in der Person Ben Ferencz’ gleich zwei bedeutende Stränge der Rechtsentwicklung zusammen.

Charme und Humor – trotz allem

Am 11. März dieses Jahres wurde Ben Ferencz hundert Jahre alt, und noch immer setzt er sich jeden Tag an seinen Arbeitstisch, gibt Interviews, antwortet auf Anfragen aus aller Welt. Bei allen Greueln, die er erlebte, hat er sich bis ins biblische Alter seinen Charme und Humor bewahrt. Als ich vor ein paar Wochen mit ihm telefonierte, scherzte er: «Wenn ich das nächste Mal Anklage wegen Mordes an einer Million Menschen erhebe, dann rufe ich Sie an.»

Am 11. März 2020 konnte Benjamin Ferencz seinen hundertsten Geburtstag begehen. Er lebt heute in Florida.

Am 11. März 2020 konnte Benjamin Ferencz seinen hundertsten Geburtstag begehen. Er lebt heute in Florida.

Zuma / Imago

Dabei hat Ben Ferencz wie vielleicht kein zweiter Zeitgenosse dieses blutigen 20. Jahrhunderts dazu beigetragen, dass sich solche Menschheitsverbrechen nicht mehr wiederholen.

Philipp Gut ist promovierter Historiker, Journalist und Buchautor. Zuletzt erschien sein Werk «Jahrhundertzeuge Ben Ferencz. Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit», Piper-Verlag, München 2020. 352 S., Fr. 32.–.

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