Switzerland

Célines Peiniger muss sich vor Gericht verantworten

Drei Monate reichten aus, um Célines Leben zu zerstören. Am 28. August 2017 nahm sich die 13-Jährige aus Spreitenbach AG das Leben. Sie war zuvor während Wochen von einem damals 14-jährigen Dietiker und dessen Ex-Freundin auf Whatsapp und Snapchat gemobbt worden.

Céline, die in ihren späteren Peiniger verliebt war, schickte ihm intime Bilder. Er hatte danach verlangt: «yk (you know) how it works», schrieb er ihr. Als er das intime Bild an seine Ex-Freundin weiterleitete, begannen die Beschimpfungen: «jez ish dis lebe verbi, ich mach der dis lebe so chabbut» oder «wür dich eigehändig umbringe», schrieb das Mädchen. Sie verbreitete Célines Bild auf Snapchat – ganz Spreitenbach sah, wie sie leicht bekleidet auf ihrem Bett sass. «Das hat sie gebrochen», sagte Célines Mutter vor kurzem zum TA (lesen Sie hier die Hintergründe).

Diesen Mittwoch, zweieinhalb Jahre nach Célines Tod, kommt der Fall vors Jugendgericht in Dietikon. Die Eltern haben Einsprache erhoben gegen den Strafbefehl gegen den Jungen, sie fordern eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung – und eine härtere Bestrafung.

Weil die Jugendstaatsanwaltschaft Célines Suizid nicht auf das Handeln des Dietikers und seiner Ex-Freundin zurückführen konnte, verurteilte sie den Jungen 2019 wegen Nötigung. Das Mädchen wurde wegen versuchter Drohung und Beschimpfung sanktioniert. Beide mussten kurze Arbeitseinsätze leisten.

Mut für die Gerichtsverhandlung macht Célines Eltern die Rechtsprechung im Fall Uster: Eine 15-jährige Finnin hatte sich im Juni 2017 das Leben genommen, nachdem sie ein 30-Jähriger aus Uster mit Sexbildern erpresst und diese auf eine Pornoseite geladen hatte. Das Obergericht verhängte eine Freiheitsstrafe von 28 Monaten.

Jugendstrafrecht als Erziehungsrecht

Die milde Strafe der Mobber hingegen ist im Sinne des Jugendstrafrechts. Jugendliche sollen primär erzogen werden, damit sie nicht rückfällig werden. Im Jugendstrafrecht sind dafür sogenannte Schutzmassnahmen vorgesehen: Staatsanwaltschaft und Gerichte können eine persönliche Betreuung durch Sozialarbeiter oder eine Unterbringung in einem Heim oder einer Psychiatrie anordnen. Eine Freiheitsstrafe ist das letzte Mittel zur Bestrafung. Sie darf erst bei Tätern ab 15 Jahren verhängt werden.

«Mobbing muss Konsequenzen haben.»Nadya Pfister, Mutter von Céline

Weil Jugendliche einen besonderen Schutz geniessen, sind Verhandlungen vor dem Jugendgericht in der Regel nicht öffentlich. Das Gericht kann aber Publikum zulassen, sofern ein öffentliches Interesse am Prozess besteht. Das passiert sehr selten. Céline war der erste öffentlich thematisierte Fall dieser Art in der Schweiz.

Das Gericht gewährte die Ausnahme mit Einschränkungen: Teilnehmen können nur akkreditierte Journalisten. Sie dürfen während der Plädoyers der Anwälte und der Urteilsverkündung dabei sein, müssen aber bei Fragen zur Person des Jugendlichen den Raum verlassen.

«Jugendliche müssen sich schützen können»

Die Eltern von Céline nutzen den Gerichtsfall auch, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen: Sie fordern einen Gesetzesartikel zu Cybermobbing. Im Gegensatz zu Österreich kennt die Schweiz keinen solchen Straftatbestand. Hierzulande müssen sich Mobbingopfer mit Tatbeständen wie Beschimpfung, Drohung oder Nötigung behelfen. Österreich hat den entsprechenden Artikel 2016 eingeführt, seither werden jährlich etwa 300 Fälle angezeigt.

«Jugendliche müssen sich schützen können», sagt Nadya Pfister. «Und Mobbing muss Konsequenzen haben.» Sie denkt dabei an die mittlerweile 19-jährige Ex-Freundin, die sich vom Strafbefehl gegen sie offenbar nicht beeindrucken liess: Nach Célines Tod mobbte sie einfach weiter.

Ex-Freundin machte einfach weiter

Aus der Psychiatrie sendete sie Drohvideos an eine Freundin von Céline. «Also, du kleine Nutte», sagt sie darin, «wir finden dich schon. Du wirst genauso sterben wie Céline.» Das Verfahren gegen sie wurde eingestellt, weil der Strafantrag ungültig war: Auf dem Video waren zwei Mädchen zu sehen, daher hätten auch beide angezeigt werden müssen.

«Jugendliche wissen genau, dass ihnen nichts passiert, wenn sie das tun», sagt Nadya Pfister dazu und fügt an: «Wollen wir wirklich ein solches Zeichen senden?»