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Burma-Aktivisten in Thailand: Wir sehen euch

Grossdemos gegen die Generäle: Auch in Bangkok wird der Kampf gegen die Militärjunta in Burma organisiert und angefeuert. Über den Kampf mit Bildern und Symbolen.

«Wenn wir diesmal verlieren, dann ist unser Land verloren»: Exil-Burmesen demonstrieren jetzt täglich in Bangkok gegen das Regime in der Heimat.

«Wenn wir diesmal verlieren, dann ist unser Land verloren»: Exil-Burmesen demonstrieren jetzt täglich in Bangkok gegen das Regime in der Heimat.

Foto: Mladen Antonov (AFP)

Sie tragen einen Sarg vor der UNO-Vertretung in Bangkok auf und ab. Einige Demonstranten haben sich verkleidet, als Justitia zum Beispiel, die das Gewehr eines Soldaten an den Kopf gehalten bekommt. Sie haben aufgeschminkte Wunden und abgeklebte Münder. Und sie zeigen den Drei-Finger-Widerstandsgruss aus «Tribute von Panem». Inszenierte Symbole, Material für soziale Medien. Am Sonntag war es so, am Montag, am Dienstag wieder.

Am Montag schält sich Shin Nway Oo, 32, aus einer Gruppe von Demonstranten heraus. Sie unterstützt die Proteste für Burma aus dem Nachbarland Thailand, sie trägt einen schwarzen Mundschutz und ein rotes Kopftuch, auch das ist ein Zeichen: Rot steht für die «Nationale Liga für Demokratie», Aung San Suu Kyis Partei, die eigentlich das Land regieren sollte.

Shin Nway Oo deutet in die Richtung, wo die Gruppen der buddhistischen Mönche stehen, sie zeigt, wer heute den Brief in der UNO-Vertretung übergeben hat. Sie stellt sich mit einer Freundin vor die Kameras, hebt die Hand zum Drei-Finger-Gruss, ein Schild vor der Brust: «How many death bodies in need UN to face action?», das ist orthografisch nicht korrekt, aber in der Aussage zutreffend. Wie lange kann die Weltgemeinschaft noch zusehen, wie ein Land von seiner Armee terrorisiert wird?

«Bewaffneter Raubüberfall» der Armee

Wie kämpft man heute für seine Freiheit? Per Internet, mit E-Mails und Messengerdiensten, mit Telefonkarten und Bildern, die schnell verbreitet und universell verstanden werden können. So organisieren sich nicht nur die Frauen und Männer in Burma seit drei Wochen gegen die Militärjunta. So halten sie auch Kontakt zu ihren Landsleuten überall auf der Welt.

Shin Nway Oo heisst eigentlich anders, sie will aber bald nach Burma zurückkehren, und je nachdem, wie diese Sache ausgeht, wird das schwierig, wenn die Armee gegen die Familien der Protestierenden vorgeht. In der Nacht von Montag auf Dienstag, nach den bisher grössten Demonstrationen in Burma, kam es zu Verhaftungswellen im ganzen Land. Wenn die Soldaten die gesuchten Personen nicht fanden, nahmen sie deren Kinder mit.

Einen «bewaffneten Raubüberfall» nennt Shin Nway Oo das, was die Armee unter General Min Aung Hlaing in ihrer Heimat macht. Die Christin wohnt in Bangkok in einem kirchlichen Wohnheim. Für das Gespräch schlägt sie den Freizeitbereich in dem Haus vor, in dem ihre Schwester lebt. Dicke Pflanzen säumen den Pool, in dem ein Junge schwimmt und prustet, während sich Shin Nway Oo in Aufruhr befindet. Sie ist fast immer online, ihr Smartphone liegt vor ihr, als wäre es ein kleines Lebewesen, das dringend Aufmerksamkeit braucht.

Wer bringt das Trinkwasser mit, wer die Müllbeutel?

Man kann die Nachrichten auf ihrem Handy nicht entziffern, das burmesische Alphabet sieht für Nicht-Burmaer aus wie freundliches Klingonisch. Permanent laufen neue Mitteilungen ein. Nachrichten und Gegenberichte, in denen Armee-Propaganda entlarvt wird. Ausserdem müssen die Kundgebungen organisiert werden. Wer bringt das Trinkwasser mit, wer die Müllbeutel? Die Demonstranten hinterlassen den Platz vor der UNO-Vertretung ordentlich. Schliesslich wollen sie wiederkommen.

Die Exil-Burmaer versuchen, möglichst viele Informationen zu bekommen, sie vernetzen sich, um Geld für den Widerstand zu sammeln, sie organisieren Proteste weltweit – und wie buchstabiert man noch mal dieses Wort, das auf die Plakate gehört, Disobedience? Ungehorsam.

Das «Civil Disobedience Movement» (CDM) ist die zentrale Verweigerungsbewegung, mit der die Burmaer versuchen, ihr Land lahmzulegen. Spitäler werden bestreikt, Schulen und Banken, Bauvorhaben liegen brach, damit die Generäle bald nichts mehr haben, was sie beherrschen und ausbeuten können. Daher steht #CDM auch auf vielen Transparenten, die fast täglich vor der UNO-Vertretung in Bangkok hochgehalten werden. Seit Tagen ist es glutheiss, die Luft so schlecht, dass einem die Augen nach einer Stunde im Freien brennen. Vier Stunden täglich dürfen sich die Protestierer versammeln. Sie verteilen Wasserflaschen, auch an die thailändischen Polizisten, die sie bewachen.

Das «Civil Disobedience Movement» (CDM) ist die zentrale Verweigerungsbewegung, mit der die Burmaer versuchen, ihr Land lahmzulegen.

«Wenn das Militär nachts das Internet blockiert, kann man nur noch über Sim-Karten Kontakt halten, die in Thailand funktionieren. Die Armee macht das, um uns zu verängstigen», sagt Shin Nway Oo. Sie ist eine von etwa eineinhalb Millionen Burmesen, die legal im Nachbarland leben, um zu studieren und zu arbeiten – normalerweise organisiert sie für ein Spital die Anreise von Medizin-Touristen am Flughafen. Dazu kommen etwa zweieinhalb Millionen, die in Bangkoker Wohnungen putzen, T-Shirts an Touristen verkaufen oder auf den riesigen Märkten wie dem in Samut Sakhon Fische ausnehmen, auf dem ein Covid-19-Ausbruch kürzlich auf illegale Einwanderer aus Burma zurückgeführt wurde. Durch eine lange Grenze, die sich nicht lückenlos überwachen lässt, sind Thailand und Burma getrennt, aber untrennbar verbunden, so wie die USA und Mexiko.

Symbolik in Bangkok: Drei-Finger-Gruss und Ketten vor dem Porträtbild von Aung Sang Suu Kyi.

Symbolik in Bangkok: Drei-Finger-Gruss und Ketten vor dem Porträtbild von Aung Sang Suu Kyi.

Foto: Mladen Antonov (AFP)

«Früher habe ich mich nicht für Politik interessiert, bei uns zu Hause war es nicht üblich, darüber zu sprechen», sagt Shin Nway Oo. Als Christin gehört sie einer Minderheit in Burma an, «es widerspricht unserem Glauben, uns politisch zu engagieren.» Sie ist aufgeregt wegen der Demonstrationen, unsicher, aber auch wütend. «Die Armee hat das Land ruiniert. Es gibt sehr viele arme Menschen und nur wenige sehr reiche, die mit der Armee zusammenarbeiten. Die Bildung ist schlecht, weil kein Geld da ist. Aber die Generäle schicken ihre Kinder auf teure Schulen im Ausland.»

Informeller Widerstand gegen chinesische Trolle

Von Bangkok aus hilft Shin Nway Oo nun, die Versammlungen vor der UNO zu organisieren. «Wir sprechen uns mit den thailändischen Demonstranten ab» sagt sie, mit der «Milk Tea Alliance», einer Online-Bewegung von sogenannten Netizens aus Thailand, Taiwan, Hongkong und eben Burma. Sie alle vereint ihr informeller Widerstand gegen chinesische Trolle und Agitation in sozialen Medien. Auch in Thailand demonstrieren die jungen Leute gerade wieder gegen ihre Kulissen-Demokratie, man hilft sich gegenseitig. «Wir haben den Drei-Finger-Gruss von ihnen übernommen», sagt Shin Nway Oo, «sie klopfen jetzt auf Töpfe und Pfannen, wie wir es in Burma machen, um die Angst zu vertreiben, die die Soldaten nachts verbreiten.»

Shin Nway Oo hat Burma 2007 verlassen, als die Generäle gerade noch an der Macht waren, und natürlich vermisst sie ihre Heimat. Eigentlich wollte sie vor einem Jahr zurück, doch dann kam das Virus, der Putsch. Was sie als Erstes tun wird, wenn sie heim darf? «Meine alten Schulfreunde treffen und Kyay-O essen.» Aber sie dürfen nun nicht nachlassen, müssen die Aufmerksamkeit hoch halten, solange die Welt zusieht. «Wenn wir diesmal verlieren, dann ist unser Land verloren», sagt sie, im Hintergrund hört man den Jungen planschen, das Smartphone leuchtet auf.

«Sie klopfen jetzt auf Töpfe und Pfannen, wie wir es in Burma machen, um die Angst zu vertreiben, die die Soldaten nachts verbreiten.»

Shin Nway Oo

So wie Shin Nway Oo ist auch Nyan Tun in Aufruhr. Auch er will in Bangkok über seine Heimat sprechen. Der 26-Jährige wohnt in einem kleinen Apartment in einem fahlen Hochhaus, das in einem besonders grauen Viertel der Stadt steht. Er möchte zu McDonald’s. «Die CDM ist unsere einzige Chance», sagt er dort und sägt sehr sorgfältig an einem frittierten Hühnerbein herum. Er ist traurig und zornig und versucht trotzdem, beim Reden höflich zu bleiben. «Es ist einfach inakzeptabel, was das Militär getan hat.»

«Was für eine schöne, würdevolle Frau»

Nyan Tuns Vater war Soldat, sein Grossvater ebenfalls. Also wurde er auf eine Militärschule geschickt, «die Lehrer waren in Ordnung», sagt er. «Aber die anderen Mitarbeiter waren vom Militär, die haben uns alle wie kleine Soldaten behandelt.» Morgenappell, Hymne singen, die Schulleiter wurden von der Armee-Abteilung für «Public Relations» und «Psychological Warfare» ausgesucht. Sein Vater starb vor zehn Jahren, der Sohn kann nicht sagen, was er von diesem Putsch gehalten hätte.

Er ist traurig und zornig und bleibt trotzdem immer freundlich: der Exil-Burmese Nyan Tun.

Er ist traurig und zornig und bleibt trotzdem immer freundlich: der Exil-Burmese Nyan Tun.

Foto: David Pfeifer

In der Schule haben sie Nyan Tun beigebracht: Aung Sang Suu Kyi sei eine Feindin des Volkes, sie verrate und spalte das Land. «Ich war so etwa 14 Jahre, als ich Suu Kyi zum ersten Mal im Fernsehen gesehen habe und dachte: Was für eine schöne, würdevolle Frau.» Es folgte die sanfte Demokratisierung Burmas und das Internet. Nyan Tun fing an zu recherchieren, stellte fest, dass man ihm nur Lügen beigebracht hatte, bildete sich selber neu, was die Geschichte seines Landes angeht. «Seit 1962 berauben uns die Generäle», sagt er. «Aber inzwischen haben wir Smartphones.»

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