Switzerland

Bundesrat Alain Berset im grossen Corona-Interview: «Wenn wir nicht geeint sind, gewinnt das Virus»

Seit über fünf Monaten ist Alain Berset (48) im Krisenmodus. So stark gefordert wie wohl noch nie in seiner Karriere. Und es sieht nicht danach aus, als könne sich der Gesundheitsminister zurücklehnen. Kurz bevor er sich in die Sommerferien verabschieden wollte, steigen die Corona-Infektionen in der Schweiz wieder an. Als BLICK den SP-Bundesrat in seinem Büro in Bern trifft, gibt er sich dennoch alles andere als coronamüde.

BLICK: Herr Berset, ab jetzt haben Sie Ferien, zumindest offiziell. Werden Sie diese angesichts der steigenden Neuansteckungen auch geniessen können?

Alain Berset: Ich hoffe es. Ich freue mich sehr darauf, etwas Ruhe zu haben. Ehrlich gesagt, brauche ich wirklich Erholung. Dennoch werde ich die Entwicklung der Epidemie weiter genau verfolgen.

Der Bundesrat hat diese Woche eine Maskenpflicht für den ÖV beschlossen. Warum erst jetzt und nicht schon viel früher?

Aus mehreren Gründen: Erstens, weil die Neuinfektionen zugenommen haben. Zweitens, weil nach den letzten Lockerungsschritten wieder mehr gereist wird. Drittens, weil es dem Wunsch der Kantone und den Empfehlungen der Spezialisten entspricht. Und viertens, weil viele Menschen trotz der dringlichen Empfehlung des Bundesrats im ÖV keine Maske tragen, obwohl sie den Abstand von 1,5 Metern nicht einhalten können.

Ist der Bundesrat die Maskenfrage von Anfang an nicht falsch angegangen? Er hat lange sogar auf eine Empfehlung verzichtet, weil es nicht genügend Masken gab. Das rächt sich jetzt.

Als Schulen, Läden, Restaurants geschlossen waren, als viele Leute zu Hause sassen – da spielte die Maskenfrage keine so grosse Rolle. Das zeigen auch die Infektionszahlen, die schnell gesunken sind. Wichtig war, dass exponierte Personen wie das Pflegepersonal Masken hatten. Nun, wo wir alle wieder mobiler sind, sind Masken nötig, wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann. Aber tatsächlich waren die Lager zu wenig gefüllt, und es gab am Anfang eine Zeit, in der Masken schwierig zu beschaffen waren – überall auf der Welt, nicht nur bei uns. Der Bund hat sich auch die gesetzliche Grundlage geben lassen, Material zu beschaffen. Auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse entwickeln sich. So ist die Weltgesundheitsorganisation erst vor kurzem, genauer am 6. Juni, dazu übergegangen, Masken zu empfehlen.

Noch am Montag sagten Sie, die Masken seien Sache der Kantone – zwei Tage später schritten Sie ein. Warum braucht es – wie schon im März bei der Ausrufung des Lockdown – massiven Druck, damit Sie handeln?

Mit dem Schritt von der ausserordentlichen in die besondere Lage haben die Kantone die Führung bei der Umsetzung der Schutzmassnahmen. Der Bund erlässt die grundlegenden Regeln. Wir haben die Situation analysiert und sind zum Schluss gekommen, dass wir die grundlegenden Schutzmassnahmen rasch um eine weitere verstärken müssen.

Sie sagten kürzlich: Wir können Corona. Doch nun ist die zweite Welle da. Können wir Corona wirklich?

Ja. Dass die Zahlen nach den Lockerungen wieder steigen würden, war klar. Im Gegensatz zum März wissen wir aber in der Regel, wer sich angesteckt hat. Wichtig ist, dass das Nachverfolgen der Infektionsketten gelingt, dass das Contact Tracing wirklich funktioniert. Hier sind die Kantone am Drücker. Sie müssen das Contact Tracing mit aller Konsequenz durchführen. Gelingt das nicht, so sollen sie handeln. Sie haben eine breite Palette an Möglichkeiten und können auch etwa Clubs oder Betriebe schliessen, um die Kontakte zu reduzieren. Ich stelle mit Befriedigung fest, dass nun mehrere Kantone gezielt und auf ihre regionalen Bedürfnisse mit zusätzlichen Schutzmassnahmen reagieren. Das stimmt zuversichtlich.

Woher diese Zuversicht? Uns scheint, viele Menschen haben die Krise schon wieder vergessen.

Nein, das stimmt so nicht. Das Verhalten vieler Menschen hat sich verändert – sie verzichten auf Händeschütteln, Umarmungen, Begrüssungsküsse. Alle müssen dranbleiben. Wir können das Virus nur erfolgreich bekämpfen, wenn wir das gemeinsam tun. Jeder und jede Einzelne muss mithelfen. Wenn wir nicht geeint sind, gewinnt das Virus.

Gesichter der Corona-Krise

Die Pandemie hat die Welt verändert, den Alltag von uns allen umgekrempelt. Und sie hat Menschen ins Rampenlicht gerückt, die vorher im Hintergrund wirkten oder durch die Krise eine besonders wichtige Rolle erhielten. BLICK spricht in einer lockeren Serie mit ihnen über diese aussergewöhnliche Zeit. Den Auftakt macht Gesundheitsminister Alain Berset (48).

Die Leute geben ja nicht mal ihre echten E-Mail-Adressen an, wenn sie in den Ausgang gehen.

Man darf von einigen Personen nicht auf alle schliessen. Es ist unverantwortlich, falsche Angaben zu machen. Dass das möglich ist, zeigt aber auch, dass die Schutzkonzepte noch nicht überall gut genug sind – und dass es gute kantonale Kontrollen braucht.

Jetzt stünden die Kantone wieder in der Pflicht, betonen Sie. Die aber geben eine sehr schlechte Figur ab. Können die Kantone die zweite Welle bremsen?

Die Zusammenarbeit mit den Kantonen ist eng. Sie wissen um ihre Verantwortung. Momentan haben wir die Lage unter Kontrolle. Die Ansteckungen betreffen zurzeit vor allem jüngere Leute und nur vereinzelt die Verletzlicheren. Die Corona-Hospitalisierungen sind zurzeit tief.

Der grosse Risikofaktor ist offensichtlich das Nachtleben. Mal ehrlich: Ist die Maskenpflicht im ÖV da nicht eher symbolischer Natur?

Nein. Das Tragen einer Maske im öffentlichen Verkehr ist eine wichtige Schutzmassnahme. Gerade in der Ferien- und Reisezeit. Es kommt immer wieder zu Situationen, wo der nötige Abstand nicht eingehalten werden kann.

Dann anders gefragt: Hat der Bundesrat zu schnell gelockert?

Bisher hat die Lockerungsstrategie funktioniert. Wir dürfen jetzt nicht nachlässig werden. Aber offen gestanden können wir das erst in einigen Wochen umfassend beurteilen. Bis Mitte Juni waren die Fallzahlen stabil auf tiefem Niveau. Seither steigen sie wieder. Wir beobachten die Situation genau. Ziel des Bundesrats ist, die Pandemie mit guter Prävention in Schach zu halten und mit effizienter Nachverfolgung lokale Ausbrüche rasch in den Griff zu kriegen.

Ab dem Herbst sollen auch Grossveranstaltungen wieder möglich sein. Halten Sie an diesem Fahrplan fest?

Nur, wenn es die epidemiologische Lage zulässt. Wir lernen jeden Tag mehr über dieses Virus und entsprechend passen wir unsere Strategie an. Ich weiss, das ist nicht einfach, aber wir müssen bescheiden und flexibel bleiben und Ungewissheit aushalten können.

Gesundheitsminister im Mittelpunkt

Keystone

Bundesrat Alain Berset bei einer Medienkonferenz in Bern.

Mitten in der Corona-Krise feierte Alain Berset seinen 48. Geburtstag. Der SP-Bundesrat hat an der Universität Neuenburg Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert. Von 2003 bis 2011 sass Berset für den Kanton Freiburg im Ständerat. Am 14. Dezember 2011 wählte ihn die Bundesversammlung in den Bundesrat. Seit 2012 ist Berset Vorsteher des Departements des Innern (EDI). Berset ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Schauen wir auf den ersten Teil der Krise zurück. Welchen Moment aus den letzten fünf Monaten werden Sie nie vergessen?

(Überlegt) Es sind mehrere. Die Zeit war so intensiv, manchmal hat sich eine Woche wie ein halbes Jahr angefühlt. Mitte März hatten wir fünf Bundesratssitzungen in acht Tagen. Auf Ihre Frage: Eindrücklich war, als ich am 19. März ins Tessin geflogen bin. Wir sahen aus der Luft leer gefegte Strassen und Plätze. Die angespannte Stimmung in Bellinzona. Man konnte den Ernst der Lage geradezu körperlich spüren. Oder der Abend des 16. März, nachdem der Bundesrat die ausserordentliche Lage beschlossen hatte: Bern war wie ausgestorben. Das sind Bilder, die man nicht vergisst.

Was fühlten Sie da?

Demut. Die Lage änderte sich jeden Tag – was am Vortag galt, war 24 Stunden später vielleicht schon anders. Ich war überzeugt, dass wir das Richtige tun. Aber natürlich sind da auch Zweifel. Die Bundesratsentscheide hatten riesige Auswirkungen auf unsere Leben – diese Verantwortung lastet schwer auf den Schultern. Das habe ich enorm gespürt. In diesem Ausmass zum ersten Mal in meinem Leben.

Ab Mitte März überschlugen sich die Ereignisse, eine Bundesratssitzung jagte die nächste. Man musste schnelle Entscheide treffen in einem System, in dem das so nicht vorgesehen ist. Wie gut konnten Sie Entscheide noch vorbereiten?

Es gab schon Momente, in denen ich gedacht habe: Hoffentlich machen wir jetzt keinen Fehler. Ich hatte Sorge, dass wir in der Eile einen Entscheid treffen würden, der sich dann später als folgenschwerer Fehler herausstellen würde. Das ist bisher glücklicherweise nicht passiert. (Überlegt) Der Bundesrat kann eigentlich immer schnell entscheiden. Was normalerweise dauert, sind die vertieften Diskussionen mit Parteien, Verbänden, Kantonen, Verwaltung, Parlament im Vorfeld eines Entscheids. Damit wird der Lösungsweg auf möglichst viele Mängel abgeklopft und mehrheitsfähig gemacht. Und das alles gab es hier teilweise gar nicht oder nur stark verkürzt.

Eine Kritik lautete, der Bundesrat habe mit dem Lockdown zu lange gewartet. Im Nachhinein: Hätte man schneller reagieren müssen?

(Überlegt) Vielleicht … darauf habe ich keine definitive Antwort. Hätten wir früher reagieren können? Hätte die Bevölkerung das akzeptiert und mitgemacht? Ich bezweifle es. Und dieser Punkt ist matchentscheidend in unserer Demokratie, wo die Leute es gewohnt sind, mitzuentscheiden. Wir müssen überzeugen. Und dafür braucht es eine gewisse Zeit, bis aus einer weit entfernten, unklaren Situation plötzlich eine konkrete unmittelbare Bedrohung wird. Erinnern Sie sich an die Kritik in Basel, weil die Fasnacht abgesagt wurde?

Ja. Aber im Tessin hätte man gerne früher und strenger reagiert. Sie blieben stur. Bern liess Bellinzona im Stich!

Das würde ich nicht so sagen! Bis zur Ausrufung der ausserordentlichen Lage am 16. März hatten die Kantone – wie jetzt wieder – weitreichende Befugnisse, um selber Massnahmen zu ergreifen. Was stimmt: Das Tessin wurde früher und viel härter getroffen als die die meisten Kantone. Der Bundesrat stand ständig in engem Kontakt mit der Tessiner Regierung und hat dem Tessin auch nachdem er die Führung bei der Corona-Bekämpfung übernommen hatte, Sondermöglichkeiten gegeben.

Was war eigentlich Ihr Stressventil in dieser Zeit?

Zwischen Ende Februar und Mitte April habe ich nichts gemacht, ausser mich mit dieser Krise zu beschäftigen. Auch an den Wochenenden gab es kaum Pausen, weil ich viele Telefone führte oder unsere Nachbarländer weitreichende Entscheide in den Nächten trafen. Aber ganz viele andere hatten auch sehr lange Arbeitstage. Manchmal bin ich nachts im menschenleeren Bern spazieren gegangen. Ab und zu habe ich einen Film oder eine Serie angeschaut oder Musik gehört.

Was haben Sie gehört?

Ich habe sehr Unterschiedliches gehört, ausser klassische Musik – vielleicht war das ein Fehler (lacht). Es war viel elektronische Musik, aber auch Jazz.

Plötzlich hatte der Bundesrat – hatten Sie – alle Macht. Haben Sie gedacht, dass Sie jemals die Chance bekommen, so einfach durchzuregieren?

Nein. Ich würde das auch nicht Chance nennen. Aber sicher eine unglaubliche Erfahrung, eine absolute Ausnahmesituation, die unserer demokratischen DNA eigentlich völlig zuwiderläuft. Nur: Das war der einzige Weg, eine solche Krise zu bewältigen, in der nicht wir das Tempo bestimmt haben, sondern ein Virus. In den schwierigsten Zeiten – besonders von Mitte bis Ende März – war es ein Vorteil, dass der Bundesrat so direkt entscheiden konnte.

Eben, auch ein gutes Gefühl, diese Machtfülle.

Nein, das ist nicht angenehm. Es ist verbunden mit einer riesigen Verantwortung. Ich habe in meiner politischen Karriere schon einige schwierige Momente erlebt. Aber nichts, wirklich gar nichts, ist mit dieser Krise zu vergleichen. Für mich und für uns im Bundesrat war es wichtig, dass es immer einen gewissen Austausch mit dem Parlament gab, mit den Kantonen, den Parteien, den Sozialpartnern. Trotz Notrecht hat das eine gewisse Rückkoppelung – und Normalität – gegeben.

Hat die Krise Sie zu einem anderen Bundesrat gemacht?

Eine Pandemie galt im Innendepartement immer als grösstes Risiko. Wir wussten also, dass so etwas passieren kann – und was es bedeuten könnte. Aber das war alles graue Theorie. Ob man das wirklich aushalten kann – als Bundesrat, aber auch als Mensch –, weiss man erst im konkreten Fall. Ich habe gehofft, dass ich das kann, gewusst habe ich es nicht. Ich habe viel über mich selbst gelernt. Und bin sicher, dass es allen so gegangen ist. Wir alle haben etwas über uns gelernt. Und über unser Land: Die Schweiz ist keine Schönwetterorganisation. Diese Krise beweist, wie stark unser Land ist.

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