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Bremsen Kinder die Zukunft der Mobilität?

Künftig könnte die ganze Familie per Computer durch die Gegend kutschiert werden. Doch unser Papablogger wittert ein Problem.

Fahrdienste der Zukunft: Künftig könnten Kinder von autonomen Fahrzeugen chauffiert werden. Fotos: iStock

Wir kümmern uns im Mamablog nicht nur um die Konsistenz von Sören Torbens Windelinhalt, sondern auch um gesellschaftliche Themen. Heute ein Blick in die Zukunft. Eine Zukunft, in der die Familienkarosse dank künstlicher Intelligenz ein Bewusstsein entwickelt – zumindest für den Verkehr. Es geht um autonomes Fahren, und ich habe eine Theorie, weshalb es zumindest in Europa noch etwas länger dauern könnte.

Wie genau die Zukunft des autonomen Fahrens aussieht, wissen wir nicht. Zukünfte sind ja grausam schwierig vorauszusehen. Vermutlich werden Familien nebst älteren und mobilitätseingeschränkten Menschen zu den grossen Nutzniessern gehören.

Das Auto fährt Papi nach Hause, nachdem es zuvor selbstständig die Wocheneinkäufe abgeholt hat.

Stellen Sie sich vor, wie ein Auto Eleanor bei der Logopädie abholt und sie zum zwei Dörfer entfernten Bratschenunterricht bringt, wo kein direkter Bus hinfährt. Vati muss nicht mehr 10 Minuten früher aus dem teuren Pilates-Gruppenkurs rennen, um Taxi für Eleanor zu spielen. Im Gegenteil: Das Auto fährt auch ihn nach Hause, nachdem es zuvor selbstständig die Wocheneinkäufe abgeholt hat. Mutti wiederum muss Loïc am nächsten Morgen nicht mit dem SUV bis ins Klassenzimmer fahren. Das macht das SUV nun selbst. Ob dabei überhaupt das eigene Familienauto hin- und herrösselt oder jeweils ein passendes Gefährt in der Nähe den Dienst übernimmt und die Kosten selbstständig abbucht … es wird wohl verschiedene Besitz- und Mietmodelle geben.

Früher oder später …

Ist es Utopie oder Dystopie, wenn die Familie einzeln vom Computer durch die Gegend gefahren wird? Darüber will ich nicht urteilen. Aber autonome Mobilität wird unseren Alltag sicherlich verändern. Probleme lösen und neue schaffen.

Derzeit werfen Autohersteller, Technologiefirmen und andere Investoren Milliardenbeträge in die Entwicklung autonomer Mobilität. Selbstfahrende Autos werden kommen, es ist nur eine Frage der Zeit. Wann sind Hard- und Software bereit für SAE Level 5: die Stufe der Autonomie, auf der es keinen Menschen mehr braucht, der die Technik überwacht?

Die Meinungen gehen auseinander. Manche sehen noch Jahrzehnte mühseliger Entwicklung, Elon Musk hat volle Autonomie für das aktuelle Jahr versprochen. Zwei Experten mit unterschiedlichen Ansichten haben sich kürzlich in einem Podcast duelliert: Lex Fridman und Jim Keller. Fridman forscht am MIT über autonomes Fahren. Jim Keller ist einer der renommiertesten Mikroprozessor-Ingenieure und war unter anderem für Teslas neuen Selbstfahrchip verantwortlich, den manche als revolutionär bezeichnen.

Rechenleistung versus Psychologie

Sehr vereinfacht sagt Keller, dass autonome Systeme durch ihre überlegene Sensorik und Rechenleistung heute schon vieles besser können als der rasch abgelenkte Mensch. Fridman meint, zum Autofahren brauche es menschliche Fähigkeiten, von denen Computer noch weit entfernt seien. Bis hierher kein Widerspruch. Tatsächlich überzeugt der Computer bei Routineaufgaben, während der Mensch die seltenen Grenzfälle besser beherrscht. Beispiel: Eine Plastiktüte liegt auf der Strasse. Ist sie ein Hindernis? Was, wenn sich darin etwas befindet? Ist die Gefahr grösser, wenn ich sie überfahre oder wenn ich abrupt bremse? Der Mensch kann sein Weltwissen auch auf nicht programmatische Art einfliessen lassen und wird wohl die bessere Entscheidung treffen. Dabei spielt bei einer Plastiktüte die Psychologie noch nicht einmal eine Rolle.

Der Mensch – so das Hauptargument Fridmans – vermöge andere Verkehrsteilnehmer und Verkehrsteilnehmerinnen besser einzuschätzen. Die Intention anderer Autofahrer zum Beispiel, bevor sie überhaupt ein Fahrmanöver ausführen. Keller hingegen meint, dass die Intention keine grosse Rolle spiele. Letztendlich seien die anderen Fahrzeuge und Menschen im Verkehr Vektoren. Sie haben eine Richtung, ein Tempo und gewisse Möglichkeiten, beides zu ändern. Ein Computer könne mit diesen Angaben sicher fahren.

Überlegene Sensorik und null Ablenkung: Autonome Systeme sollen die Strassen der Zukunft sicherer machen.

Das mag für Autos zutreffen und für die meisten erwachsenen Menschen, die auf dem Velo oder zu Fuss unterwegs sind. Sie sind einigermassen berechenbar, richtungsträge und wissen, wie sie sich verhalten müssen, um sich nicht zu gefährden.

Vielleicht haben Sie im Zusammenhang autonomer Mobilität schon von den verschiedenen Varianten von Trolley-Problemen gehört. Philosophische Experimente, bei denen ein computergesteuertes Auto entscheiden muss, wen es bei einem nicht mehr vermeidbaren Unfall opfert: seine Insassen oder unbeteiligte Verkehrsteilnehmer. Vergessen Sie solche Gedankenspiele, sie sind nicht praxisrelevant.

Kinder als unberechenbare Vektoren

Sehr relevant dürften aber Kinder sein. Sie lassen sich nämlich kaum nur als Vektoren betrachten – das wissen alle, die jemals zum Schulbeginn oder Schulende durch ein Dorf gefahren sind.

Stellen Sie sich die folgende alltägliche Situation vor: Joël (5), Lea-Marihuana (6) und Maximilian-Jason (7) gehen auf dem Heimweg von der Schule eine Hauptstrasse entlang. Sie spielen vergnügt und haben einen Ball dabei. Das Trottoir ist schmal.

Wir fahren normalerweise nicht so neben Kindern vorbei, dass wir für jedes theoretisch mögliche Ereignis bremsen könnten. Lea-Marihuana stolpert zur Strasse hin, Joël fällt der Ball aus der Hand, und er will ihn sofort wieder aufheben, oder Maximilian-Jason schubst Joël. Ähnliche Gefahren gelten für Kinder auf dem Velo oder dem Trottinett. Das sind Szenarien, die wir als Eltern fürchten. Denn wir wissen: Auf solche Szenarien sind Autofahrer und Autofahrerinnen nicht vorbereitet. Es kommt zum Unfall.

Papas intuitive Risikoeinschätzung: Keiner vermag Menschen besser einzuschätzen als Menschen.

Doch das stimmt nicht ganz. Während wir am Steuer eines Fahrzeugs nicht alle Möglichkeiten antizipieren, so schätzen wir die Situation doch ein: Was machen die Kinder? Achten sie auf den Verkehr? Kann ich mit 50 vorbeifahren? Muss ich verlangsamen oder den Abstand zum Trottoir vergrössern? Wir «berechnen» intuitiv und in Sekundenschnelle ein Risiko, an das wir unser Fahrverhalten anpassen. Der Mensch schätzt das Verhalten anderer Menschen relativ verlässlich ein. Kein Computer wird das in den nächsten Jahren ähnlich gut können.

Deshalb glaube ich, Kinder werden eine harte Prüfung für das autonome Fahren. Man sagt zwar, der Computer müsse nicht perfekt sicher fahren, nur sicherer als der Mensch. Wenn der Computer insgesamt weniger Menschenleben gefährdet, dann wird der Regulator ihn bewilligen. Das ist im Prinzip richtig, der Utilitarismus lässt grüssen.

Was amerikanische Ingenieure übersehen

Wenn es um Kinder geht, haben wir aber hohe Ansprüche an die Sicherheit. Selbst wenn die allgemeine Unfallrate deutlich zurückgeht: Sollte sich zeigen, dass Kinder stärker gefährdet sind, wird die Gesellschaft keine volle Autonomie akzeptieren. Sprich: Level-5-Autonomie wird erst realisiert sein, wenn der Computer das Verhalten von Kindern im Strassenverkehr so gut einschätzen kann wie der Mensch. Das dürfte dauern.

In den USA fährt kein achtjähriges Kind allein mit dem Velo auf einer öffentlichen Strasse zur Schule.

Nun könnte man meinen, dass diesem Problem eine entsprechende Priorität zukommt. Doch möglicherweise ist das nicht der Fall und das liegt an geografisch kulturellen Unterschieden: Ein Grossteil der aktuell vielversprechenden autonomen Systeme (Tesla, Waymo, Cruise, Uber ATG) wird derzeit in den USA entwickelt, mit Blick auf den amerikanischen Markt. Nur: Kein Achtjähriges Kind fährt dort allein mit dem Velo auf einer öffentlichen Strasse zur Schule. Sie sitzen im Schulbus oder im Auto. Und sind sie doch einmal zu Fuss unterwegs, dann auf Trottoirs, die besser von der Strasse abgetrennt sind als bei uns. Es ist Aufgabe der Eltern, die Kinder vor dem Verkehr zu schützen, während wir in Europa unserer Brut mehr zutrauen und zumuten.

Kinder sind für amerikanische Ingenieure selbstfahrender Autos wohl nicht das dringendste Problem. Das könnte dazu führen, dass Eleanor östlich des Atlantiks noch eine Weile länger von ihrem verschwitzten Vater zum Bratschenunterricht kutschiert wird.

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