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Boxen: Seine Herrlichkeit, Tyson Fury

Tyson Fury bezwingt den Amerikaner Deontay Wilder in Las Vegas nach sieben Runden. Dem neuen Boxweltmeister im Schwergewicht mangelt es an ebenbürtigen Gegnern.

Tyson Fury ist neuer Boxweltmeister im Schwergewicht.

Tyson Fury ist neuer Boxweltmeister im Schwergewicht.

Steve Marcus / Reuters

Wie gewaltig muss die Siegesgewissheit eines Faustfechters beschaffen sein, der sich auf einem Thronsessel in die Arena hineintragen lässt – auf dem Haupt eine güldene Krone und um die Schultern einen pelzbesetzten Umhang. Und das, obwohl er bloss Herausforderer des Weltmeisters der Königsklasse (Version WBC) ist?

So tat es in der Nacht auf Sonntag im MGM Grand Casino zu Las Vegas der Brite Tyson Fury. Und als Deontay Wilder, der Champion himself, als Halloween-Schreckgespenst in Erscheinung trat, stieg in den 16 000 Anwesenden wie den Millionen Fernsehzuschauern die Ahnung auf, dass die Sache schon vor dem ersten Gong entschieden war.

Ungleiches Gefecht

Deontay Wilder, der amerikanische Titelhalter, konnte sich vor dem Schlaghagel des um fünf Zentimeter längeren, neunzehn Kilogramm schwereren und drei Jahre jüngeren Challengers denn auch nur sechs Runden lang behaupten. Nach 1:39 Minuten des siebenten Umgangs stoppte der Ringrichter das ungleiche Gefecht – im selben Augenblick kam aus Wilders Ecke das Handtuch geflogen.

Tyson Fury, alias «The Gypsy King», weil er einer Familie irischer Fahrender entstammt, liess sich als König im Schwergewicht feiern: gut drei Jahre nachdem er in Düsseldorf gegen Wladimir Klitschko seinen ersten Weltmeistertitel erobert hatte und fünfzehn Monate nachdem er in Los Angeles beim ersten Duell mit Deontay Wilder mit einem Unentschieden eher schlecht als recht belohnt worden war. Dass der neue Champ auch diesmal ohne Heimvorteil antrat, bestärkt die Annahme, dass ihm nur schwer beizukommen sein wird.

Denn erstens sind Herausforderer beidseits des Atlantiks eher dünn gesät und gilt zweitens die alte boxerische Weisheit, dass ein grösserer und schwererer Mann gegen einen kleineren und leichteren letztlich immer gewinnen wird. Wer schon kann es also mit Tyson Fury aufnehmen, mit seinen 31 Lenzen, seinen 2,06 Metern Körperlänge und 123 Kilo Kampfgewicht?

Schlechte Aussichten für Tyson Furys Landsmann Anthony Joshua, den Inhaber der Weltmeistergürtel der konkurrenzierenden Verbände (WBA, IBF und WBO), der zwar ein Jährchen jünger ist, aber acht Zentimeter kleiner und mindestens zwanzig Pfund leichter. Umso verlockender dafür die Möglichkeit, zwischen den beiden Briten ein Duell um die unumstrittene Herrschaft bei den schweren Männern zu inszenieren. Dafür liesse sich das Wembley-Stadion mit Leichtigkeit füllen, vermutlich mehr als nur einmal. 

Superfight noch dieses Jahr?

Wenig überraschend meldete sich das Management Anthony Joshuas denn schon kurz nach Furys Titelgewinn mit der Ankündigung, einen solchen Superfight «noch in diesem Jahr» steigen lassen zu wollen. Die Wahrscheinlichkeit, damit gigantische Summen scheffeln zu können, bestätigt das Wesen des Preisboxens aufs Schönste und schlägt Besorgnissen um Besitzstandwahrung ein Schnippchen. Take the money and run, wie es in Amerika schon immer hiess.

Dem Publikum bleibt einstweilen die Freude darüber, dass es einer wie Tyson Fury geschafft hat, aus dem Jammertal seines Daseins – Alkohol, Kokain und Selbstmordgedanken – herauszufinden. In ansteckend froher Laune schmetterte der neue Weltmeister im Ring von Las Vegas ein Liedlein in die Runde. Tausende von Fans, nicht allein solche aus der Heimat angereiste, sangen mit: brausender Widerhall der Lebenskraft eines Sports, dem Pessimisten mit unschöner Regelmässigkeit das endgültige Out prophezeien.