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Böses Erwachen – Wall Street minus 12 Prozent in einer Woche

Die laufende Woche endete mit hohen Verlusten an den weltweiten Aktienmärkten. In Asien und Europa ist der Ausverkauf auch am Freitag weitergegangen, an den US-Börsen er in den letzten Handelsminuten etwas abgeflaut.

Wertpapierhändler fragen sich - wann ist der Ausverkauf vorbei?

Wertpapierhändler fragen sich - wann ist der Ausverkauf vorbei?

John Angelillo / www.imago-images.de

So schnell und deutlich ist es an den Weltbörsen schon lange nicht mehr nach unten gegangen. Tatsächlich hat der S&P-500-Index an der Wall Street in gerade einmal fünf Handelstagen knapp 12% seines Wertes verloren, allein am Freitag noch einmal 0,8%. Weitere Kursverluste scheinen nicht ausgeschlossen zu sein. Besonders ausgeprägt waren die Einbussen bei den Energie-, Rohstoff- und Finanzwerten, aber auch zuvor gehypte Werte wie etwa die von Tesla sind kräftig unter die Räder gekommen.

Plötzlich: Von Rekordständen tief in die Korrektur

Diese fulminanten Kursrückschläge in kürzester Zeit mögen viele überrascht haben, lassen sich aber erklären. So waren die Anleger noch bis vor kurzem ziemlich blauäugig. Sie dachten, die Trends an den Börsen nach oben würden ewig anhalten und die Indizes eilten von Rekord zu Rekord. Solche Annahmen sind illusorisch, zumal die Kursavancen bis zu den jüngsten Hochs vor allem von Hoffnungen und steigender Bewertung getrieben waren, und nicht von der Gewinnentwicklung der Unternehmen. Die Erträge der Firmen stagnieren schon eine Weile, zumindest im Durchschnitt.

Kurz und deftig

Korrekturen im S&P-500-Index

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Tatsächlich waren die Aktien vor den massiven Rücksetzern ziemlich teuer geworden und ob sie inzwischen günstiger sind, hängt von der Gewinnentwicklung ab. Diesbezüglich sind nach den jüngsten Umsatz- und Gewinnwarnungen verschiedenster Firmen Zweifel aufgekommen. Diese haben sich in den vergangenen Tagen deutlich verstärkt, seit klar geworden ist, dass sich das Coronavirus weiter und schneller als erwartet ausbreitet. Unabhängig von der Tragweite der Entwicklung beeinträchtigen die Konsequenzen kurzfristig das Wirtschaftswachstum, weil die Lieferketten von Firmen gestört sind, Geschäfte geschlossen sind, weil die Reisebranche beeinträchtigt ist et cetera. Der Optimismus, es werde zu einer V-förmigen Erholung kommen, ist plötzlich gedämpft worden.

Der Kursrückgang an den Märkten hat bisher trotz der enormen Geschwindigkeit in geordnetem Rahmen stattgefunden. Allerdings machten Marktteilnehmer automatische Handelsprogramme, Indexfonds und geringe Liquidität für die schnellen, starken Kurseinbussen ohne grosse Berücksichtigung der Qualität der verkauften Papiere verantwortlich.

Coronavirus zieht in Europa Kreise

Das Coronavirus hat die Investoren auch in Europa im Griff. In der Schweiz hat der Bundesrat inzwischen alle Grossveranstaltungen mit über 1000 Besuchern untersagt. Die Weltgesundheitsorganisation hatte bereits am Donnerstag gewarnt, der neue Erreger habe «pandemisches Potenzial» und könnte ohne die richtigen Massnahmen «ausser Kontrolle geraten». Kaum zur Beruhigung der Lage hat am Freitag beigetragen, dass sie das Risiko einer weltweiten Verbreitung des Virus von «hoch» auf «sehr hoch» heraufgestuft hat.

So hat der Swiss-Market-Index (SMI) am Freitag 3,67% auf 9831 Punkte verloren. Seit dem Allzeithoch vom vorletzten Donnerstag hat er knapp 13% seines Wertes verloren. Skeptiker sind mit solchen Aussagen allerdings nicht sonderlich glücklich, da sie sie einen Teil davon als fiktiv bezeichnen. Die Kurse seien vor dem jüngsten Rücksetzer so stark gestiegen, weil die Zentralbanken geldpolitisch zu locker seien, und nicht etwa, weil die Unternehmensgewinne entsprechend gestiegen wären. 

Hohe Volatilität verteuert Absicherungsstrategien

Der als «Angstbarometer» bekannte Volatilitätsindex VSMI hat sich innerhalb weniger Tage auf mehr als 33 Punkte beinahe verdreifacht. Auch hier gilt - er hatte noch bis vor wenigen Tagen auf sehr tiefem Niveau verharrt, weil die Anleger nicht mehr wussten, was Risiko eigentlich ist. Der deutliche Anstieg hat zur Konsequenz, dass die Versicherung gegen weitere Kursrückschläge inzwischen ziemlich teuer geworden ist.

Auch der deutsche Leitindex Dax schloss am Freitag 3,9% im Minus bei 11 890 Zählern. Der EuroStoxx50 verlor 3,9% auf 3323 Punkte. Seit Wochenauftakt haben beide Barometer gut 11 beziehungsweise 12% ihrer vorhergehenden Notierungen. Der Franken wiederum geriet als «sicherer Hafen» unter Aufwertungsdruck. Der Euro dagegen hat sich in den vergangenen Stunden etwas von seiner Schwäche erholt, weil manche Marktteilnehmer stark auf Zinssenkungen in den USA rechnen.