Switzerland

Boris Collardi – eine Übergangsfigur des Schweizer Private Banking

Die Finanzmarktaufsicht Finma übt heftige Kritik am Geschäftsgebaren von Julius Bär. Boris Collardi war ein visionärer Chef der Bank, doch er war mit zu viel Tempo unterwegs. Das dürfte auch Pictet aufschrecken.

Boris Collardi (rechts) war mit Julius Bär oft schneller unterwegs als die Konkurrenten, dabei unterliefen ihm aber auch Fehler.

Boris Collardi (rechts) war mit Julius Bär oft schneller unterwegs als die Konkurrenten, dabei unterliefen ihm aber auch Fehler. 

Ennio Leanza / Keystone

Das Vermögensverwaltungsgeschäft der Schweizer Banken hat sich in den vergangenen zehn Jahren gewandelt, und wohl niemand steht dafür so symbolhaft wie der ehemalige Julius-Bär-Chef Boris Collardi. Seine Figur versinnbildlicht gewisse Irrwege, welche die Finanzinstitute seit 2009 gegangen sind und die Julius Bär nun eine scharfe Rüge der Finanzmarktaufsicht Finma eingetragen haben; gleichzeitig hatte Collardis Wirken immer etwas Visionäres.

Hauptaktivität der meisten Privatbanken war bis Ende des vergangenen Jahrzehnts die Betreuung europäischer Kunden von der Schweiz aus. Bei den Vermögen dieser Klienten handelte es sich vielfach um Schwarzgeld. Mit dem 2008 ausgebrochenen US-Steuerstreit erlitt dieses Geschäftsmodell jedoch Schiffbruch.

Die Banken mussten sich neuen Märkten zuwenden, und sie fanden diese in Lateinamerika und Südostasien. Dabei war Collardi mit seiner Bank stets schneller unterwegs als die Konkurrenten. Mit der Übernahme der internationalen Vermögensverwaltung von Bank of America 2012 spannte Julius Bär ein weltweites Netz. Gleichzeitig forcierte das Institut unter Asienkenner Collardi in Südostasien das Geschäft.

Heute ist Julius Bär ein globaler Vermögensverwalter und stark genug, um die wirtschaftlichen Herausforderungen zu meistern. Das ist Collardis Verdienst und weist ihn als Trendsetter aus.

Allerdings schlug der Julius-Bär-Chef zwischen 2009 und 2017 ein zu hohes Tempo an. Und so unterliefen ihm Fehler, die auch bei anderen Schweizer Vermögensverwaltern passierten. Nur scheinen die Unterlassungen bei Julius Bär verhältnismässig gravierend zu sein. Collardi interessierte sich nie gross für Detailfragen; er ist der Mann der grossen Würfe. Wenn Banken jedoch in Schwellenländern wachsen wollen, müssen sie Vorsicht walten lassen. Das Risiko, in Geldwäschereifälle verwickelt zu werden, ist beträchtlich – und die Führung von Julius Bär ging mit dieser Gefahr zu locker um.

Das Urteil der Finma fällt denn auch scharf aus: Julius Bär pflegte eine mangelhafte Compliance- und Risikokultur. Beispielsweise wollte man nicht wissen, wie gewisse venezolanische Kunden zu ihren auffällig hohen Vermögen gekommen waren. Die Firmenleitung leitete zwar Korrekturen ein, es fehlte dabei aber an der nötigen Entschlossenheit. Julius Bär ähnelte unter Collardi eben einer Maschine, die eine ständige Energiezufuhr benötigte, um rundzulaufen.

An die alten Zeiten des Private Banking erinnern auch die Usanzen der Salärpolitik. Der ehemalige Julius-Bär-Banker Matthias Krull erhielt einen Sonderbonus als «Top-Performer», obwohl das Institut gewisse seiner venezolanischen Kunden der Meldestelle für Geldwäscherei bekanntgemacht hatte. Auch das hat eine gewisse Tradition bei Schweizer Banken: Die besten Pferde im Stall standen auch bei anderen Instituten unter Schutz, obgleich ihre lukrativen Geschäfte das Management eigentlich hätten alarmieren müssen. In den USA wurde Krull übrigens zu einer Gefängnisstrafe von zehn Jahren verurteilt.

In diesem Sinn ist Collardi eine Übergangsfigur. Zwar leitete er eine Transformation ein, teilweise blieb er aber der Tradition verhaftet. Nun hat ihn die Vergangenheit eingeholt. Das wird auch den Partnern des Genfer Vermögensverwalters Pictet zu denken geben. Um ihrer vornehmen Firma mehr Dynamik zu verleihen, haben sie Collardi 2018 in ihren Kreis aufgenommen. Nun bringt sie ihr Kollege ins Gerede, und dabei scheuen die Genfer Bankiers nichts mehr als das grelle Licht der Öffentlichkeit.