Switzerland

Bob-Rookie Michael Vogt vor den WM-Rennen: wenn es besser ist, keinen Plan zu haben

Mit nur 22 Jahren nähert sich der Schwyzer Michael Vogt der Weltspitze. Die WM-Bahn in Altenberg müsste ihm liegen. Denn Vogt sagt: «Ich mag es, wenn es schwierig wird.»

Michael Vogt (rechts) ist das hoffnungsvollste Bobtalent der Schweiz.

Michael Vogt (rechts) ist das hoffnungsvollste Bobtalent der Schweiz.

Urs Flüeler / Keystone

Was braucht es, um ein guter Bobfahrer zu sein? Ivo Rüegg, zurückgetretener Weltmeister im Zweier- und im Viererbob, muss nicht lange überlegen, er sagt: «Gefühl im Füdle.» Und dass Michael Vogt dieses Gefühl im Füdle haben könnte, hatte Rüegg sofort gemerkt, damals vor vier Jahren, als er den Teenager zu ersten Bobfahrten nach St. Moritz einlud. In der Regel sind Mitfahrer im Bob am Anfang nur Passagiere, ohne eigentliche Funktion. An den Lenkseilen sitzt ein Profi, auf der Bremse ebenfalls. Doch Rüegg spürte, dass dem knapp volljährigen Vogt ohne Verzug alles zuzutrauen ist, sogar das Lenken – und Vogt kam gerade recht, der Schweizer Bobsport schlitterte in eine Krise.

Heute ist Michael Vogt, 22, gelernter Polymechaniker aus Wangen am oberen Zürichsee, das hoffnungsvollste Bobtalent der Schweiz. Im März, an seinen ersten Weltmeisterschaften, steuerte er den grossen Schlitten auf der Hochgeschwindigkeitsbahn in Whistler auf den verblüffenden 5. Rang. In dieser Saison erreichte er als Dritter in La Plagne seinen ersten Podestplatz im Weltcup. Die Gesamtwertung im Zweierbob schloss er als Vierter und bester Nachwuchsfahrer ab. Jene, die sich vor ihm klassierten, sind mindestens viereinhalb Jahre älter als er. Und so ruht ein rechter Teil der Schweizer Erwartungen auf Vogt, wenn in den kommenden Tagen im ostdeutschen Altenberg die nächsten WM-Rennen stattfinden.

Süchtig nach Adrenalin

Die Bahn in Altenberg ist in der Szene berüchtigt, sie gilt als eine der schwierigsten der Welt. Für ausländische Fahrer ist sie noch etwas schwieriger, weil die deutschen Teams die Konkurrenz selten auf ihren Strecken trainieren lassen. Michael Vogt lässt diese komplizierte Situation kalt. «Ich mag es, wenn es schwierig wird», sagt er, «bei mir muss die Post abgehen.» Er brauche das im Eiskanal, das Einwirken der Fliehkräfte auf seinen Körper. Es gebe für ihn nichts Mühsameres, als wenn er in einfachen, langgezogenen Kurven die Geduld zu bewahren habe, da werde ihm fast langweilig. Früher holte sich Vogt die Adrenalinkicks mit Saltos auf der Skipiste oder am Barren, heute lässt er die Schlitten laufen. An den WM in Whistler hatte er mit 156,9 km/h einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt. Und solche Tempi erreicht eben nur, wer dieses Gefühl im Füdle hat.

Um es vornehmer ausdrücken: Michael Vogt ist ein Boblenker, der stark seinen Instinkten folgt. Welche Linie er in der Bahn wählt, entscheidet er meist kurzfristig und innert Sekundenbruchteilen. Vogt sagt: «Oft ist es besser, nicht stur an einem Plan festzuhalten. So kannst du leichter auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren.» Vogt versucht, mit Kreativität die Linienwahl zu entwickeln. Er nimmt die Vibrationen seiner Schlitten auf und probiert aus, immer wieder – und wenn ein Sturz dazwischenkommt, macht er einfach weiter. «Nach einem Sturz bringt es nichts, allzu lange zu warten, bis du wieder an den Start gehst», sagt Vogt, «denn dann beginnst du zu studieren, und das macht dich langsamer.»

So anders als die Chinesen

Experten sagen, Vogts Stärke lasse sich gut erklären, wenn man ihn mit anderen Neulingen im Bob-Weltcup vergleiche. Er sei so anders als die Chinesen, die praktisch ohne Selbstbestimmung aufgewachsen seien und ganz verkrampft an ihren Lenkseilen hingen. Vor der Saison hatte es Zweifel gegeben, ob Vogt die Unbeschwertheit würde behalten können. Denn im Sommer hatte er den Nationaltrainer Wolfgang Stampfer verloren, mit dem er sich gut verstanden hatte. Doch Stampfers Nachfolger Petr Ramseidl ist vom Charakter her ein ähnlicher Trainer. Auch er lässt Vogt jene Freiheiten, die er für die Entwicklung seines Fahrstils benötigt.

Die Lockerheit ist überhaupt etwas, was Michael Vogt auszeichnet. Sein Anschieber Oliver Gyger spricht von einem «liebenswürdigen Teamplayer», der seinen Mitstreitern viel Vertrauen entgegenbringe und der dafür sorge, dass der Spass innerhalb der Mannschaft nicht zu kurz komme. Mit seinem Bart und dem kräftigen Händedruck wirkt Vogt älter als 22, er hätte die Erscheinung eines Alphatiers. Aber Gyger sagt, Vogt halte die Hierarchien im Team flach. Und er bringe es fast nicht übers Herz, wenn er einem Anschieber mitteilen müsse, dass es für ihn keinen Platz im Schlitten habe. Damit ist Vogt die Antithese zu jenen Schweizer Bobfahrern, deren Erfolge auch auf einer gehörigen Portion Verbissenheit und Egoismus gründeten, zu Erich Schärer, Gustav Weder oder Beat Hefti.

Noch ist Vogt ein gutes Stück von den Meriten jener Athleten entfernt. Doch Chancen wird er genug erhalten. Wenn es in Altenberg nicht klappt, dann vielleicht in Lake Placid im nächsten Jahr. Die WM-Bahn dort gilt als noch schwieriger.