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BLICK auf die USA: US-Korrespondent Nicola Imfeld über einen langen Wahlkampf und warum Trump abgewählt wird: Joe Biden wird gewinnen!

Endlich ist es soweit: In drei Tagen wählen die Amerikaner den US-Präsidenten für die kommenden vier Jahre. Ein langer und vor allem nervenaufreibender Wahlkampf neigt sich dem Ende entgegen. Donald Trump (73) hat in seiner Amtszeit alles seinem persönlichen Erfolg untergeordnet. Mit Joe Biden (77) auf der Gegenseite haben die Demokraten einen altbekannten Kandidaten am Start, der eigentlich nie und nimmer hätte nominiert werden sollen. Und trotzdem stehen die Linken, anders als 2016 bei Hillary Clinton (73), fast geschlossen hinter ihm. Alle vereint in ihrer Abscheu für Trumps Amerika.

Ich bin in diesem Wahlkampf für die Blick-Gruppe durch die verschiedensten Regionen der USA gereist. Egal ob im Nordosten, im Mittleren Westen, in den Südstaaten oder an den Küsten: Überall habe ich aufrichtige Menschen kennengelernt, die sich für das Wohlergehen ihres Landes einsetzen. Sie alle haben Sorgen, oft sind es gar die Gleichen. Nur in der Ansicht, wie man das Land vorwärtsbringen soll, unterscheiden sich die Amerikaner.

Die Trump-Anhänger sind in den allerwenigsten Fällen Knallköpfe oder Rechtsextremisten, wie sie in den Mainstream-Medien gerne dargestellt werden. Und kaum ein Biden-Supporter will einen sozialistischen oder gar kommunistischen Staat, wie es die konservativen Medienkonzerne in den USA verkaufen. Anstatt zuzuhören hat man zu oft geschrien, einanderer beleidigt oder ist gar aus der Nachbarschaft weggezogen, nur weil die Leute im Quartier eine andere Ansicht vertreten.

Nicht die Getäuschten sind das Problem, sondern die Täuscher

Der Hauptschuldige ist Donald Trump – der Spalter Amerikas. Einerseits mit seiner menschenfeindlichen Politik gegen Einwanderer und Minderheiten wie die LGBTQ-Community. Dabei ging fast unter, dass Trump auch Erfolge feiern konnte: Das härtere Vorgehen gegen China war genauso nötig wie ein neuer Ansatz in der Nahost-Politik und in Nordkorea – obwohl Letzteres weder genützt noch geschadet hat.

Andererseits und überwiegend: Trumps Lügen und Diffamierungen. Dass seine Anhänger die offenkundigen Falschaussagen auch glauben, ist Trumps kalkulierter Rhetorik geschuldet. Er hat «Fake News» zwar nicht erfunden, den Begriff aber wieder populär gemacht. Trump beleidigte die freie Presse täglich, hat Journalisten wiederholt als «Feinde des Volkes» bezeichnet. So konnte er eine Welt mit eigenen Fakten schaffen – eine Welt fernab der Wissenschaft. Trumps Beraterin Kellyanne Conway bezeichnete diese einmal als «alternative Fakten».

Die Trump-Anhänger aber sind in Schutz zu nehmen. Würde ich meinen politisch konservativen Vater zwei Wochen mit einem auf den Sender Fox News programmierten Fernsehgerät in ein Zimmer einsperren, würde er danach wohl auch in Trumps Welt von «alternativen Fakten» leben. Nicht die Getäuschten sind das Problem, sondern die Täuscher. Und das sind Trump, seine Propaganda-Kollegen in der Regierung und die angeblichen Journalisten bei Fox News.

Darum wird Biden gewinnen

Jetzt kommt am Dienstag endlich der Tag der Abrechnung: Nach dem strategisch idiotischen Impeachment der Demokraten Anfang des Jahres war Trump noch in der Pole-Position. Doch die Coronavirus-Pandemie und die entstandene Wirtschaftskrise hat alles verändert. Nach dem langen Wahlkampf und hunderten Gesprächen kann ich mich heute überzeugt festlegen: Joe Biden wird am Dienstag zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden.

Die eindeutigen Umfragen, die nach dem Desaster von 2016 reformiert wurden, sind das eine. Das andere sind aber die Eindrücke vor Ort. Auf Reisen habe ich zahlreiche Konservative getroffen, die 2016 entweder gar nicht oder für Trump abgestimmt haben. Jetzt aber wählen sie Joe Biden. Umgekehrt habe ich in diesen drei Jahren keinen einzigen (!) Demokraten kennengelernt, der jetzt plötzlich Trump wählen wird. Hinzu kommt: Biden ist selbst bei Trumps treusten Fans nicht einmal im Ansatz so verhasst wie Hillary Clinton vor vier Jahren. Ob Sexismus oder nicht: Joe wirkt auf die Amerikaner sympathischer. Derweil ist Donald langweiliger geworden, sein Glanz des Aussenseiters etwas verblasst.

Die wichtigste Aufgabe von Biden

Mit der Wahl von Biden am Dienstag wird Amerika einen kleinen Schritt in die richtige Richtung machen. Der 78-Jährige muss zuerst den Beweis antreten, dass er nicht nur präsidial auftreten, sondern auch tatsächlich etwas bewirken kann. Denn die misslungene Politik der Demokraten vor der Wahl 2016 hat erst dazu geführt, dass ein Mann wie Trump überhaupt erst gewählt werden konnte.

Wer also denkt, dass am Mittwoch alles wieder zur Normalität übergeht, täuscht sich gewaltig. Trump wird kaum den guten Verlierer spielen, letztlich aber früher oder später seine Niederlage eingestehen müssen. Doch auch dann verschwindet das tiefgründige Problem nicht: Mit Trump verlieren seine Anhänger zwar ihr Idol, der Hass auf die Elite und die Enttäuschung über die Politik in Washington wird vorerst bleiben.

Die wichtigste Aufgabe von Joe Biden ist deshalb weder die Bewältigung der Corona-Pandemie, die Suche nach Lösungen gegen den Klimawandel, die Beziehung zu China oder den systematischen Rassismus zu beenden. Zuallererst muss er das tief gespaltene Land und die zwei Parteien wieder vereinen. Nur so kann Amerika national, und international, erfolgreich und führend sein.

Die Schweiz und die ganze westliche Welt drückt den Vereinigten Staaten die Daumen, mit denen wir gemeinsame Werte wie Demokratie und Selbstbestimmung teilen. Wir brauchen ein geeintes Amerika, um die grossen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Ich persönlich wünsche schon jetzt: Good luck, Joe!

Imfelds US-Wahlcountdown

Am 3. November 2020 finden in den USA die Präsidentschaftswahlen statt. Für die Demokraten wird aller Voraussicht nach Joe Biden (77) Donald Trump (73) herausfordern. Was hat sich in der Ära Trump seit 2016 verändert und vor welchen Herausforderungen steht das Land heute? BLICK geht in einer losen Serie den grossen und prägenden Themen nach. Dafür reist unser USA-Korrespondent Nicola Imfeld, wo immer es die Corona-Pandemie zulässt, durch verschiedene Bundesstaaten Amerikas und macht sich ein Bild vor Ort.

Bereits erschienen:

BLICK im Rust Belt: Trump hält Wahlversprechen nicht

BLICK in West Virginia – der Hotspot der Opioid-Epidemie: 400'000 sind tot, Gary hat überlebt

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