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BLICK auf die USA: US-Korrespondent Nicola Imfeld über die Proteste nach dem Mord an George Floyd (†46): Amerika wird wieder versagen

Es war wie im Kriegsgebiet in Minneapolis. Der Nachthimmel erhellt: von lodernden Bränden. Der Boden übersät: mit Gummigeschosse, Feuerwerkskörper und Scherben von eingeschlagenen Fenstern. Die Augen brennend: von Tränengas und schwarzem Rauch. Jeder Atemzug fiel in diesen Nächten schwer. Was am Tag als friedliche Demonstration begann, artete nach Sonnenuntergang zu exzessiver Gewalt aus.

Zurück in Kalifornien, San Diego: 5000 Menschen, versammelt am legendären Strand Moonlight Beach. Sie trauern, sie beten, sie schreien. Alles friedlich. Ohne Zerstörung. Das Bild der Hunderten von Surfern, die mit ihren Brettern auf die Knie gehen und für 8 Minuten und 46 Sekunden schweigen – exakt so lange wie Polizist Derek Chauvin (48) sein Knie auf den Hals von George Floyd (†46) drückte – ist stärker als jegliche Art von Gewalt.

Es sind die zwei Seiten der Proteste, die bereits seit zehn Tagen andauern: Die grosse Mehrheit erhebt ihre Stimme – laut, wütend, aber friedlich. Die wenigen Krawallmacher – darunter Links- und Rechtsextreme und auch empörte Protestler jeglicher Herkunft – setzen ganze Städte in Brand, plündern einen Laden nach dem anderen. Sie sind es, zusammen mit dem Mann mit orangem Teint im Weissen Haus, die ihr Land diese Tage weiter spalten.

Kurz vereint mit Floyd, dann wieder gespalten

Eigentlich war Amerika sich für einmal einig: Der dunkelhäutige George Floyd (†46) fiel einem brutalen Mord zum Opfer. Begangen durch den weissen Polizisten Derek Chauvin (48) und seinen drei Komplizen in Uniform, die stillschweigend daneben standen. Linke, Rechte, Liberale, Konservative: vereint in ihrer Empörung über die Polizeigewalt.

Doch nach dem ersten Schock kamen die Krawalle. Und damit war es mit der kurzen Einigkeit auch wieder vorbei. Während linke Kreise zuerst zurückhaltend reagierten und die Ausschreitungen nicht konsequent verurteilen wollten, schossen sich die Konservativen darauf ein. Die einen argumentieren, dass es sich hier lediglich um materielle Dinge und nicht um ein Menschenleben geht, und die Wut doch verständlich sei. Die anderen wiederum weisen daraufhin, dass an Geschäften auch Schicksale hängen und jegliche Krawallmacher konsequent verfolgt werden müssten – am besten mithilfe des Militärs.

Die Fakten über Rassimus in den USA

Statt über die Polizeigewalt gegen Schwarze, dem Ursprung des Aufschreis, zu diskutieren, wird derzeit viel mehr über die Ausschreitungen gestritten. Die Debatte zeigt auf, dass man sich über den Hauptpunkt ohnehin nie einig war. Während die Demokraten anprangern, dass die Polizeigewalt gegen Dunkelhäutige System hat, halten die Republikaner und ihre Verbündete mit dem Argument dagegen, dass es in jeder Organisation einige «schwarze Schafe» gebe.

Was wirklich stimmt, ist nur schwierig zu belegen. Klar scheint: Es gibt systematischen Rassismus in den USA, wie dutzende Studien belegen. Weniger eindeutig wird es allerdings, wenn es spezifisch um die Polizeigewalt gegen Schwarze geht. Eine Statistik von 2019 zeigte, dass Dunkelhäutige zweieinhalb Mal mehr von Polizisten getötet wurden, als Weisse. Das Problem bei solchen Daten ist, dass mehrere Variablen nicht berücksichtigt werden. Gegner monieren, dass es darauf ankomme, welche ethnische Gruppe mehr und vor allem auch schwerere Straftaten begehe. So kam auch der renommierte Harvard-Ökonom Roland Fryer Jr. nach einer Untersuchung zum Schluss, dass es «keine Hinweise auf Rassendiskriminierung bei Schiessereien» gebe.

Die Schwarzen kämpfen in Amerika schon seit Jahrhunderten gegen den Rassismus an. Ob dieser heute noch real ist, kann ein Weisser unmöglich beurteilen. Zahlen und Statistiken sind das Eine, Erlebnisberichte von Betroffenen das Andere. In Minneapolis hörte man zahlreiche Schilderungen von Schikane und Polizeigewalt. Etwas, über das sich Weisse viel weniger beklagen. «George Floyds Tod hat mir gezeigt, dass ich der Nächste sein kann. Als Schwarzer fürchte ich in ­Amerika jeden Tag um mein ­Leben», sagte etwa der 22-jährige Amin zu BLICK.

Die jüngere Geschichte zeigt: Es wird nichts passieren

Ein Wandel kommt, wenn das Land einsieht, dass es ein Problem hat. Doch das haben die Amerikaner noch nicht. Selbst jetzt, nach dem brutalen Mord an George Floyd, unterstützen laut einer aktuellen Befragung nur eine knappe Mehrheit von 51 Prozent die Demonstrationen. Wenn die Berichterstattung über den Fall in den kommenden Tagen abebbt, dürfte dasselbe mit der Unterstützung für die Anliegen der Protestler passieren.

Die jüngere Geschichte zeigt, dass nach dem Aufschrei in Amerika das Leben nach einigen Tagen oder Wochen oft weitergeht, als wäre nie etwas gewesen. So war es 2014, als die internationale Bewegung «Black Lives Matter» in den USA Hunderttausende auf die Strassen brachte. Dies nach den brutalen Tötungen durch Polizisten an Michael Brown (†18) und Eric Garner (†43). Dasselbe ist auch bei Amokläufen und anderen Schusswaffen-Dramas zu beobachten: Immer wieder grosse Empörung, gefolgt von Forderungen nach Reformen. Doch dann wiederum versandet die Thematik in den politischen Mühlen Washingtons.

Vorzeichen sind mit Trump schlecht

Warum sollte es diesmal anders sein? Die Vorzeichen sind nicht gut: Die Krawalle haben viel Goodwill verspielt und mit Donald Trump ist ein US-Präsident an der Macht, der systematischen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze vehement bestreitet. Trump hat am Montag gezeigt, was er selbst von friedlichen Demonstrationen hält. Er liess die Protestler vor dem Weissen Haus mit Gummigeschossen und Tränengas von der Polizei, Militär und seinem Secret Service vertreiben. Nur damit er in die gegenüberliegende Kirche spazieren und eine Bibel in die Kameras halten konnte.

Realität ist, dass es in Amerika schon bald wieder ruhiger werden dürfte. Bis das nächste Video über soziale Netzwerke an die Öffentlichkeit gelangt, die eine brutale Tötung eines weissen Polizisten an einem Afroamerikaner zeigt. Dann geht es wieder von vorne los. Ein Teufelskreis, ohne unmittelbare Aussicht auf Entrinnen.

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