Switzerland

«Bis auf die Unterhose überwacht»: Wie Unternehmen im Home-Office Daten über ihre Mitarbeiter sammeln

Programme, die Angestellte überwachen und ihre Leistung messen, sind seit Beginn der Corona-Krise beliebter geworden. Auch Schweizer Firmen nutzen sie. Nun haben Forscher der Universität St. Gallen untersucht, wie Mitarbeiter auf die digitale Überwachung reagieren. 

Die Arbeit am Computer lässt sich ziemlich detailliert überwachen. Ist das nun «Big Brother» oder eine Lernchance?

Die Arbeit am Computer lässt sich ziemlich detailliert überwachen. Ist das nun «Big Brother» oder eine Lernchance?

Giorgia Müller / NZZ

In der Corona-Krise mussten viele Angestellte plötzlich zu Hause arbeiten. Daran haben nun einige Firmen Gefallen gefunden, sie wollen in Zukunft vermehrt auf Home-Office setzen. Für Vorgesetzte hat das Konsequenzen. So sehen sie beispielsweise nicht mehr, ob ihre Mitarbeiter gerade am Computer sitzen oder lieber mit den Kollegen Kaffee trinken. Viele scheinen deshalb bereits nach Alternativen zu suchen: Die Nachfrage nach Software für «Mitarbeiter-Tracking» ist bei verschiedenen Herstellern bis zu dreimal höher als vor der Corona-Krise, wie die «Süddeutsche Zeitung» und die «New York Times» berichtet haben.

Hubstaff, Activtrak oder Time Doctor sind Namen solcher Tracking-Anbieter, deren Programme von Kritikern als «Spy-Software» bezeichnet werden. Die Hersteller selbst meiden das Wort «Überwachung» und versprechen stattdessen, die Leistung von Mitarbeitern zu messen und beispielsweise in einem «Produktivitäts-Score» abzubilden. Dafür zeichnen sie mitunter jede Bewegung des Mauszeigers auf dem Bildschirm und jeden Tastaturanschlag auf. Oder sie erlauben es einer Chefin, zu sehen, welche Websites ihre Mitarbeiter wie lange aufrufen.

Überwachte E-Mails und Bewegungs-Tracking

In der Schweiz können Chefs diese Programme nicht einfach nutzen, wie sie wollen. In einer Verordnung zum Arbeitsgesetz heisst es: «Überwachungs- und Kontrollsysteme, die das Verhalten der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz überwachen sollen, dürfen nicht eingesetzt werden.» Ausnahmen sind jedoch möglich, wenn es Hinweise auf Missbrauch durch die Mitarbeiter gibt – oder wenn das Unternehmen die Technologien aus anderen Gründen nutzt. 

Die Arbeitsinspektorate von Wirtschaftskantonen wie Bern, Zürich oder Basel-Stadt schreiben auf Anfrage, sie hätten bisher keine Beschwerden wegen virtueller Überwachung am Arbeitsplatz erhalten. Wer sich Sorgen über firmeninterne Überwachung macht, kann sich jedoch auch an den Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (Edöb) wenden. Dort heisst es, in der Schweiz werde zwar Software angewendet, welche die Produktivität von Mitarbeitenden messe, der Edöb habe dazu jedoch bisher keine Abklärungen vorgenommen. Die meisten Anfragen beträfen die Überwachung von E-Mails, die Beobachtung des Surfverhaltens oder das Tracken der Bewegung im Firmenfahrzeug oder per Smartphone. Dies sind Überwachungsformen, die auch in den «Spy-Softwares» enthalten sein können.

Der Edöb-Kommunikationschef Hugo Wyler betont, Arbeitgeber müssten bei der Überwachung grundlegende Prinzipien einhalten und beispielsweise transparent machen, welche Daten sie erfassten. Zudem sollen sie nicht unnötig Daten sammeln und aggregieren. Die Bearbeitung müsse «verhältnismässig» sein. Weiter stellt Wyler klar: «Eine dauerhafte Verhaltensüberwachung ist nicht erlaubt.»

Oft wird die Leistung des ganzen Teams gemessen

Arbeitsforscher der Universität St. Gallen haben im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms zu Big Data (NFP 75) mehrere Firmen untersucht, die Datafizierungstechnologien anwenden. Dabei handelt es sich laut Forschungsassistent Simon Schafheitle nicht ausschliesslich um klassische «Spy-Software». Trotzdem erlauben es die Programme beispielsweise, Bewegungen am Bildschirm aufzuzeichnen. 

«Wir haben mit Mitarbeitern gesprochen, die bis auf die Unterhose überwacht werden», sagt Schafheitle und ergänzt: «Vor kurzem wären mir noch die Haare zu Berge gestanden, wenn ich gewusst hätte, wie viele detaillierte Informationen da über Angestellte erhoben werden.» Es sei jedoch wichtig zu beachten, dass die Unternehmen die Technologien primär nutzen würden, um Prozesse zu optimieren. So könne ein Arbeitgeber anhand der Bewegung des Mauszeigers herausfinden, ob eine Tätigkeit automatisiert werden kann. Oft werden die Daten daher aggregiert und nicht auf individueller Ebene ausgewertet. Leistungen einzelner Mitarbeiter oder eines ganzen Teams können die Programme jedoch auch messen – quasi als Nebeneffekt. 

Weil die Überwachung bei einigen Firmen so weit geht, wollten die Forscher wissen, welchen Einfluss das Datensammeln auf das Vertrauen von Mitarbeitern hat. Sie haben beobachtet, dass Angestellte zweier Unternehmen, die vergleichbare Technologien anwenden, völlig unterschiedlich darauf reagieren. «Bei einer Firma finden es die Leute toll, bei der anderen schrecklich, obwohl der Eingriff in die Privatsphäre gleich weit geht», erklärt Schafheitle.

Der Algorithmus als «Chef aus Fleisch und Blut»

Antoinette Weibel, die das St. Galler Forschungsprojekt leitet, schliesst daraus, dass es nicht nur zentral ist, dass Mitarbeiter wissen, welche Daten gesammelt werden. Vielmehr sollten sie früh einbezogen werden und beispielsweise an der Auswertung der Daten teilhaben können. «Das gibt meist den Ausschlag bei der Frage, ob man die Technologie als eine Art Big Brother wahrnimmt und sich ständig überwacht fühlt oder darin eine Lernchance oder eine Hilfestellung sieht.» Auch ein kritischer Umgang der Vorgesetzten mit den Algorithmen sei zentral.

Zur Verbreitung von Technologien, die Daten über Mitarbeiter sammeln, ist in der Schweiz wenig bekannt. Die St. Galler Forscher fanden in einer ersten Umfrage bei rund 160 grossen Schweizer Unternehmen heraus, dass 37 Prozent der Firmen verschiedene Datafizierungstechnologien einsetzen, um Leistungen zu beurteilen. 18 Prozent nutzen sie, um zu sehen, ob sich ihre Mitarbeiter an die Regeln halten.

Dies war jedoch vor der Corona-Krise. Daher wollen Weibel und Schafheitle bereits im Juni eine zweite Umfrage durchführen. Sie rechnen damit, dass der Anteil der Unternehmen, welche die Leistung ihrer Mitarbeiter messen oder das Einhalten der Arbeitszeiten im Home-Office kontrollieren wollen, in den nächsten Monaten weiter steigen wird. 

Football news:

Immobile-Lazio-Fans: manche haben offenbar eine zu kurze Erinnerung. Lassen Sie meine Familie in Ruhe
Holanda wurde aus einem Nachtclub in Norwegen vertrieben
Zinedine zidane: Real ist Real. Der wichtigste Verein der Geschichte
Nürnberg blieb durch ein Wunder in der zweiten Bundesliga. In der 96. Minute schlugen beide Mannschaften zu
Griezmann wird die letzten beiden Barça-Spiele in La Liga verpassen. Er ist für mindestens drei Wochen ausgeschieden
Inter Brozovic wurde den Führerschein entzogen. Er fuhr betrunken einen Rolls-Royce
Der Ex-Nationalspieler von Australien und Crystal Palace hat Seine Karriere beendet