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Biographie zu Leni Riefenstahl: Hexe und Teufel

Leni Riefenstahl war ein Liebling von Adolf Hitler. Eine neue Biografie zeigt: Als Künstlerin wird die Regisseurin überschätzt – als Machtmensch war sie jedoch so brillant wie brutal.

Die Bewunderung war gegenseitig: Hitler und Riefenstahl im Jahr 1934.

Die Bewunderung war gegenseitig: Hitler und Riefenstahl im Jahr 1934.

Foto: Ullstein Bild

Ein Speerwerfer im Lendenschurz. Eine Nackte, die den Ring kreisen lässt. Ein muskulöser Ruderer, von unten betrachtet. Eine Blondine, die lächelt.

Ein Skandal wars 1998, als Rammstein den Song «Stripped» von Depeche Mode coverten. Denn der Videoclip dazu war eine Collage des Olympiafilms von Leni Riefenstahl.

Ob Riefenstahl, die damals noch lebte, der Kurzfilm gefallen hat? Falls sie ihn gesehen hat: sehr gut möglich. Denn imposanter war ihr Material nie als in diesem Clip, mit dem schweren Metalsound als Klangteppich.

Riefenstahls Originalfilme wirken heute über weite Strecken monoton und einfältig. Die Propagandawerke mit den ewigen Paraden, Reden und Uniformen scheinen heute vor allem eins vor Augen zu führen: dass der Faschismus nicht nur eine grausame, sondern auch eine tief stumpfsinnige Ideologie gewesen ist.

Die deutsche Filmemacherin Nina Gladitz zeigt nun in ihrer akribischen Biografie «Leni Riefenstahl. Karriere einer Täterin», dass die Propagandistin als Künstlerin überschätzt, als Intrigantin jedoch unterschätzt wird.

Riefenstahls Regiedebüt im Jahr 1932 war bereits jener Film, der ihre Karriere die entscheidende Wendung nehmen liess. Denn der Bergfilm «Das blaue Licht» bezauberte Adolf Hitler. Er sollte Riefenstahl von nun an bis an sein Lebensende protegieren.

Inhalt des Films: Ein Mädchen kennt eine Kristallgrotte, wird von den Bergbewohnern verunglimpft, verzweifelt darob, stürzt in den Tod. Riefenstahl spielte die Hauptfigur.

Plötzlich ein Riefenstahl-Film

Nina Gladitz zeigt, dass «Das blaue Licht» nicht wirklich als Riefenstahl-Film bezeichnet werden kann. Dass die 28-jährige Berlinerin überhaupt mittun konnte, verdankte sie dem jüdischen Bankier und Produzenten Harry Sokal, der sich in sie verliebt hatte (Sokal heiratete später Charlotte Kerr, die ihrerseits die zweite Frau von Friedrich Dürrenmatt wurde). Harry Sokal finanzierte «Das blaue Licht», das Drehbuch schrieben die ebenfalls jüdischen Filmemacher Béla Balasz und Carl Mayer. Riefenstahl war auch am Drehbuch beteiligt und kam als «Mitarbeiterin» in die Credits.

Nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, wurde der Film plötzlich ihr allein zugeschrieben. Drehbuch, Regie, Produktion: alles angeblich Riefenstahls Leistung. Als Balasz den ihm zustehenden Lohn einforderte, liess sich die Filmerin juristisch ausgerechnet von Julius Streicher vertreten, dem Judenhasser und «Stürmer»-Herausgeber.

An der Dekonstruktion des «Debüts» von Leni Riefenstahl zeigt sich die Stärke von Gladitz’ Buch. Die 74-jährige Filmemacherin beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit Riefenstahl. 1982 drehte sie einen Dokumentarfilm über die NS-Propagandistin, und auch danach sichtete Gladitz weiter Urkunden und Briefe, Filmmaterial und Bücher. Ihre Biografie ist daher kein abgezirkeltes Projekt, sondern Ausdruck einer lebenslangen Obsession.

Gladitz ist Riefenstahl in den 80ern persönlich begegnetvor Gericht. Riefenstahl hatte vergeblich versucht, den für sie ungünstigen Dokumentarfilm zu verstümmeln.

Wollte den Dokumentarfilm über sich entschärfen: Leni Riefenstahl 1984 vor Gericht in Freiburg am Breisgau.

Wollte den Dokumentarfilm über sich entschärfen: Leni Riefenstahl 1984 vor Gericht in Freiburg am Breisgau.

Foto; Marlies Decker (Landes-Archiv Freiburg)

Der Grimm, mit dem sich Gladitz ihrem Objekt widmet, erweist sich allerdings zuweilen als Nachteil. So bietet die Autorin Angriffsflächen mit beiläufigen, aber unbelegten Behauptungen. Etwa, dass Riefenstahl eine Affäre mit dem afroamerikanischen Leichtathleten Jesse Owens gehabt habe.

Ihr teils aggressiver Ton macht zudem den Anschein, als habe sich Gladitz beim Schreiben Riefenstahl als Mitleserin vorgestellt, der es zünftig heimzuleuchten gelte. Und bei Detailfragen zu Riefenstahls Verflechtungen mit dem NS-Staat ist Jürgen Trimborns Standardwerk «Riefenstahl» nach wie vor erste Wahl.

Ein orgiastisches Erlebnis

Leni Riefenstahls grosse Zeit als Regisseurin war die Zeit zwischen Machtübernahme und Kriegsausbruch. Hitler versorgte sie mit Projekten und schützte sie gegen Kritik. Die Sympathie war dabei gegenseitig.

In ihren Memoiren von 1987 beschreibt Riefenstahl den Moment, als sie Adolf Hitler zum ersten Mal sah, als geradezu orgiastisches Erlebnis: «Mir war, als ob sich die Erdoberfläche vor mir ausbreitet wie eine Halbkugel, die sich plötzlich in der Mitte spaltet und aus der ein ungeheurer Wasserstrahl herausgeschleudert wurde, so gewaltig, dass er den Himmel berührte und die Erde erschütterte.»

Ein Liebespaar wurden der Diktator und die Regisseurin allerdings nie, trotz zahlreicher Gerüchte und offenen Avancen seitens Riefenstahl. Diese blieb die «Führerbraut ohne Geschlechtsverkehr», wie «Spiegel»-Herausgeber Rudolf Augstein das seltsame Verhältnis einmal bezeichnete.

Die NS-Elite zu Gast bei Riefenstahl: Die Regisseurin (Dritte von links) mit Hitler (Mitte) und Goebbels (Zweiter von rechts),

Die NS-Elite zu Gast bei Riefenstahl: Die Regisseurin (Dritte von links) mit Hitler (Mitte) und Goebbels (Zweiter von rechts),

Foto: «Süddeutsche Zeitung»

Riefenstahl profitierte davon, dass jüdische Filmkünstler vertrieben, eingesperrt und getötet wurden. Und davon, dass viele nichtjüdische Künstler die Emigration vorzogen. Das Filmland Deutschland war 1933 eine Wüste, und die Nazis hatten Mühe, prominente und fähige Filmer und Schauspieler für ihren Irrsinn zu gewinnen.

Riefenstahl sei «die Einzige von all den Stars, die uns versteht», schrieb Goebbels in sein Tagebuch. Riefenstahl, die während der Weimarer Republik noch mit angeblich jüdischen Vorfahren kokettiert hatte, war nun stramm auf NS-Linie.

Gladitz beschreibt das Drama der Künstlerin Riefenstahl, die nach 1933 zwar über alle Mittel, aber kaum über Erfahrung verfügte. Die grossen Projekte, die ihr Hitler und Goebbels nun auftrugen, überforderten sie. Während der Arbeiten am Parteifilm «Triumph des Willens» erlitt sie im Schneideraum mehrere Nervenzusammenbrüche.

Nervenzusammenbrüche und gestohlene Credits: Die Künstlerin Riefenstahl, hier 1934 beim Dreh von «Triumph des Willens».

Nervenzusammenbrüche und gestohlene Credits: Die Künstlerin Riefenstahl, hier 1934 beim Dreh von «Triumph des Willens».

Foto: Keystone, Alamy Stock Foto

Für ihren Olympiafilm holte sich Riefenstahl Willy Zielke zu Hilfeeinen fähigeren Filmemacher als sie selbst, als Bisexueller im NS-Deutschland aber seines Lebens nicht mehr sicher. Nina Gladitz zeigt, wie die Regisseurin dieses Abhängigkeitsverhältnis ausnutzte und wie sie erneut fremdes Schaffen in ihr Œuvre entführte. Sie liess ihren Kollegen planen, filmen und fotografieren und setzte dann ihre Unterschrift darunter.

Bis zu Gladitz’ Buch wurde Riefenstahl für Bilder gelobt, die Zielke gemacht hatte. Als sich Willy Zielke einmal widerspenstig zeigte, drohte Riefenstahl, ihn in eine Nervenanstalt abzuschieben. Zielke spurte er war ja bereits einmal unter dubiosen Umständen in eine Psychiatrie eingeliefert worden. Sich weiter gegen die Hitler-Vertraute zu wehren, wäre für ihn lebensgefährlich geworden.

Riefenstahl muss Zielke wie eine böse Hexe erschienen sein, aus deren Bann er sich nicht befreien konnte. Er sei bloss Riefenstahls «Werkzeug» gewesen, schrieb Zielke nach dem Krieg, als er wieder als mündiger Bürger leben konnte.

Von Riefenstahl manipuliert: Filmer Willy Zielke im Jahr 1932.

Von Riefenstahl manipuliert: Filmer Willy Zielke im Jahr 1932.

Foto: Galerie Berinson, Berlin

Nina Gladitz zeigt als Erste die ganze Tragödie des begabten Zielke. Dies auch dank eines Recherchefunds: Die Autorin entdeckte die Protokolle von Zielkes Vormund, die Riefenstahls Schmeicheleien und Drohungen dokumentieren.

Leni Riefenstahl verpflichtete Zielke auch für ihr Lieblingsprojekt «Tiefland», eine hinterhältige Romanze um einen Naturburschen, einen Gutsbesitzer und eine von allen begehrte Tänzerin gespielt von der Regisseurin selbst. Der Gutsbesitzer ist eine antisemitische Hassfigur, die am Schluss vom Naturburschen umgebracht wird.

Als Komparsen engagierte Riefenstahl 120 Sinti. Dutzende von ihnen wurden später in Auschwitz ermordet – manche hatten vergeblich gehofft, Riefenstahl würde sie noch retten. Es ist Gladitz’ Verdienst, die Geschichte dieser Sinti erforscht und publik gemacht zu haben.

Nach dem Krieg ereilte Leni Riefenstahl ein merkwürdiges Schicksal: Sie wurde nicht zum Paria, sondern zum Popstar. Dafür gab es mehrere Gründe. Da war etwa das Gruseln einer «wandelnden Geisterbahn» (Gladitz), das die Filmerin umgab. Riefenstahl war die Meisterin des nationalsozialistischen Bilderreigens. Sie war aber auch jene Frau, die dem schlimmsten Tyrannen Deutschlands ganz nah gewesen war.

Eine Feministin?

Ausserdem kam Riefenstahl auf krude Weise der Feminismus zupass. Dass sich eine Frau im supermachoiden Umfeld der Nazis behauptet hatte, liess einige Feministinnen darüber hinwegsehen, dass Riefenstahl selbst ein Nazi gewesen war. Alice Schwarzer etwa versuchte, Riefenstahl als letztlich naive Künstlerin zu rehabilitieren, die sich gegen viele Widerstände durchsetzen musste.

Gladitz lakonisch dazu: «Riefenstahl hat sich nicht einen einzigen Tag gegen Männer durchsetzen müssen. Im Gegenteil: Sie hat mit deren Hilfe Karriere gemacht. Allen voran der mächtigste Mann jener Zeit, Adolf Hitler.»

Ein Trottel – aber anders

Ein weiterer, sehr banaler Grund für Riefenstahls merkwürdiges Nachkriegs-Prestige: Die unbarmherzige Frau wurde biblisch alt. Leni Riefenstahl war der letzte prominente Nazi, der das Jahr 2000 erlebte. Geschickt spielte sie in ihren letzten Jahren mit den Medien. Um noch ein Interview mit der Grande Dame des NS-Mobs zu bekommen, übten sich die Journalisten in Demut.

So fragte das Schweizer Magazin «Facts» 2002 treuherzig als handle es sich um eine harmlose Schlagersängerin, worauf sie, Riefenstahl, im Leben stolz sei. Die Antwort: «Ich habe mich immer bemüht, das Beste zu erreichen, ohne dabei ein Gefühl von Stolz zu haben.»

Leni Riefenstahl starb 2003 im Alter von 101 Jahren. Seither galt das Bonmot des Filmwissenschaftlers Liam O’Leary: «Sie war ein Genie, aber ein politischer Trottel.» Nina Gladitz zeigt in ihrem Buch, dass das Gegenteil zutraf.

Nina Gladitz: Leni Riefenstahl. Karriere einer Täterin. Orell Füssli, Zürich 2020. 432 Seiten, ca. 36 Franken.

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