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Bevor uns schlecht wird – Regisseure setzen derzeit auffallend oft auf Ekelszenen. Aber muss das sein?

Natürlich sollen auch Filme Tabus brechen dürfen. Doch Protagonisten beim Kotzen und Pinkeln zu zeigen, nützt selten der Dramaturgie, findet unsere Autorin.

Wer dieser Tage ins Kino geht, um sich «Knives Out» anzusehen, sollte sich gut überlegen, ob er an der Kasse auch Popcorn oder Gummibärchen kauft. Die Krimikomödie um den Tod eines reichen Patriarchen bietet neben witzigen Dialogen nämlich reichlich unappetitliche Momente. Marta, die Pflegerin des alten Herrn, muss sich, immer wenn sie die Unwahrheit sagt, erbrechen. Die Lust auf Kino-Snacks kann einem da schnell vergehen.

In der Krimikomödie wird nicht mit unappetitliche Momenten gespart. Im Bild eine Szene mit ANA de Armas und Daniel Craig.

In der Krimikomödie wird nicht mit unappetitliche Momenten gespart. Im Bild eine Szene mit ANA de Armas und Daniel Craig. 

Lionsgate / Imago

«Knives Out» steht prototypisch für eine unbekömmliche Entwicklung im Filmwesen: Regisseure haben den Ekel wieder für sich entdeckt. Sie lassen die Schauspieler mit Hingabe Körperflüssigkeiten sichtbar absondern. Filmdialoge unter Männern finden neuerdings an Urinalen statt, und auch Frauen kommen auf Toiletten zum Zug: Sie setzen sich bevorzugt auf Kloschüsseln, um Mails zu checken oder im Flüsterton zu telefonieren. Wenn sich gerade kein Mensch irgendwie erleichtert, kann man davon ausgehen, dass wenigstens ein Hund kameragerecht einen Haufen setzt. Es scheint, als drücke das RTL-Dschungelcamp einer ganzen Branche seinen Stempel auf.

Ekel statt Sex?

«Wozu?», fragt sich die angewiderte Zuschauerin. Was ist die Botschaft der Filmemacher? Vielleicht versuchen sie sich mit uns zu verkumpeln, indem sie unsere Filmhelden ganz intim vorführen. Vielleicht soll Ekel Sex ersetzen: Seit #MeToo sind Bettszenen ein riskantes Unterfangen; man weiss nie, ob Schauspieler aus dem Dreh eine Missbrauchsklage wegen Übergriffigkeit machen. Vielleicht ist so ein Urinal aber auch, rein regietechnisch, die weniger aufwendige Kulisse für ein vertrauliches Gespräch, praktischer als die Nische im Restaurant, wo eigens Statisten rumsitzen und Salatteller angerichtet werden müssten.

Es gibt raffinierte Regie-Ideen, mit denen sich beim Publikum Unbehagen erzeugen lässt: In Alfred Hitchcocks «Suspicion» (1941) trägt Johnnie Aysgarth (Cary Grant) das berühmteste Glas Milch der Filmgeschichte seiner Frau Lina ans Bett. Die verdächtigt ihn, sie umbringen zu wollen. Ein winziges Neonlicht in der Milch schafft einen bedrohlichen Hell-Dunkel-Kontrast zwischen Glas und Raum, nie hat Milch eindrucksvoller ihre Unschuld verloren. Stanley Kubrick macht Steven Kings Roman «Shining» (1980) schon dadurch zum Horrorfilm, dass er mit den weiten Hallen und Gängen des menschenleeren Hotels Beklemmungen auslöst. In «Blair Witch Project» (1999) genügt die wackelige Handkamera fürs Unwohlfühlen, in «The Handmaid’s Tale» (2017) winterkahle Bäume und düstere Wohnzimmer.

Neuartige Abscheu gerät hingegen oft unrealistisch. Niemand umschlingt freiwillig eine öffentliche Kloschüssel, selbst bei grösster Übelkeit. Und keine Amerikanerin, liebe US-Regisseure, würde sich auf einer solchen Schüssel niederlassen, ohne nicht vorher mindestens zwei Lagen Toilettenpapier drauf zu legen. Weil sie kaum etwas so sehr fürchtet wie «germs», Bazillen.

Zugegeben: Der Umgang mit Körperausscheidungen hat sich gelockert. Es gibt Bilderbücher, die Tierkot lustig-kindgerecht erklären. Die Menstruation ist dabei, mithilfe von Kampagnen, Blogs, Web-Foren soziale Toleranz zu gewinnen. Der Magen-Darm-Trakt hat sich zum Lieblingsorgan von Mitteleuropäern entwickelt. Hobby-Gastroenterologen beschäftigen sich mit den Vorgängen darin und darum, Buchhandlungen widmen ihm eigene Sektionen. Solche Entwicklungen haben ihre Berechtigung, sie versachlichen bis anhin tabuisierte Themen oder verleihen ihnen einen populärwissenschaftlichen Anstrich.

Die Phantasie bleibt auf der Strecke

Natürlich sollen auch Filme Tabus brechen dürfen. Doch Protagonisten beim Kotzen und Pinkeln zu zeigen, nützt selten der Dramaturgie. Andeutungen wären da effektiver als die plastische Darstellung. Dass eine Frau im Négligée verführerischer wirken kann, als wenn sie splitternackt dasteht, hat sich unter Wäscheproduzenten lange herumgesprochen. Liegen nur unvollständige Informationen vor, haben wir die Gabe, diese dank Phantasie zu vervollkommnen, und wir tun das mit Wonne.

Psychologen an den Universitäten Lissabon und Toulouse haben das in einer Studie jüngst wieder bestätigt. Wenn also Frank Underwood (Kevin Spacey) in «House of Cards» auf das Grab seines Vaters uriniert und seine Frau Claire (Robin Wright) ein paar Folgen später auf dem Kapitolklo bei offener Toilettentür wichtige Verhandlungen führt, wenn in der britischen Sitcom «Catastrophe» (Amazon) Sharon Horgan Kindern ins Gesicht kotzt und sich eine Betrunkene auf Londons Strassen erleichtert, ist niemandem gedient. Es macht Filmhelden weder nahbarer noch authentischer, auch nicht glaubwürdiger.

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