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Berühren verboten? Von wegen! Im Umgang mit Touchscreens entwickelt sich der erwachsene Mensch zurück zum kleinen Kind

Die virtuelle Welt bringe einen Verlust an körperlichen Gesten – diese Klage ist populär. Dabei leben wir in Zeiten, da ohne Tasten und Tatschen nichts mehr geht: Jedes Gerät müssen wir heute befingern. Mehr Distanz wäre ein Segen.

Seit diesem Jahr koche ich innovativ und intuitiv. Das geht ganz einfach, und zwar so: Auf meinem neuen Herd mit Touch-Slide-Funktion, der laut Broschüre den Bedürfnissen der modernen Zeit entspricht, reguliere ich die Temperatur per Fingerzeig, ganz wie auf dem Smartphone-Display. Ein Schnitzel anzubraten, wird damit so simpel, wie eine E-Mail zu verschicken, der Touch-Herd ist nämlich selbsterklärend, ja ich kann ihn mit meinen Fingern auf derart natürliche Weise bedienen, dass er sich nahtlos in mein Leben fügt.

In Symbiose mit einem Kochfeld zu leben, mag Geräteherstellern als Traum erscheinen, in der Realität indessen ist man von den blumigen Versprechen der Prospekte noch ein schönes Stück entfernt. Sind die Hände nass, bockt das Display, lässt man das Fingerspitzengefühl vermissen, überspringt der Herd locker drei Stufen, und hat man vom Schmieren auf dem Koch-Screen die Fingerkuppen einmal schön voll Öl, macht auch das Rezeptlesen auf dem Smartphone-Display so richtig Spass.

In den letzten Monaten konnte man diesem Vergnügen ausgiebig frönen: Man ist recht oft mit dem eigenen Herd in Berührung gekommen, seit einem aus epidemiologischen Gründen geraten wurde, die Aufenthalte ausser Haus zu reduzieren und den Kontakt zu anderen Menschen einzuschränken.

Die verordnete Distanz hat viel zu reden gegeben, in zahllosen Texten und Reflexionen wurde über die verheerenden Auswirkungen fehlender Nähe spekuliert und der Rückgang von Berührungen beklagt. Die «berührungslose Gesellschaft» war freilich schon vor der Pandemie ein veritables Schreckgespenst. Sachbücher, die den Menschen als taktiles Wesen rehabilitierten, erschienen in den vergangenen Jahren in grosser Menge, und in einer immer virtueller werdenden Welt die Wichtigkeit des bedrohten Tastsinns zu betonen, ist geradezu Mode geworden.

Vom Klavier bis ins Museum

Wäre es nach den Internetbegeisterten der ersten Stunde gegangen, wären wir wirklich in eine Welt ohne Berührung eingetreten. Der Cyberspace, schrieben seine Verfechter in der «Unabhängigkeitserklärung» von 1996, sei überall und nirgends und jedenfalls «nicht dort, wo Körper leben». Doch die Rede von der Entkörperung traf vor 25 Jahren so wenig zu, wie sie es heute tut oder vor 50 Jahren tat, denn wir leben schon seit geraumer Zeit in einer Hochphase des Tastens. Ob die Menschen einander früher mehr berührten, damals, als sie in vorvirtuellen oder gar vorindustriellen Zeiten lebten und rigide Hierarchien und prüde Sitten die Gesellschaft bestimmten, kann man einmal offenlassen. Klar ist aber, dass die Hände oder eher die besonders berührungssensiblen Finger seit gut 150 Jahren einen neuen und dauernd zunehmenden Gebrauch erleben.

Die längste Zeit über hatte der Mensch bestenfalls auf Klavieren mit Tasten zu tun. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts aber begannen diese Dinger auf immer mehr Geräten aufzutauchen, und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Drucktaste omnipräsent geworden. Ihren Namen trägt die Taste nicht umsonst, unsere Sprache ist in diesen Belangen sehr präzis: Tasten werden angefasst. Und schon in den 1980ern sah der Medienphilosoph Vilém Flusser sie derart zahlreich werden, dass er es für unmöglich hielt, sie jemals alle berühren zu können.

Inzwischen scheinen sie zwar zunehmend zu verschwinden, aber genau gesehen verlieren sie nur ihre Konturen – immer öfter werden Tasten direkt in Bildschirme eingelagert, und so verborgen, durchziehen sie alles. Selbst im Museum, wo berühren einst strengstens verboten war, ersetzt der Touchscreen das Infoschild, und wenn man das Herumschmieren vor Vitrinen auch ähnlich sinnlos findet wie am Kochherd, macht es einem doch immerhin deutlich: Die moderne interaktive Welt funktioniert übers Tatschen.

Rückkehr zum Babybrei

Damit erleben wir den Aufstieg einer Geste, die einst ganz in die Sphäre des Privaten gehört und in der Rangordnung der Sinne einen unteren Platz belegt hat. An oberster Stelle stand lange das Sehen, vor allem in den aufkommenden Wissenschaften wurde es ab der Renaissance zur zentralen Funktion. Mit dem Auge nähern wir uns den Dingen – und bewahren zugleich die Distanz zu ihnen; das Gesehene ist Objekt, das Subjekt hält Abstand zu ihm und kann es als Abstraktion in seinem Geist reflektieren. Das Auge, und auch hier ist die Sprache genau, liefert Einsichten, dank seiner Ferne zu den Dingen kann der Mensch die Zusammenhänge zwischen ihnen erkennen.

Im Tasten hingegen kommen Subjekt und Objekt zusammen, vom berührten Ding zu abstrahieren, ist schier unmöglich, und so hat man diesen Sinn meist den niederen Bereichen zugerechnet. Protest gegen die Privilegierung des Sehens haben Sensualisten zwar schon im 18. Jahrhundert erhoben, aber erst viel später schlug er richtig durch. Im 20. Jahrhundert wurde die objektive Kühle des Sehens immer stärker kritisiert. Das Auge begann vielen als Instrument von Macht und Entfremdung eher denn als Mittel zur Erkenntnis zu erscheinen – und die Taktilität ist zum gefeierten Gegenpol aufgestiegen: zum Sinn, der Nähe, Verbindung und Schlichtheit verspricht.

Der Touchscreen treibt diese Verheissung auf die Spitze. Hier, wo selbst die vermittelnde Taste wegfällt, ist die Verbindung zwischen Mensch und Welt maximal direkt – und minimal verkopft. Die Bewegungen, die wir auf den Displays vollziehen, um vorwärtszukommen, zu wischen oder zu zoomen, sind laut Studien exakt dieselben, die Babys im Alter zwischen acht und dreizehn Monaten beim Schmieren mit Brei, Marmelade oder Suppe anwenden.

Freunde der Tatschgeräte mögen jubeln ob dieser Bezüge, von Intuitivität schwärmen und betonen, wie ganz ursprünglich sich die Maschinen doch am Wesen des Menschen orientierten. Denn ja: Das Greifen und das Befühlen sind unsere allerersten Formen des Denkens. Indem der Säugling die Welt anfasst, beginnt er sie – die Sprache lügt nicht – zu erfassen. Doch erwachsene Menschen müssten sich über diese Entwicklung eigentlich nicht wenig wundern. Wer noch irgendetwas auf die Kraft des Auges gibt, dem wird der tastende Fortschritt als bizarre Regression erscheinen: Wir mutieren zurück zu Kindern, um auf eine völlig unbegreifliche Welt zu reagieren.

Schliesslich sind wir längst nicht mehr mit dem Brei befasst, der unsere erste Entwicklungsstufe geprägt hat. Nein, wir befingern heute komplexe technische Geräte und mithin Dinge, deren Funktionieren bestenfalls noch mit jenem abstrakten Denken zu erfassen wäre, das wir später im Leben erlernen. Hochkomplizierten Gegenständen aber mit Babygesten zu begegnen, ist keine Form des Begreifens, sondern eine Art des Verschleierns. Zwischen der Kapazität unseres Verstandes und den Möglichkeiten unserer Geräte klafft eine enorme Lücke, aber anstatt den Graben zu reflektieren, rücken wir den Dingen immer näher. Das Unfassbare wischen wir mit leichter Geste weg und wiegen uns im Gefühl, mit ein paar Fingerzeigen alles im Griff zu haben.

Die Magie durchschauen

Just mit dieser frivolen Ignoranz gibt man letztlich die Kontrolle aus der Hand, das war schon bei den frühen Tasten evident. Der Philosoph Hans Blumenberg hat den Beweis 1959 mithilfe der elektrischen Klingel geführt, die seinerzeit ältere mechanische Modelle ersetzte. Anstatt effektiv eine Glocke zu betätigen, brauchte der Besucher an der Haustür neuerdings nur noch auf einen Knopf zu drücken – aber was sich hinter dessen Gehäuse abspielte, war nicht mehr zu erkennen. Die Bequemlichkeit war demnach mit einem magischen Touch verbunden, und während sie meinten, am Knopf zu sitzen, überliessen sich die Menschen freudig anderen Mächten: «Im Ideal des ‹Druckes auf den Knopf› feiert der Entzug der Einsicht sich selbst: Befehl und Effekt, Order und Produkt, Wille und Werk sind auf die kürzeste Distanz aneinandergerückt, so mühelos gekoppelt wie im heimlichen Ideal aller nachchristlichen Produktivität, dem göttlichen ‹Es werde!› des Anfanges der Bibel.»

An Magie hat das Tastendrücken nur gewonnen, seit noch die «kürzeste Distanz» verschwand und reine Berührung die Dinge zu steuern scheint. In dem Mass aber, in dem die Gesten einfacher und die Wirkung magischer wurde, hat die Komplexität der Alltagsgeräte zugenommen: Wir lösen nicht mehr bloss Klingeltöne aus, wir setzen algorithmische Prozesse in Gang und durchpflügen, nicht ohne Spuren zu hinterlassen, unermessliche Datenlandschaften, indem wir fröhlich auf allen möglichen Bildschirmen herumstreichen.

Man will dieses kindliche Vergnügen natürlich keinem nehmen. Und abzulassen vom Tasten, ist sowieso schwerlich möglich, so tief sind die Dinge vom Herd bis zum Handy tatsächlich mit unseren Leben verwoben. Aber man wünschte sich von der Welt der Erwachsenen, dass sie das Loblied aufs Berühren mit etwas Bedacht anstimmten und sich gelegentlich auch auf jene Entwicklungsstufen besännen, die wir Menschen nach dem Babyalter erreichen. Wenn wir es auch nicht vermögen, ganz auf eigenen Beinen zu stehen und die Maschinen zu verstehen, sollten wir doch nie darauf verzichten, einen Schritt zurückzutreten und aus kritischer Distanz auf unser Tun und Tatschen zu blicken. So liesse sich mindestens erkennen, dass Magie auf Mathematik beruht und all unsere intuitiv agierenden Finger den Spuren einiger Programmierer folgen.

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