Switzerland

Berner Obergericht: Mann erhält 800 Fr. wegen Vergewaltigungsvorwurf

Ein offenbar falscher Vergewaltigungsvorwurf führte laut der Zeitung «Le Matin» im Kanton Bern zu zahlreichen Beamtenbeleidigungen, einem 500-tägigen Gefängnisaufenthalt und Verfahrenskosten in der Höhe von 76'000 Franken. Am Mittwochnachmittag erschien der Angeklagte vor dem Berner Obergericht.

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Der Bieler C. S. wurde beschuldigt, vor acht Jahren die eigene Tochter als 11-Jährige sexuell missbraucht zu haben und pädophile Bilder von ihr gemacht zu haben. Ausserdem soll er versucht haben, sie nach Italien zu entführen. Von diesen schweren Vorwürfen seitens seiner Ex-Frau und Tochter wurde der 66-Jährige jetzt freigesprochen. Laut dem Richter sind die Vorwürfe des Mädchens unter dem Einfluss ihrer Mutter «schwer» und «unbegründet».

C. S. wurde aufgrund des psychischen Leidens durch den Vorwurf eine Entschädigung von 800 Franken zugesprochen. Zu wenig, wie er findet: «800 Franken für acht Jahre voller Qualen? Für einen solchen Betrag kann ich also einen Richter der Pädophilie bezichtigen?»

28 Straftaten

Nach der Anklage wegen sexuellen Missbrauchs ist C. S. gegenüber den Behörden ausfällig geworden, etwa hat er nach einer verbalen Auseinandersetzung in der ersten Instanz einem Anwalt den Mittelfinger gezeigt. Insgesamt hat er 28 Straftaten begangen. Drohungen, Beleidigungen und Gewaltanwendung gegenüber Beamten haben ihm 500 Tage Haft eingebracht, davon 456 Tage Untersuchungshaft und 44 Tage alternative Massnahmen. Diese Strafe ist nun in vollem Umfang verbüsst. Der Richter befreit C. S. von der psychiatrischen Behandlung, die von der ersten Instanz verhängt worden war. Er werde sich in einem Alter von 66 Jahren nicht mehr ändern.

Während der Urteilsverkündung bezeichnete C. S. den Richter mehrfach als Lügner: «Sie haben meine Aussagen gefälscht. Das ist wie bei der Mafia.» Der Richter entgegnet: «Ich habe noch nie so eine extreme Querulanz und Unverschämtheit erlebt.» Dennoch erkennt er auch eine Qualität: «C. S. weiss genau, wo die Grenze liegt zwischen dem, was verwerflich ist und dem, was gerade noch geht.» Der Angeklagte sei überdurchschnittlich intelligent.

Bis ans Bundesgericht

Laut seiner neuen Ehefrau ist C. S. «geschwätzig, aber grosszügig». Sein Sohn aus einer früheren Beziehung sagt, dass er sich «übertrieben» benehmen könne, dass aber die Behörden verantwortlich seien für die Qualen seines Vaters: «Als mein Vater festgenommen wurde, haben sie sich geweigert, mir zu sagen, in welchem Gefängnis er sich befindet.»

Verfahrenskosten von 66'000 Franken in der ersten und 10'000 Franken in der zweiten Instanz müssen noch aufgeteilt werden. Doch der Prozess ist wahrscheinlich noch nicht zu Ende: C. S. will seine 4000 Seiten umfassende Akte dem Bundesgericht vorlegen. Er fordert eine bessere Entschädigung des psychischen Leids. Sein Anwalt schätzte den Schaden auf 20'000 Franken, er selber fordert zwei Millionen.

(les)